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Afghanistan : Nach US-Angriff auf Krankenhaus: Hilforganisationen verlassen Kundus

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Weder Wasser noch Strom, Lebensmittel knapp: In Kundus leidet die Bevölkerung unter den Kämpfen zwischen Taliban und Regierung. Ein US-Luftschlag zerstört das Krankenhaus und vertreibt die Hilforganisationen.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2015 | 15:52 Uhr

Kundus | In Kundus im Nordosten Afghanistans ist die Lage der Zivilbevölkerung nach Berichten von Augenzeugen kritisch: Viele wurden verletzt oder getötet, es gebe kaum noch Nahrungsmittel oder medizinische Hilfe. Tausende Familien sind nach UN-Angaben in andere Landesteile geflüchtet. Kundus-Flüchtlinge sagten, sie wollten aus Afghanistan nun in Richtung Europa. Nach dem US-Bombenangriff auf ein Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen haben auch sämtliche Hilfsorganisationen endgültig ihre Konsequenzen gezogen und die afghanische Provinzhauptstadt verlassen.

Am 28. Septembers drangen Kämpfer der Taliban in das Stadtzentrum von Kundus vor und brachten das gesamte Stadtgebiet unter ihre Kontrolle. Die afghanischen Sicherheitskräfte zogen sich zum Flughafen außerhalb der Stadt zurück. Damit fiel seit dem Sturz der Taliban im Oktober 2001 erstmals eine Provinzhauptstadt Afghanistans in die Hände der ehemaligen Machthaber. Berichten von Amnesty International zufolge begingen die Taliban in kürzester Zeit schwerste Verbrechen und errichteten so mit Morden an Zivilisten, Gruppenvergewaltigungen, Entführungen und dem Einsatz von Todesschwadronen in wenigen Tagen eine „Schreckensherrschaft“ in der Stadt. Am 1. Oktober 2015 brachten afghanische Truppen einen Teil der Stadt wieder unter staatliche Kontrolle.

 

Der US-Luftangriff mit 22 Toten erfolgte nach den Worten eines Kommandeurs auf Bitten der afghanischen Armee. Das Verteidigungsministerium in Kabul hatte am Wochenende behauptet, radikal-islamische Taliban hätten die Klinik als „Schutzschild“ missbraucht. Die Taliban dementierten dies.

Ärzte ohne Grenzen kritisierte laut einem Bericht von tagesschau.de, die USA wollten Afghanistan die Schuld für den Angriff geben. „Die Beschreibung der Attacke verändert sich immer wieder - von Kollateralschaden zu einem tragischen Zwischenfall oder jetzt mit dem Versuch, die Verantwortung auf die afghanische Regierung abzuschieben“, erklärte der Generaldirektor von Ärzte ohne Grenzen, Christopher Stokes.

Mitglieder von Ärzte ohne Grenzen wehren sich dagegen, dass ihre toten Kollegen als Kollateralschaden bezeichnet werden.

Sie fordern unabhängige Untersuchungen, ob es sich bei dem Angriff um ein Kriegsverbrechen handelt. Auch auf Twitter fordern viele: #IndependentInvestigation

Die meisten Opfer der Gefechte seien Zivilisten, sagte Augenzeuge Abdul Rahim. „Wenn sie nicht im Kreuzfeuer sterben, dann verhungern sie. Es gibt dort nichts mehr, die ganze Stadt ist verlassen“, sagte Rahim. Er hatte sich nach Kundus durchgeschlagen, um einen Verwandten zu retten, der Krankenpfleger ist. Dieser sei bei dem US-Luftangriff auf ein Krankenhaus verletzt worden. „Als ich zu dem Krankenhaus kam, sah ich zwei große Zimmer mit Toten und Verletzten.“

Einwohner von Kabul versuchen, ihr Leben irgendwie weiterzuführen.

Einwohner von Kabul versuchen, ihr Leben irgendwie weiterzuführen.

Foto: dpa

Wie Bewohner berichteten, verschanzen sich noch immer Extremisten in Häusern. Bei den Gefechten sei keine Rücksicht auf die Bevölkerung genommen worden, sagte der Familienvater Ahmed Sajed Saeedi. „Wenn ein Taliban oder ein Regierungstreuer getötet wird, sind sie Märtyrer, aber wenn Zivilisten sterben, nennen sie uns Aas.“ Nun wolle er nach Europa, betonte er.

Er habe sich während des Taliban-Angriffs tagelang eingeschlossen und sei nach Beginn der Regierungsoffensive mit seiner Familie nach Kabul geflüchtet: „Ich habe drei Töchter, ich hatte Angst, dass sie drangsaliert werden.“

 

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