Nach Anschlag in Paris : Neue „Charlie-Hebdo“-Ausgabe vergriffen – Auflage wird erhöht

Das neue Cover der „Charlie Hebdo“ zeigt einen weinenden Propheten.
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Das neue Cover der „Charlie Hebdo“ zeigt einen weinenden Propheten.

Am Mittwoch erscheint eine neue Ausgabe des Satiremagazins in Rekordauflage. In Deutschland dauert es etwas länger. Am Samstag kommt die Ausgabe auch nach SH. „Alles ist vergeben“ steht auf dem neuen Titel.

shz.de von
14. Januar 2015, 13:15 Uhr

Paris/Berlin | Das religionskritische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ stemmt sich eine Woche nach dem von Islamisten in Paris verübten Anschlag gegen den Terror. Mit einer Zeichnung des Propheten Mohammed auf dem Titel und einer Rekordauflage von drei Millionen Exemplaren erschien an diesem Mittwoch die neue Ausgabe der Zeitschrift. Auf die Verkaufsstellen hat es am Mittwochmorgen einen riesigen Ansturm gegeben. An etlichen Pariser Zeitungskiosken war die erste Ausgabe des Blattes seit dem Attentat auf die Redaktion innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Viele Stammkunden hätten sich schon im Vorfeld Exemplare reserviert, berichteten Verkäufer. Die ersten 700.000 Exemplare waren somit innerhalb weniger Stunden verkauft worden. An den rund 27.000 Zeitungskiosken und anderen Verkaufsstellen im Land hieß es am Vormittag „Nichts geht mehr“, wie die Händlerorganisation UNDP berichtete. Der Vertrieb teilte mit, statt der ursprünglich geplanten drei Millionen Exemplare nun fünf Millionen Exemplare drucken zu wollen. Bereits am Mittwochnachmittag sollte es neue Lieferungen geben.

Das am Montagabend vorab veröffentlichte Titelbild des Magazins zeigt eine Zeichnung des Propheten Mohammed, der trauernd ein Schild mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ (deutsch: Ich bin Charlie) in den Händen hält. Über der Zeichnung steht in großen Buchstaben „Tout est pardonné“ (deutsch: Alles ist vergeben). Medienberichten zufolge erscheint die Ausgabe in 16 Sprachen. In der jüngsten Ausgabe des Magazins machen sich die noch lebenden Macher unter anderem über die islamistischen Terroristen lustig. In Karikaturen werden sie als geistig minderbemittelte Idioten der Lächerlichkeit preisgegeben. Einen Einblick ins neue Heft gibt es heute exklusiv auf sueddeutsche.de

Die neue Ausgabe der „Charlie Hebdo“.
Foto: „Papershot“/Süddeutsche Zeitung
Die neue Ausgabe der „Charlie Hebdo“.

In einer Zeichnung wird etwa darauf angespielt, dass einer der Attentäter bei einem Entsorgungsbetrieb arbeitete. In der Karikatur steht der Abfallsortierer ratlos vor zwei Mülltonnen, von denen eine die Aufschrift „Gut“ und die andere die Aufschrift „Böse“ trägt. „Das ist zu kompliziert“, steht dazu in der Sprechblase.

In einer anderen Karikatur fragen die von der Polizei getöteten Attentäter im Himmel nach Jungfrauen, die sie von Gott als Belohnung für ihren Terrorangriff erwarten. Die seien alle beim Team von Charlie, wird ihnen aus einer Wolke zugerufen, in der eine wilde Party steigt.

Das Magazin kommt in Deutschland voraussichtlich erst am Wochenende in den Handel. „Es werden nach Deutschland nach derzeitigem Stand 10.500 französischsprachige Exemplare von 'Charlie Hebdo' geliefert, die am Samstagmorgen in den Kiosken sein werden“, sagte ein Sprecher des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger am Dienstag in Berlin. „Das ist wesentlich zu wenig.“ Ständig gingen neue Anfragen ein. „Wir gehen davon aus, dass die Bestellungen schon bald sechsstellig sein werden.“ Es werde wohl eine prozentuale Verteilung an Großhändler geben. Es ist davon auszugehen, dass in Deutschland vor allem prominente Presse-Verkaufsstellen wie Bahnhofsbuchhandlungen und Läden in Flughäfen sowie in Innenstädten bei der Belieferung zum Zuge kommen. Die Nachfrage werde diese Menge nach jetzigem Stand wohl „bei weitem“ übertreffen. In Deutschland war das Satireblatt bisher nur in sehr kleinen Mengen nachgefragt worden. Nun rechnen die Händler mit einer großen Zahl von Solidaritätskäufen. Es soll nach bisherigem Stand 4,00 Euro kosten. Wie viele Exemplare in Schleswig-Holstein erhältlich sein werden, ist bislang unklar. Der Presse Grossist „Carlsen und Lamich“ in Kiel sagt dazu: „Fest steht bislang nur, dass wir am Samstag Exemplare bekommen werden. Wie viele können wir allerdings nicht sagen“, hieß es auf Anfrage von shz.de.

Die erste Ausgabe nach dem Attentat entstand in den Räumen der Tageszeitung „Libération“ in Paris, die wie andere französische Medien den Überlebenden des Anschlags auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ Unterstützung zugesagt hatte. Der Kolumnist des Magazins, Patrick Pelloux, hatte bereits einen Tag nach dem Anschlag auf die Redaktion mit zwölf Toten ein neues Heft angekündigt.

Die katholische französische Tageszeitung „La Croix“ schreibt am Mittwoch zum Erscheinen der neuen Ausgabe: „Und 'Charlie Hebdo' erscheint wieder. Auf der 'Eins' eine Zeichnung, die weniger ätzend ist als viele der früheren Karikaturen. Die Abbildung wird dennoch in den Augen vieler Muslime provozierend wirken, die nicht akzeptieren, dass die Figur des Propheten Mohammed dargestellt wird. Aber es war unmöglich für das Team der 'Überlebenden', den Einschüchterungsversuchen nachzugeben und auf jene Karikaturen zu verzichten, die sie die Verurteilung zum Tod gekostet hat und ihre Freunde zu verraten. So bleibt sich 'Charlie' treu.“

Der Iran hat das Titelbild der neuen Ausgabe mit der Karikatur des weinenden Propheten Mohammed verurteilt. „Das ist eine provokative Geste und für Muslime verletzend“, sagte Außenamtssprecherin Marsieh Afcham am Mittwoch in Teheran. Sie sprach von einem Missbrauch der Pressefreiheit, der für Muslime inakzeptabel sei. Respekt für religiöse Heiligkeiten sei ein weltweit anerkanntes Prinzip, das auch europäische Staatsmänner akzeptieren sollten, so die Sprecherin.

Nach den Anschlägen islamistischer Terroristen verstärkt Frankreich mit einem Aufgebot von 10.000 Soldaten massiv die Sicherheitsvorkehrungen, wie Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian unterdessen am Montag ankündigte. Am Dienstagabend nimmt Frankreich Abschied von den drei erschossenen Polizisten. Zu der Veranstaltung in der Polizeipräfektur in Paris wird auch Präsident François Hollande erwartet.

Beim Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ waren ein Polizist und ein als Personenschützer abgestellter Beamter getötet worden. Im Süden der Stadt wurde eine Polizistin erschossen. Insgesamt starben bei den Anschlägen 17 unschuldige Opfer sowie die drei Terroristen.

Als Hintergrund des Terroranschlags gelten die früheren islamkritischen Mohammed-Karikaturen des Blattes. Nach den Glaubensvorstellungen von Muslimen sollen weder Gott noch Mohammed oder andere Propheten bildlich dargestellt werden. Das hängt mit dem Verbot der Anbetung von Götzen zusammen.

In Berlin wollen führende Politiker am Dienstag gemeinsam mit den Muslimen in Deutschland gegen islamistischen Terror und für ein friedliches Zusammenleben der Religionen demonstrieren. An der Mahnwache am Brandenburger Tor nehmen auf Einladung des Zentralrats der Muslime Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), ihr Vize Sigmar Gabriel (SPD) und mehrere Minister teil. Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede.

In Frankreich sucht die Polizei weiter nach Unterstützern der Terroristen. Es gebe „ohne Zweifel einen Komplizen“, sagte Premier Manuel Valls. „Die Jagd geht weiter.“ Für diesen Dienstag kündigte Valls eine Trauerfeier für die drei bei den Anschlägen getöteten Polizisten an. Dazu wird auch Präsident François Hollande erwartet. Noch in dieser Woche soll eine Zeremonie zum Gedenken an alle Opfer im Invalidendom in Paris stattfinden. US-Außenminister John Kerry will nach Kritik am Fehlen hochrangiger US-Politiker beim Gedenkmarsch für die Terror-Opfer am Donnerstag und Freitag Paris besuchen, um Solidarität zu zeigen.

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