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Türkei : Neues Ausmaß des Terrors - Angriff auf Istanbuls Atatürk-Airport

vom
Aus der Onlineredaktion

39 Menschen starben bei dem Anschlag am Flughafen Atatürk. Mindestens 147 sollen verletzt sein.

shz.de von
erstellt am 29.Jun.2016 | 08:04 Uhr

Istanbul | Selbstmordattentäter haben am späten Dienstagabend den Istanbuler Atatürk-Airport angegriffen. Es ist ein Massaker: 39 Menschen wurden getötet, mindestens 147 verwundet. Es ist schon der vierte schwere Terrorangriff in Istanbul in diesem Jahr, das gerade einmal zur Hälfte vorüber ist. Die bisherigen Anschläge trafen das historische Zentrum Istanbuls und die berühmteste Einkaufsmeile des Landes - beide gehören zum Pflichtprogramm für ausländische Istanbul-Besucher.

Für diese Taten wurden die TAK - eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK - beziehungsweise die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) verantwortlich gemacht. Sie sind auch die Hauptverdächtigen für das jüngste Massaker. Bisher bekannte sich keine Gruppierung zu der Tat. Die türkische Polizei fahndet nach den Hintermännern des Anschlags. Ministerpräsident Binali Yildirim, der den Flughafen noch in der Nacht besuchte, sagte am Mittwochmorgen, erste Hinweise deuteten auf die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) als Urheber hin.

Der Atatürk-Airport ist der größte Flughafen des Landes, fertigt in etwa so viele Passagiere wie der Airport in Frankfurt/Main ab und wächst viel schneller als die deutsche Konkurrenz. Der Flughafen trägt den stolzen Namen des Staatsgründers und steht für den wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei.

 

Anders als auf Flughäfen in der EU üblich finden in türkischen Airports Sicherheitskontrollen schon vor dem Eingang ins Terminal statt. So ist das auch im Atatürk-Airport, Gepäck wird vor dem Eingang durchleuchtet, Passagiere müssen durch Metalldetektoren. Das Sicherheitspersonal steht nicht im Ruf, seinen Dienst lax zu verüben - dafür ist die Terrorbedrohung in der Türkei zu hoch.

Die Details des Angriffs wurden nur langsam klarer. Nach Angaben des Istanbuler Gouverneurs Vasip Sahin griffen drei Selbstmordattentäter an. Offiziell unbestätigt blieb zunächst, ob es einer oder mehrere Täter trotz der Sicherheitsvorkehrungen ins Terminal schafften. Berichte von Augenzeugen deuten allerdings darauf hin.

 

Der Südafrikaner Paul Roos (77) ist zum Zeitpunkt des Angriffs im Flughafen. Er hat einen Segelurlaub mit seiner Frau Susie (69) in Bodrum verbracht, in der Nacht zu Mittwoch will das Ehepaar zurück nach Kapstadt fliegen. Roos sagt, er und seine Frau seien gerade die Rolltreppe von der Ankunftsebene zur Abflugsebene hochgefahren, um einzuchecken. Dann brach die Gewalt los.

„Wir haben Schüsse gehört und uns in einer Ecke versteckt“, sagt Roos. „Meine Frau hat die Hände vors Gesicht gehalten, aber ich habe geschaut, was passiert. Ich habe einen schwarz gekleideten Mann gesehen, der etwa 50 Meter von uns entfernt herumgeschossen hat.

Leute kamen uns in Panik entgegen gerannt. Nach kurzer Zeit haben wir zwei Explosionen gehört. Es hat sich so angehört, als kämen sie von unten. Sie waren so stark, dass das ganze Gebäude erschüttert wurde.“ Roos weiß nicht, wie es nun weitergeht. Er und seine Frau sind aus dem Terminal geflohen und sind nun Hunderte Meter entfernt in Sicherheit - die Polizei hat das Gelände weiträumig abgesperrt. Ratlose Reisende sitzen vor der Absperrung auf ihren Koffern. Viele versuchen, Angehörige zu erreichen.

Einer der türkischen Wartenden sagt, er warte auf seine Ehefrau, die im Duty-Free-Geschäft im Flughafen arbeite. Sie habe ihm am Telefon gesagt, Menschen im Flughafen seien vor den Terroristen sogar auf die Landebahn geflohen. Der Flugverkehr wurde nach dem Angriff vorübergehend komplett eingestellt. Am Mittwoch wurde er wieder aufgenommen. Erste Flüge von Turkish Airlines landeten am frühen Morgen. Der Sender CNN Türk berichtete, Reisende könnten inzwischen auch wieder ins Terminal. Der Angriff sorgt allerdings für ein massives Chaos im Flugverkehr.

Turkish Airlines strich für Mittwoch mehr als 340 Flüge. Die Airline bot allen Reisenden mit Buchungen von oder nach Atatürk Airport an, die Flüge kostenlos umzubuchen oder zu stornieren. In der Nacht waren etliche ratlose Reisende vor dem Flughafen gestrandet, die vor den Terrorangriffen aus dem Terminal geflohen waren.

Nach dem Angriff hatte Ministerpräsident Binali Yildirim den Flughafen noch in der Nacht für landende und startende Flüge wieder für geöffnet erklärt. Unterdessen gibt es von Berlin-Tegel keine Flüge nach Istanbul. Dies sagte Flughafensprecher Lars Wagner der Deutschen Presse-Agentur. Regulär wären es am Mittwoch fünf Flüge. Ob davon noch welche stattfinden werden, sei eine Entscheidung der Fluggesellschaften. Ob es Flüge von Istanbul nach Tegel geben werde, ist laut Wagner ebenfalls noch unklar.

Auch eine am Dienstagabend mit 209 Passagieren und dem Ziel Istanbul von Berlin-Tegel aus eine Stunde verspätet gestartete Maschine der Turkish Airlines erreichte ihr Ziel nicht. Ursprünglich hieß es, sie solle nach Ankara umgeleitet werden. Laut Wagner kehrte die Maschine dann aber über der Slowakei um und flog zurück nach Tegel.

Derweil hat sich der Anschlag auf den Flugverkehr in Frankfurt kaum ausgewirkt. Am Dienstagabend sei ein Flug gestrichen worden, am Mittwoch würden drei Flüge aus Istanbul und zwei Flüge nach Istanbul gestrichen, erklärte Flughafenbetreiber Fraport am Mittwochmorgen auf Anfrage.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach den Opfern ihre Anteilnahme aus. Sie sei erschüttert über „diese neuen und hinterhältigen Akte des Terrorismus“, sagte sie am Rande des EU-Gipfels in Brüssel. Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich in einem Tweet entsetzt über den Terroranschlag:

 

Ob auch Deutsche unter den Opfern des Attentats sind, ist laut einer Sprecherin des Auswärtigen Amtes bisher noch nicht bekannt.

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