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Neuanfang einer verunsicherten Partei

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Prusseliese ist die fiese Erzieherin, die Pippi Langstrumpf im gleichnamigen Kinderbuch alles verbieten will – und genauso sieht die Ostholsteinerin Christiane Stodt-Kirchholtes auch ihre Partei: Das „gouvernantenhafte Auftreten“ der Grünen habe „viele Wähler verprellt“, ruft sie am Wochenende in Berlin beim Bundestreffen der Ökopartei den 800 Delegierten zu. Noch drastischer drückt es die Frankfurterin Manuela Rottmann aus: Mit den Vorstößen zum fleischfreien „Veggie-Day“ und höheren Steuern seien die Grünen zur „Klugscheißerpartei“ geworden.

Die Basis macht ihrem Ärger über die missratene Bundestagskampagne und dass enttäuschende Wahlergebnis von 8,4 Prozent Luft – doch mehr als ein reinigendes Gewitter sind die Wortbeiträge am Ende nicht. Wo die Grünen künftig hinwollen, bleibt auch nach drei Tagen diskutieren und der Neuwahl der Führungsspitze im Ungefähren. Klar, mehr Mandate als diesmal möchte der wiedergewählte Parteichef Cem Özdemir in vier Jahren für die Partei holen, doppelt so viele gar die neue Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Und „selbstbewusst, eigenständig und ohne Scheuklappen“ will die neue Ko-Vorsitzende Simone Peter die Grünen künftig erleben. Özdemir bringt es auf die Formel: „Wir sind nicht links, wir sind nicht rechts, wir sind vorn.“

Doch was heißt das in der gegenwärtigen Lage? Für den Ex-DDR-Bürgerrechtler und Europaabgeordnete Werner Schulz wäre Schwarz-Grün die Zukunft: Die Partei habe durch die Absage an Koalitionsverhandlungen mit der Union „eine historische Chance“ verpasst, kritisiert er: „Es hätte sich gelohnt, das zu vertiefen.“ Dagegen stellt der Berliner Christian Ströbele sogar den Antrag, Sondierungen mit SPD und Linkspartei aufzunehmen: „Die Gemeinsamkeiten sind groß.“ Der neue Fraktionschef Anton Hofreiter hält beides für Unsinn: „Mit der Union gab es zwar eine konstruktive Atmosphäre – aber in den entscheidenden Fragen keine substanziellen Angebote.“ Und die SPD befinde sich derzeit in Verhandlungen über eine große Koalition – da werde sie jetzt nicht mit Grünen und Linkspartei reden. Ins verunsicherte Bild von den Grünen passt auch, dass die Delegierten ausgerechnet die gescheiterte alte Garde um Claudia Roth sowie die Ex-Fraktionschefs Jürgen Trittin und Renate Künast am begeistertsten feiern. Als hätte es die Wahlschlappe nicht gegeben, bejubeln sie die Altvorderen und bescheren Roth einen emotionalen Abschied. Tatsächlich hält sie auch noch mal eine so kämpferische Rede, als wolle sie doch noch einmal antreten. Gegen sie bleiben die neue Parteichefin Peter und auch Özdemir blass – und erzielen auch bei der Vorstandswahl mit 76 Prozent (Peter) und 71 Prozent (Özdemir) nur gerade noch achtbare Ergebnisse.

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erstellt am 21.Okt.2013 | 00:34 Uhr

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