zur Navigation springen
Politik

11. Dezember 2017 | 13:01 Uhr

Mutloser Moloch

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nicht immer ist die Kritik der Vereinten Nationen so deutlich wie im Missbrauchsstreit mit dem Vatikan

shz.de von
erstellt am 07.Feb.2014 | 11:49 Uhr

Vor Gott sind alle Menschen gleich, heißt es in der christlichen Lehre. Ganz weltlich muss sich jetzt der Vatikan gefallen lassen, dass vor den Vereinen Nationen (UN) zumindest formal auch alle Staaten gleich sind – der katholische Kirchenstaat inklusive. So ist die scharfe Kritik des UN-Ausschusses für die Rechte der Kinder am Umgang der Kirche mit Kindesmissbrauch durch Geistliche und kirchliche Mitarbeiter nicht nur richtig, sondern konsequent. Menschenrechte und hier speziell die Rechte der Kinder sind universell, sie machen vor den Mauern des Vatikans nicht halt. Hier gelten keine höheren Weihen: Der Heilige Stuhl, der die Kinderschutzkonvention der Vereinten Nationen ebenso unterzeichnet hat wie knapp 200 andere Staaten auch, muss sich genauso kritisieren lassen wie zum Beispiel aktuell der syrische Diktator Assad. Ihm werfen die UN vor, im Bürgerkrieg gezielt Kinder und Jugendliche zu foltern.

Es stimmt ja: Jahrzehntelang hat die Kirche die Augen davor verschlossen, dass Schutzbefohlene hinter ihren Mauern zu Opfern geworden sind. Jetzt sind die Missbrauchsfälle nicht mehr zu verschleiern. Doch zwischen Scham und Abscheu, die Papst Franziskus bekundet, und der konsequenten Aufklärung aller Fälle und der Entlassung der Täter und ihrer Bestrafung liegen Welten. Kindesmissbrauch ist eben nicht nur ein moralisches Vergehen, sondern ein Verbrechen, wie die Kinderrechtskommission betont.

Nicht also die Kritik des UN-Ausschusses an dem Vatikan irritiert. Nachdenklich stimmt, dass die Vereinten Nationen immer dann zur großen Form auflaufen, wenn kein diplomatischer Gegenwind zu erwarten ist. So nahm der Vatikan-Vertreter bei den Vereinten Nationen in Genf reumütig die Kritik der Kinderrechtskommission entgegen, sprach von „ungeheuerlichen Verbrechen“, die passiert seien und sicherte eine gründliche Auswertung der Vorwürfe zu. Man fragt sich, wie andere Religionen reagiert hätten. Was, wenn die Kinderrechtskommission kritisiert hätte, dass Mädchen im Islam diskriminiert werden oder Kinder und Jugendliche von fanatischen Kirchenführern zu Gotteskriegern herangezogen werden?

Auch die Kritik an mächtigen Staaten fällt meist vergleichsweise milde aus. Dass in Deutschland noch vor einigen Jahren illegal eingereiste Kinder und Jugendliche in Abschiebegefängnisse gesteckt worden sind oder in den USA mehr als 2000 junge Menschen lebenslang hinter Gittern verbringen müssen, wird allenfalls in diplomatischer Form moniert. Von Kindersoldaten oder Kinderprostitution, die in manchen Staaten bittere Realität ist, ganz zu schweigen.

Zurück zur Kirche, zurück zu den Menschenrechten, zu denen auch die freie Religionsausübung gehört. Dass Christen in vielen islamischen Staaten verfolgt werden, führt selten zum Aufschrei. Umgekehrt ist das anders. Wehe, da wird das Kopftuch in Frage gestellt. Dann ist in der arabischen Welt von schlimmster Diskriminierung die Rede. Dann wird in deutschen Schulen lieber das Kreuz abgenommen, damit Andersgläubige den Anblick nicht ertragen müssen.

Wer nun auf Resolutionen der Vereinten Nationen zu Menschenrechtsverletzungen schaut, wird zum Beispiel im Nahostkonflikt erleben, dass Israel ungleich öfter an den Pranger gestellt wird als die arabischen Nachbarstaaten. Das Beispiel zeigt, dass die UN genauso wie der Vatikan eben doch nur von dieser Welt sind: fehlbar und oft taktierend. So hat die Kinderrechtskommission den Heiligen Stuhl zu Recht aufgefordert, Kinder besser vor Übergriffe zu schützen und Täter härter zu bestrafen. Nur wünschte man sich solche deutliche Kritik eben auch in anderen Fällen.

Dazu ein letztes Beispiel. Der UN-Kinderrechtsausschuss moniert in seiner Vatikan-Kritik auch die kirchlichen Lehren zu Homosexualität, Verhütung und Abtreibung. Schön und gut. Nur: Wird mit der Morallehre anderer Religionen ebenso kritisch umgegangen? Es wird bei den Vereinten Nationen eben oft mit zweierlei Maß gemessen. Die Kritik am Vatikan relativiert diese ernüchternde Erkenntnis indes nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert