Anschlag auf Sergej Skripal : Nervengiftattacke auf russischen Spion: Was wir wissen – und was nicht

Einsatzkräfte in Schutzanzügen stellen ein Zelt über der Bank auf, auf der der frühere Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter mit Vergiftungserscheinungen aufgefunden wurden. /PA Wire
Einsatzkräfte in Schutzanzügen stellen ein Zelt über der Bank auf, auf der der frühere Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter mit Vergiftungserscheinungen aufgefunden wurden. /PA Wire

Am Sonntag wurde der ehemalige Doppelagent in der englischen Stadt Salisbury vergiftet. Wer dahinter steckt, ist noch unklar.

shz.de von
09. März 2018, 13:02 Uhr

Was wir wissen:

  • Was ist passiert?

Der früheren Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU, Sergej Skripal, wurde am Sonntag zusammen mit seiner Tochter Yulia bewusstlos nahe einem Einkaufszentrum im englischen Salisbury auf einer Parkbank aufgefunden. Die beiden hatten zuvor offenbar eine Pizzeria und einen Pub besucht. Die Polizei geht davon aus, dass sie mit einem Nervengift in Kontakt gekommen sind. Ein Polizist eilte den beiden zu Hilfe und kam dabei ebenfalls in Kontakt mit dem Gift. Die Lokale und der Fundort der beiden Verletzten wurden aufwendig dekontaminiert.

  • Wer ist Sergej Skripal?

Der ehemalige Doppelagent Skripal kam 2010 nach Großbritannien. Schon während seines Militärdienstes soll er vom britischen Geheimdienst angeworben worden sein. Als Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU wurde er 2006 wegen Spionage verurteilt und 2010 nach Großbritannien ausgetauscht. Im größten Gefangenenaustausch seit den Zeiten des Kalten Krieges war er aber eine Randfigur. Ob sich Skripal um seine Sicherheit sorgte, ist ungewiss. Dem „Guardian“ zufolge lebte er unter seinem Klarnamen in Salisbury. Einem Nachbarn zufolge soll er bei seinem Einzug eine Feier für die gesamte Nachbarschaft organisiert haben.

  • Wie viele Menschen kamen mit dem Nervengift in Berührung?

Nach dem Attentat sind insgesamt 21 Menschen medizinisch behandelt worden, wie die örtliche Polizei am Donnerstag mitteilte. Die Zahl beinhaltet den 66-jährigen Skripal und seine 33-jährige Tochter Yulia sowie einen Polizisten, der den beiden zu Hilfe geeilt war.

  • Wie geht es den Opfern?

Skripal und seine Tochter liegen nach einem Medienbericht im Koma. Ihr Zustand wird als „sehr ernst“ beschrieben. Der Polizeibeamte, der als erster am Tatort war, lag zeitweise ebenfalls im Koma. Er ist den Behörden zufolge inzwischen ansprechbar. Er befinde sich aber immer noch in einem ernsten, wenn auch stabilen Zustand.

  • Gibt es Parallelen zu anderen Fällen?

Rätselhafte Anschläge oder Todesfälle mit Russland-Bezug treten in Großbritannien immer wieder auf. Die Finanzmetropole London war über Jahre ein beliebter Wohnort für russische Unternehmer. Das Online-Nachrichtenmagazin Buzzfeed hatte im vergangenen Jahr unter Berufung auf Geheimdienstquellen über 14 mysteriöse Todesfälle in Großbritannien mit Russland-Bezug berichtet. „Ich bin klar der Meinung, dass dieser außergewöhnliche Fall ein guter Anlass ist zu sagen: Lasst uns nochmal einen genauen Blick darauf haben und schauen, ob es ein Muster gibt, wenn Leute beim Joggen tot umfallen und in ihrem Haus in Surrey tot gefunden werden und so weiter“, sagte der frühere Scotland-Yard-Chef Ian Blair dem Radiosender BBC 4 am Freitag.

Der exilierte Oligarch Boris Beresowski, erst Förderer, dann Feind von Putin, beging 2015 unter ungeklärten Umständen in London Selbstmord. Der Fall erinnert auch an den Mord an dem russischen Ex-Agenten und Kremlkritiker Alexander Litwinenko in London 2006. Er war mit radioaktivem Polonium im Tee vergiftet worden. Die Ermittler führte dabei auch eine Spur in den Kreis Pinneberg.

Was wir nicht wissen:

  • Wer steckt hinter dem Attentat?

Das ist noch völlig unklar. Großbritannien vermutet, dass die russische Regierung mit dem Fall zu tun haben könnte. Die weist Spekulationen über eine Beteiligung an der Attacke jedoch als „Propaganda“ zurück. Das Außenministerium in Moskau warf den britischen Behörden eine russlandfeindliche Kampagne vor. Es habe bislang keine Beweise oder Fakten gegeben, sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Die Spekulationen zielten darauf ab, „Spannungen zu erhöhen“. Wenn es ein ernsthaftes Interesse an einer Zusammenarbeit bei den Ermittlungen gebe, sei Russland bereit dazu. Allerdings solle man nicht mit „unbegründeten Anschuldigungen“ zu den Medien rennen, sagte der Außenminister.

Premierministerin Theresa May hatte den Besuch britischer Politiker und Würdenträger bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland im Sommer infrage gestellt, sollte sich herausstellen, dass Moskau hinter dem mutmaßlichen Attentat steckt.

  • Wo ist Skripal mit dem Gift in Kontakt gekommen?

Noch ist unklar, wie und wann dem Ex-Spion und seiner Tochter das Gift verabreicht wurde. Ermittler nahmen am Freitag das Haus Skripals in den Fokus. Medien spekulierten, das könne ein Hinweis darauf sein, dass Skripal bereits in seinem Haus in Kontakt mit dem Nervengift gekommen sein könnte.

Bislang hatten sich die Ermittlungen auf mehrere Lokale und einen Park im Stadtzentrum konzentriert. Wie Scotland Yard am Freitag mitteilte, wurden Spezialeinheiten des Militärs angefordert, um mehrere Fahrzeuge und andere Gegenstände von dort zu entfernen. Das Militär habe die Expertise und Ausrüstung, um mit Unvorhersehbarkeiten umzugehen, hieß es in der Mitteilung.

  • Welches Nervengift wurde für den Anschlag verwendet?

Bei dem Attentat ist ein sehr seltenes Nervengift verwendet worden. Doch welches Gift genau zum Einsatz kam, wollte die britische Innenministerin Amber Rudd nicht sagen. Einem BBC-Bericht zufolge handelt es sich weder um Sarin, das einem UN-Bericht zufolge zuletzt im Syrienkrieg zum Einsatz kam, noch um VX, mit dem im vergangenen Jahr der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un getötet wurde. Nervengifte greifen das Nervensystem an und legen die Funktion lebenswichtiger Organe lahm.

Nun wollen die Ermittler herausfinden, wo der betreffende Stoff hergestellt wurde. Experten zufolge gibt es nur wenige Labore auf der ganzen Welt, die dazu in der Lage sind.

  • Wie konnten insgesamt 21 Menschen verletzt werden?

Wann und wie die unbeteiligten Menschen mit dem Nervengift in Kontakt kamen, ist noch völlig unklar. Zuvor hieß es, eine Gefahr für die Bevölkerung habe nicht bestanden.

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