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US-Vorwahlen : Niederlage in Iowa: Das Trump-Missverständnis

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Trotz Rückschlag: Wer den republikanischen Präsidentschaftskandidaten nicht ernst nimmt, wird am Ende sein blaues Wunder erleben, sagt Politik-Beobachter Thomas J. Spang.

Bevor die Ergebnisse der ersten Vorwahlen in Iowa eintrudelten, stand ein Verlierer bereits fest: Die Besatzung auf dem „Raumschiff Washington“. Dazu gehören die Strategen der Parteien, die Meinungsführer in den Medien und die Vordenker in den Denkfabriken. Erst hieß es, Donald Trump sei nur ein Sommerflirt. Im Herbst verkündeten sie, der Populist habe sich mit seiner Mexikaner- und Muslim-Hetze de facto nicht wählbar gemacht. Als er vergangene Woche die Kandidaten-Debatte im republikanischen Haussender Fox schwänzte, sahen darin nicht wenige das Signal einer „Trump-Dämmerung“. Jetzt hat der Immobilienmilliardär den ersten wichtigen Stimmungstest seiner Republikaner verloren. Der erzkonservative Ted Cruz lag am Montagabend (Ortszeit) knapp vor Trump in Iowa.

Donald Trump wird wegen seiner teils haarsträubenden Forderungen viel kritisiert - und auch immer wieder parodiert. Doch die stetige Auseinandersetzung mit seiner umstrittenen Person hat dem Milliardär auch zu immer größerer Bekanntheit verholfen.

Mehreren US-Medienanstalten zufolge erreichte Cruz 28 Prozent der Stimmen. Trump kam auf 24 Prozent. Überraschend stark war der moderate Bewerber Marco Rubio (23 Prozent). „Das ist heute ein Sieg für die Wurzeln der Konservativen in Iowa und der ganzen Nation“, schrieb Cruz auf Twitter. Donald Trump äußerte sich nicht.

Während die professionellen Politikerklärer standfest darauf beharrten, der blondierte Politclown werde niemals gewählt, legte der Milliardär von Monat zu Monat in den Umfragen zu. Seine Fans warteten bei Minusgraden oft stundenlang auf Einlass zu den Kundgebungen in den aus allen Nähten platzenden Sälen. Trump konnte diesen Enthusiasmus bei den ersten Vorwahlen in Iowa nun in tatsächliche Wählerstimmen umsetzen. Am Ende reichte es dennoch nicht zum Sieg gegen Cruz. Trotzdem stellt sich die Frage: Was treibt die Trump-Bewegung an und warum hat sie kaum jemand ernst genommen?

Das Missverständnis basiert zum Teil auf der Entkoppelung der gesellschaftlichen Eliten in den Metropolen entlang der Küsten von den Lebensrealitäten großer Teile der US-Bevölkerung. Nach der großen Rezession infolge der Lehmann-Pleite erholte sich die Wirtschaft zwar schneller als in anderen Industrie-Nationen, aber sehr ungleich. Der Aufschwung machte sich nur in den Taschen der ohnehin schon besser positionierten Amerikaner bemerkbar. Die Verlierer der Globalisierung fielen noch weiter zurück. Daher die Wut auf Washington und die Wall Street.

Trump bedient diese Wut der kleinen Leute mit seinen gezielten Tabubrüchen, Beleidigungen und Ungehörigkeiten. Je unverschämter, desto besser. Er ist der personifizierte „Stinkefinger“, mit dem die Unzufriedenen „denen da oben“ ihren Unmut zeigen. Wenn etablierte Kandidaten oder Kommentatoren versuchen, Trump als Idioten und Politclown darzustellen, stärkt das bloß die Identifikation mit ihm. Es schweißt die Koalition der Verlierer nur mehr in dem Glauben zusammen, die Eliten schauten auf ihren Kandidaten so von oben herab, wie auf sie selber. Wie andere Rechtspopulisten rund um die Welt lässt Trump seine Anhänger sich überlegen fühlen, indem er gegen Minderheiten hetzt. Das düstere Versprechen der Deportation von elf Millionen Latinos und verschlossene Türen für Muslime appelliert an die niedersten Instinkte. Trump ist kein Konservativer, sondern ein Nativist mit einem Weltbild, das mehr ins 19. Jahrhundert passt als ins 21ste. Freiem Handel setzt er Protektionismus gegenüber, kollektiven multinationalen Sicherheitssystemen nationalistischen Militarismus.

Er bewundert Diktatoren und Autokraten und lockt seine Anhänger mit einer Attitüde, die wenig Gutes verheißen lässt. In deren Augen demonstriert er Stärke, wenn er das republikanische Establishment und Fox herannimmt. Deshalb punktet Trump jedes Mal mit politischer Nicht-Korrektheit. Seinen Status als Pop-Ikone einer auf Berühmtheiten versessenen Kultur benutzt Trump geschickt, seine Fans zu verführen. Die möchten nur zu gerne glauben, der Milliardär werde für sie irgendwie bewerkstelligen, was er für sich selber geschaffen hat. Dieser magische Glauben manifestiert sich in seinem Slogan, Amerika wieder großartig zu machen.

Das Phänomen Trump lässt sich nicht aus der Welt reden. Vor allem sollte sich niemand auf die andere Gewissheit verlassen, die Meinungsmacher so eifrig verbreiten: Dass der Rechtspopulist niemals eine Chance habe, ins Weiße Haus gewählt zu werden. Wer das verhindern will, nimmt die Herausforderung besser ernst, bevor es zu spät ist – auch nach Iowa.

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erstellt am 01.Feb.2016 | 20:18 Uhr

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