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Kommentar : Nach Anschlägen in Istanbul: Der imperiale Traum ist geplatzt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach dem Terroranschlag in der Türkei wird deutlich, wie wichtig das Land für Europa ist, kommentiert Jürgen Liminski.

shz.de von
erstellt am 13.Jan.2016 | 06:30 Uhr

Der Anschlag von Istanbul eröffnet, so zynisch das klingt, eine Chance, konkret und ehrlich mit Ankara zu reden. Und zwar über drei Punkte: Erstens sollte die türkische Armee die Kurden in Ruhe lassen und einen Waffenstillstand anstreben. Und das nicht nur im Fall der PKK im Osten des Landes, sondern auch der kurdischen Peschmerga, die an der Front zum Terrorstaat IS kämpfen.

Zweitens sollte Ankara die Grenze zu Syrien gegenüber dem IS dichtmachen und drittens jegliches Geschäft mit dem selbsternannten Kalifat unterbinden. Denn wenn sich bewahrheiten sollte, dass der IS tatsächlich hinter dem Anschlag im Herzen der Metropole steckt, dann dürfte auch der neue Sultan Erdogan erkennen, dass es sich nicht lohnt, in der Kriegsregion ein Doppelspiel zu betreiben. Man kann nicht (Öl-)Geschäfte mit dem IS machen und gleichzeitig indirekt den Kampf gegen ihn unterstützen.

Lange Zeit hat Erdogan geglaubt – und glaubt es vielleicht immer noch –, mit diesem Doppelspiel den Westen hinhalten, seinen Einfluss in der Region ausweiten und die Kurden unbehelligt knechten zu können. Der imperiale Traum ist geplatzt. Jetzt geht es um Eingemachtes. Denn der Anschlag, wer immer ihn verübt hat, trifft das Land an einem sehr empfindlichen Nerv: Der Tourismus ist eine Stütze der schwächelnden Wirtschaft und droht nun die Krise offenbar werden zu lassen. Damit aber droht auch eine Säule der Stabilität einzustürzen.

Der Anschlag im Tourismuszentrum zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee trifft das Land nun in einer Phase, in der die Demokratie durch Erdogan schon weitgehend destabilisiert wurde. Eine weitere Destabilisierung aber würde das System Erdogan selbst gefährden. Auch Europa hat ein starkes Interesse an einer stabilen Türkei. Nur ein stabiler Partner an den Grenzen Syriens und Iraks und vor den Toren Europas kann helfen, den Flüchtlingsstrom zu reduzieren oder zu stoppen. Deshalb liegt es im gemeinsamen Interesse Erdogans und nicht zuletzt der Deutschen, den IS wirksam zu bekämpfen.

Die Deutschen, die den größten Blutzoll in Istanbul zahlen, sollten offen mit Erdogan über das weitere Vorgehen beraten. Die Zeit der Machtspiele und falschen Rücksichtnahmen ist vorbei. Es ist Krieg.

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