Kalter Krieg : Nach 50 Jahren Eiszeit: Kuba und USA nehmen wieder Beziehungen auf 

Die Feindschaft zwischen Kuba und den USA dauerte Generationen. Jetzt wollen die Länder Botschaften eröffnen.

shz.de von
01. Juli 2015, 08:59 Uhr

Washington/Havanna | Nach mehr als 50 Jahren nehmen die USA und Kuba wieder diplomatische Beziehungen auf. Beide Regierungen verständigten sich darauf, in den jeweiligen Hauptstädten wieder Botschaften zu eröffnen, wie ein hoher US-Regierungsvertreter am Dienstag in Washington erklärte. Damit geht nach einem halben Jahrhundert die Ära des Kalten Krieges in der Karibik endgültig zu Ende.

Das Verhältnis zwischen den USA und Kuba ist von starken Spannungen geprägt. Der Konflikt eskalierte mit dem 1962 gegen Kuba verhängten Handelsembargo.

Die Überwindung der Feindschaft zwischen beiden Ländern gilt als einer der größten außenpolitischen Erfolge von US-Präsident Barack Obama. Ein genauer Termin für die Wiederaufnahme der Beziehungen wurde zunächst nicht genannt. Obama wolle sich offiziell am Mittwoch äußern, hieß es in Washington.

Erst Ende des Jahres hatten das sozialistische Kuba und die USA überraschend ihre jahrzehntelange Eiszeit beendet. Im April trafen Obama und Kubas Staatschef Raúl Castro in Panama-Stadt zusammen. Es war das erste Treffen von Staatoberhäuptern beider Länder seit der kubanischen Revolution 1959. Im Mai hatte Washington Kuba von der Liste derjenigen Länder gestrichen, die Terrorismus unterstützen. Damit erfüllte Washington zugleich eine der wichtigsten Forderungen Havannas für eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen.

Putschversuch, Reiseverbote, Handelsembargo - die Beziehungen zwischen den USA und der kommunistischen Karibikinsel Kuba waren mehr als ein halbes Jahrhundert angespannt bis feindlich. Seit Ende 2014 nähern sich die beiden Staaten schrittweise an.

Vor 1900: Erste Wirtschaftsbeziehungen, Okkupation

Nachdem die Briten Havanna 1762 besetzt haben, fällt das spanische Handelsmonopol: Die USA und Kuba nehmen Wirtschaftsverbindungen auf. Im Dezember 1898 wurde Kuba durch den Pariser Vertrag unter die amerikanische Vormundschaft gestellt und okkupiert. Das Platt Amendment sicherte Kuba zwar formal die Unabhängigkeit zu, der Vertrag gab den Amerikanern jedoch das Recht, die Landwirtschaft, den Bergbau und die Zuckerproduktion Kubas zu kontrollieren und zu verwalten. Außerdem wurden die Rebellen entwaffnet und die revolutionäre Kubanische Partei aufgelöst.

1903: USA „pachtet“ Guantanamo

Die Fläche von rund 117 Quadratkilometern wird von den USA „gepachtet“, doch der rechtliche Status ist ein Streitpunkt zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten: Kuba verlangt die Rückgabe des Geländes. Ein Vertrag sicherte den Amerikanern das Recht zu, diesen 99 Jahre lang militärisch zu nutzen.

1933: Good Neighbor Policy

US-Präsident Franklin D. Roosevelt verkündet die Good Neighbor Policy (Politik der guten Nachbarschaft). Das Platt Amendment, welches den USA als Ergänzung zum amerikanisch-kubanischen Vertrag von 1903 ein Interventionsrecht auf Kuba einräumte, wird aufgegeben.

1934: USA verlängert Guantanamo-Pacht

Die Pachtfrist für den US-Flottenstützpunkt  Guantanamo wird auf unbestimmte Zeit verlängert, sie wird jedoch seit der Machtergreifung Fidel Castros nicht mehr anerkannt.

1941: Eintritt in den Zweiten Weltkrieg

Kuba tritt an der Seite der USA in den Zweiten Weltkrieg ein, auch wenn sich das tatsächliche militärische Engagement Kubas in Grenzen hielt.

1958/59: Revolution in Kuba

Die Diktatur in Kuba führt zu einem Volksaufstand, der kubanischen Revolution. Wegen des Krieges zwischen den Anhängern Fulgencio Batistas und Fidel Castros setzt die USA im März 1958 ein Waffen-Embargo auf Kuba aus. Im April ergeht zudem ein Verbot des Verkaufs von Waffen an die Anhänger Batistas – vorher gängige Praxis. Im Verlauf der kubanischen Revolution entzogen die USA dem zuvor unterstützten Batista das Vertrauen. Aufstände zwingen Batista ins Exil. Am 1. Januar 1959 erobern die Revolutionäre unter der Führung Castros schließlich Havanna und übernehmen die Regierung. Aus Castros zahlreichen öffentlichen Äußerungen geht bis dahin keinerlei US-feindliche Haltung hervor.

1960: Streit um Öl und Zucker

Zunächst setzt Castro ein wichtiges Versprechen der Revolution an die Arbeiter in die Praxis um: die Enteignung der Zuckerindustrie und die Aufteilung der großen Plantagen in Abschnitte von 25 Hektar. Weil davon auch US-amerikanische Unternehmen betroffen sind, reagieren die USA mit einer Sperrung der Öllieferungen nach Kuba. Um weiter mit Öl versorgt zu werden, nimmt Kuba  mit der Sowjetunion erstmals Handelsbeziehungen auf. US-amerikanische Ölgesellschaften auf Kuba weigern sich, sowjetisches Öl zu verarbeiten. Daraufhin werden die US-amerikanischen Ölunternehmen enteignet. Schon unmittelbar nach der Revolution 1959 hatten die USA die Wirtschaftshilfe eingestellt und die Einfuhr von Zucker gedrosselt, Kubas wichtigstem Exportgut.

1961: Invasion in der Schweinebucht

Die USA befürchteten, dass der „Virus des Kommunismus“ auch auf andere lateinamerikanische Länder übergreifen könne. Die Invasion in der Schweinebucht ist ein von den USA organisierter militärischer Angriff kubanischer Exilanten auf Kuba. Sie wird am 17. April mit verdeckter Unterstützung der CIA von rund 1300 aus Kuba geflohenen Freiwilligen von Guatemala aus gestartet und hat den Sturz der Revolutionsregierung unter Fidel Castro zum Ziel. Kubas Revolutionsarmee schlägt die Invasion in der Schweinebucht zurück. Die Invasion zerrüttet das Verhältnis zwischen den beiden Staaten endgültig.

1962: Am Rande eines Atomkriegs - Kubakrise

Die Kubakrise führt die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Im Herbst beginnt das sowjetische Militär als Antwort auf die Bedrohung durch Atomraketen der USA, Nuklearraketen auf Kuba zu stationieren. Nachdem Verhandlungen mit der sowjetischen Führung zunächst erfolglos waren, verhängen die USA unter Präsident John F. Kennedy eine Seeblockade gegen Kuba. Diese Blockade zwingt die Kontrahenten erneut an den Verhandlungstisch. Kremlchef Nikita Chruschtschow zieht die Raketen wieder ab.

1977: Leichte Annäherung

16 Jahre nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen eröffnet Washington in Havanna eine Interessenvertretung unter dem Dach der Schweizer Botschaft. Später vertritt die Schweiz auch Kuba in den USA.

1982: Vorwurf, den Terrorismus zu unterstützen

Wegen der Unterstützung linksgerichteter Widerstandsbewegungen in Lateinamerika und Afrika sowie europäischer Terrororganisationen wie die spanische ETA setzt die Regierung von Ronald Reagan Kuba auf die Liste Terrorismus unterstützender Staaten.

1992: Druck auf US-Firmen

Der US-Kongress verabschiedet den „Cuban Democracy Act“, der US-Firmen in Drittländern jeden Kuba-Handel untersagt.

1994: Massenflucht aus Kuba

Mehr als 30.000 Kubaner fliehen per Floß in Richtung USA. Washington und Havanna einigen sich später darauf, dass die USA auf See aufgegriffene Bootsflüchtlinge nach Kuba zurückbringen.

1996: Das Embargo wird schärfer

Nach dem Abschuss von zwei Kleinflugzeugen einer exilkubanischen Organisation durch die kubanische Luftwaffe setzt US-Präsident Bill Clinton das umstrittene Helms-Burton-Gesetz in Kraft, das das Kuba-Embargo noch einmal verschärft.

1999: Sanktionen lockern sich

Die USA lockern ihre Sanktionen. So soll es künftig mehr Charterflüge nach Kuba geben.

2001: Lebensmittel für Kuba

Erstmals seit der Verhängung des Handelsembargos vier Jahrzehnte zuvor liefern Firmen aus den USA wieder Lebensmittel nach Kuba.

2004: Reisebeschränkungen werden schärfer

US-Präsident George W. Bush verschärft Reisebeschränkungen für US-Bürger und schränkt Geldüberweisungen weiter ein.

2009: Aufnahme von Gesprächen

US-Präsident Barack Obama hebt die Reisebeschränkungen für Exilkubaner auf. Außerdem dürfen sie wieder Geld nach Kuba schicken. Bald darauf gibt es auch wieder Gespräche auf Regierungsebene.

2014: Der Weg für diplomatische Beziehungen

Die USA und Kuba nehmen sich zum Ziel, wieder Botschaften zu eröffnen. Die USA heben einige Beschränkungen von Handels- und Finanzgeschäften teilweise auf.

2015: Hände schütteln, Fußball spielen

22. Januar: In Havanna beginnen offizielle Verhandlungen zur Normalisierung der Beziehungen.

13. Februar: Die USA erlauben die Einfuhr der Produkte kubanischer Privatunternehmen, allerdings nicht von Rum, Zucker und Oldtimern.

11. April: Beim Amerika-Gipfel in Panama reichen sich Barack Obama und Raúl Castro die Hand. Es ist das erste offizielle Treffen der Staatschefs beider Länder seit der kubanischen Revolution 1959.

29. Mai: Die USA streichen Kuba offiziell von ihrer Terrorliste.

2. Juni: Erstmals seit 37 Jahren spielt ein US-Fußballverein auf Kuba. New York Cosmos besiegt Kubas Nationalteam in Havanna mit 4:0.

30. Juni: Ein US-Regierungsvertreter gibt bekannt, dass beide Staaten wieder diplomatische Beziehungen aufnehmen und Botschaften eröffnen.

 
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