Neue Pauschalabgabe? : Notaufnahmen als Hausarzt-Ersatz kosten SH-Kliniken Milliarden

Immer mehr Kranke gegen statt zum Hausarzt gleich in die Notfallambulanz. Deswegen regt die Ärztegewerkschaft Hartmannbund eine neue Pauschalabgabe an.

Margret Kiosz von
09. Juni 2015, 15:29 Uhr

Vor einem Jahr wurde die bei allen verhasste Praxisgebühr abgeschafft, weil die erhoffte Steuerungswirkung ausblieb. Jetzt bringt die Ärztegewerkschaft Hartmannbund eine neue Pauschalabgabe ins Gespräch: Wer sich ohne Überweisung in die Notfallambulanz eines Krankenhauses begibt, soll 20 Euro „Eintrittsgeld“ zahlen. In Schleswig-Holstein regt sich Widerstand sowohl bei der Krankenhausgesellschaft (KGSH) als auch bei den Kassenärzten. „Eine Notfall-Maut schafft nur einen enormen bürokratischen Aufwand und hält, wie die Praxisgebühr gezeigt hat, die Bürger nicht von unnötigen Arztbesuchen ab.“

Der Hartmannbund sieht das anders: Weil die Notdienste nichts kosten, würden sie von immer mehr Patienten aus Bequemlichkeit oder Unkenntnis missbräuchlich in Anspruch genommen. Wer hingegen zahlen müsse, überlege sich zweimal, ob er mit Husten, Schnupfen oder Heiserkeit gleich in die Klinik geht oder doch besser – wie vorgeschrieben – zunächst zum Hausarzt.

Hintergrund: Die Kliniken ächzen sei einigen Jahren unter dem Ansturm von Patienten , die – statt stundenlang im Wartezimmer des Hausarztes oder Abend und am Wochenende in den Notfallpraxen zu sitzen – lieber gleich ins Krankenhaus gehen. Allein von 2012 auf 2013 sind dort die ambulanten Notfallbehandlungen von Kassenpatienten um 9,2 Prozent gestiegen.

„Auch in Schleswig-Holstein gibt es immer mehr ambulante Notfälle an den Kliniken“, berichtet der KGSH-Chef Bernd Krämer. Er zeigte sich trotzdem gestern erleichtert darüber, dass der Maut-Vorschlag des Hartmannbundes schon fast wieder vom Tisch ist. Der SPD-Gesundheitsexperte im Bundestag Karl Lauterbach hat nämlich unmissverständlich klar gemacht, dass es eine Notfallmaut mit der SPD nicht geben wird.

Das bedeutet allerdings nicht, dass man das Problem der Klinikambulanzen ungelöst „einfach links liegen lassen kann“, betont Krämer. Erst jüngst habe ein Gutachten gezeigt, dass jeder dritte Patient auch vom Hausarzt hätte behandelt werden können – also in der Notfallambulanz fehl am Platz ist. Dass es gut 30 Prozent (vor allem junge Leute) trotzdem in die Klinik zieht, liegt möglicherweise am Glauben, dass das Krankenhaus mit seiner Expertise und Ausrüstung die bessere oder weitergehende medizinische Leistung bieten kann.

Doch dieser Glaube kommt die Gesellschaft teuer zustehen. Klinikchefs haben nachgerechnet: Bei jedem Patienten, der die Ambulanz aufsucht – egal ob aus gutem Grund oder wegen einer Lappalie – setzt das Krankenhaus 88 Euro zu. „Mehr als zehn Millionen ambulante Notfälle mit einem Fehlbetrag von 88 Euro pro Fall führen zu einer Milliarde Euro nicht gedeckter Kosten“, so Krämer. „Deshalb diskutieren wir derzeit alternative Projekte. Etwa sogenannte Portalpraxen“, berichte KV-Sprecher Marco Dethlefsen. Die sollen gemeinsam von Kassen- und Klinikärzten besetzt werden und entscheiden, ob ein Pflaster reicht oder es sich um einen berechtigten Notfall für die Klinik handelt. „Quasi wie ein Filter“, erklärt Dethlefsen.

Besonders Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern seien oft bei solchen Entscheidungen überfordert.

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