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Nach UN-Sanktionen : Nordkorea droht mit präventivem Atomschlag

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Nordkorea wähnt sich ständig von den USA und anderen Ländern bedroht. Die Führung des abgeschotteten Landes verstärkt das Säbelrasseln.

shz.de von
erstellt am 04.Mär.2016 | 07:12 Uhr

Seoul/Pjöngjang | Neue Drohgebärden des Regimes in Pjöngjang: Im Streit um das Atomprogramm Nordkoreas hat Machthaber Kim Jong Un die sofortige Einsatzbereitschaft von Nuklearwaffen angeordnet. Zudem solle sich das Militär für Präventivschläge gegen Feinde bereithalten. Das Land befinde sich in einer äußerst gefährlichen Lage, wurde Kim am Freitag von den staatlich kontrollierten Medien des Landes zitiert. Es sei notwendig, „dass die atomaren Sprengköpfe zur Verteidigung jederzeit bereit sind, um sie jeden Moment abzufeuern“.

Nach Angaben aus westlichen Quellen werden Hunderttausende Menschen in Nordkoreas politischen Haftanstalten gefangen gehalten. An der Spitze der von einem Geflecht aus kommunistischer Arbeiterpartei und Militär beherrschten Diktatur steht Kim Jong Un. Das abgeschottete und bitterarme Land hat rund 25 Millionen Einwohner.

Die Verschärfung des Tons durch das kommunistische Regime war nach der Verkündung der bisher schärfsten UN-Sanktionen gegen das Land erwartet worden. Mit der Verabschiedung der Resolution 2270 hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am Mittwoch auf Nordkoreas Atomtest im Januar - den insgesamt vierten des Landes - und auf den ebenfalls weltweit kritisierten Start einer Weltraumrakete im Februar reagiert. Die internationale Gemeinschaft sieht in dem Satellitenstart den verdeckten Test einer militärischen Langstreckenrakete. Nordkorea spricht von friedlichen Zwecken.  

Kim unterstellte den USA, sein Land angreifen zu wollen und eine „Enthauptungsoperation“ zu planen. Er verwies dabei auch auf die bevorstehenden jährlichen Frühjahrsmanöver der südkoreanischen und amerikanischen Streitkräfte, die Nordkorea regelmäßig als Provokation kritisiert. „Der einzige Weg zur Verteidigung der Souveränität unseres Volkes und dessen Existenzrecht in der derzeit extremen Situation ist, die atomare Streitmacht in Qualität und Quantität auszubauen“, wurde Kim weiter zitiert. Er äußerte sich demnach, als er einer Schießübung für einen neu entwickelten Mehrfachraketenwerfer beiwohnte.

Nach Angaben des südkoreanischen Verteidigungsministeriums hatte Nordkoreas Militär am Donnerstag an der Ostküste sechs Kurzstreckenraketen in Richtung offenes Meer abgefeuert. Die Geschosse seien etwa 100 bis 150 Kilometer weit geflogen und dann ins Meer gestürzt. Der Abschuss wurde von Beobachtern auch als Zeichen des Protests gegen den UN-Resolutionsbeschluss gesehen. Die Resolution sieht unter anderem Kontrollen aller Frachtlieferungen von und nach Nordkorea vor. Die Sanktionen, die die USA und Nordkoreas traditioneller Verbündeter China ausgehandelt hatten, sollen Nordkorea von Devisenquellen abschneiden, durch die das Land sein Atomprogramm finanziert. Zu den Maßnahmen gehört auch ein Exportverbot für bestimmte Bodenschätze.

Unterdessen setzten die USA und Südkorea in Seoul eine gemeinsame Arbeitsgruppe ein, die über die Möglichkeit der frühen Verlegung eines US-Raketenabwehrsystems in den Süden der geteilten koreanischen Halbinsel verhandeln soll. Dies war im Februar bereits angekündigt worden. Es handelt sich um ein mobiles, landgestütztes Abwehrsystem, das Südkorea und die in dem Land stationierten US-Truppen vor nordkoreanischen Raketen schützen soll. Die Diskussionen dürften aber vor allem China und Russland beunruhigen, die solche US-Abfangraketen nicht in ihrer Nachbarschaft haben wollen.

Hintergrund: Nordkoreas Atomtests

Erster Atomtest 2006

Im Februar 2005 bekennt sich das kommunistische Regime in Pjöngjang erstmals offiziell zum Besitz von Atomwaffen. Eineinhalb Jahre später lässt es den ersten unterirdischen Atomtest durchführen. Die Vereinten Nationen verhängen daraufhin Sanktionen gegen Nordkorea, die nach weiteren Tests in den Folgejahren verschärft werden.

Südkoreas Regierung vergleicht die Sprengkraft der ersten Explosion vom Oktober 2006 mit der von weniger als einer Kilotonne TNT. Das damals ausgelöste Erdbeben der Stärke 4,2 dient dabei als wichtiger Indikator, da auf die Stärke nordkoreanischer Kernwaffen nur über die Heftigkeit der Detonation bei Tests geschlossen werden kann.

Zweiter Atomtest 2009

Im Mai 2009 unternimmt Nordkorea einen zweiten Atomtest, der nach Schätzungen Seouls die Kraft von zwei bis sechs Kilotonnen hat.

Dritter Atomtest 2013

Der dritte Atomtest folgt im Februar 2013: Südkoreas Verteidigungsministerium spricht von einer Sprengkraft von sechs bis sieben Kilotonnen. Dagegen errechnet die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe eine Ladungsstärke von 40 Kilotonnen TNT-Äquivalent. Zum Vergleich: Die Atombombe, die 1945 über Hiroshima gezündet wurde, hatte eine Sprengkraft von rund 13 Kilotonnen.

Vierter Atomtest 2016

Am 6. Januar 2016 meldet Pjöngjang schließlich erstmals den Test einer Wasserstoffbombe, deren Sprengkraft die von Atombomben üblicherweise um ein Vielfaches übertrifft. Westliche Experten gehen jedoch eher davon aus, dass eine herkömmliche Atombombe gezündet wurde. Zum Vergleich: Die im November 1952 gezündete erste US-Wasserstoffbombe mit zehn Megatonnen rund 700-mal so stark wie die Atombombe von Hiroshima. Die Sowjetunion zündete 1961 eine 58-Megatonnen-Wasserstoffbombe.

Fünfter Atomtest 2016

Am 9. September wird nahe dem nordkoreanischen Testgelände Pyunggye-Ri ein Erdbeben der Stärke 5,3 gemessen. Nordkoreas Medien bestätigen nur wenige Stunden danach einen fünften und erfolgreichen Atomwaffentest. Experten im Ausland schätzen die Kraft der Bombe auf zehn Kilotonnen.

Sechster Atomtest 2017

Am 2. September testet Nordkorea nach eigenen Angaben erfolgreich eine Wasserstoffbombe. Das nordkoreanische Atomwaffeninstitut spricht von einem „perfekten Erfolg“. Erste Hinweise gab ein Erdbeben der Stärke 6,3 in der Provinz Nord-Hamgyong im Nordosten, wo auch schon frühere Nuklearversuche unternommen worden waren. Das Beben war in Südkorea und in Nordostchina spürbar. Chinas Erdbebenamt meldete ein zweites Erdbeben der Stärke 4,6. Die Sprengkraft war um ein Vielfaches stärker als bei den letzten Tests, die bei 15 bis 25 Kilotonnen lagen. Nach eigenen Messungen geht die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) von „wenigen hundert Kilotonnen“ aus.

 
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