Mythos Schweiz

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21. November 2013, 00:34 Uhr

Als er noch Kandidat war, drohte Peer Steinbrück mit der Kavallerie. Aus militärtechnischer Sicht war das angesichts der hohen Berge nicht sehr sinnvoll. Die einzige Waffe, auf die die Schweiz reagiert, heißt Geld. Bisher trug es den Zusatz Schwarz-, jetzt soll es weiß gewaschen werden. Und wer nicht mitmacht, der wird der deutschen Finanzbehörde gemeldet.

Damit verliert die Schweiz einen Mythos. Der Verlust eines zweiten folgt auf dem Fuß. Wer ehemals in den besseren Kreisen etwas zu heftig hüstelte, landete in der Schweiz. So wie Thomas Manns stets leidende Gattin Katia. Ihr fehlte gesundheitlich zwar wenig, dennoch zog sie für Monate auf den „Zauberberg“ von Davos, und nachdem der Gatte sie pflichtbewusst, wenngleich widerwillig besucht hatte, schrieb er seinen besonders dicken und ebenso berühmten Roman. In der Folgezeit pilgerten Generationen von Verehrern ins Hochtal von Graubünden, um am eigenen Leib zu prüfen, wie sich Hans Castorp, sein Vetter Ziemßen, die schöne Russin Clawdia Chauchat und das übrige übrige kranke und gesunde Roman-Personal gefühlt haben könnten.

Mit diesem Zweig des Tourismus ist nun bald kein Franken mehr zu verdienen. Die Krankenkassen wollen nicht mehr für teure Kuren zahlen, wenn Asthma und Allergien durch billigere Medikamente bekämpft werden können. Statt mehrerer Dutzend gibt es nur noch zwei Sanatorien – mit vorwiegend leeren Betten. Und genau dort, wo einst Frau Dr. Thomas Mann hüstelte, wird demnächst wieder über die Gesundung der Weltwirtschaft beraten.

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