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Minijob-Debatte : Moin Herr Tauber! So ist es, in drei Jobs zu arbeiten

vom

Nach dem Tweet des CDU-Generalsekretärs zum Thema Minijobs reißt die Kritik nicht ab. Frauen aus SH berichten vom Alltag mit drei Jobs. Und Kindern. Und Haushalt. Und Bewerbungen.

Kiel | Ein Tweet sagt manchmal mehr als ein ganzes Parteiprogramm. Nach seiner Aussage, wer „etwas Ordentliches“ gelernt habe, brauche keine drei Minijobs, hat Peter Tauber (CDU) viel Kritik einstecken müssen. Und auch nachdem er sich öffentlich entschuldigte, ist für einige die Sache nicht gegessen. Janine Becker aus Kiel ist eine von ihnen. Auch mit Blick auf die „impulsiv genutzten sozialen Medien“ sagt sie: „Der Tweet zeigt ein Stück weit Taubers eigentliche Auffassung, auch wenn er wieder zurückgerudert ist.“

Janine Becker arbeitet an drei Stellen – und nach Feierabend ist die Kielerin damit beschäftigt, Bewerbungen zu schreiben. Auch wenn ihr Masterabschluss mit einerTraumnote von 1,8 schon fast ein Jahr her ist: Bislang gab es nur Absagen. Denn wer ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert hat, hat meist nur eine Jobchance, wenn er mehrere schlechtbezahlte Praktika macht. Das konnte und kann sich die Kielerin aber nicht leisten. Und so puzzelt sich die 32-Jährige ihren Arbeitsalltag zurecht. Neben einem Nebenjob am UKSH arbeitet sie in einem Minijob im Schuhladen und für einen Obulus jobbt sie als freie Handballtrainerin. Für Janine Becker war Taubers Tweet daher ein „Schlag in die Magengegend“ und sie antwortet dem Politiker direkt: „Was nützt Ihnen dieser eine Job, wenn Sie offensichtlich in diesem nichts über Menschlichkeit, Soziales gelernt oder gar Empathie erlernt haben?“ Die junge Kielerin fordert daher mehr Unterstützung im Studium für junge Menschen aus nichtakademischen Familien.

„Eine bodenlose Frechheit“

Auch eine Leserin aus dem Raum Rendsburg kann das bestätigen: „Ich habe drei Nebenjobs, um mein Studium zu finanzieren. Ich habe auch schon eine abgeschlossene Berufsausbildung, kriege aber keine anderweitige Förderung. Was für eine Wahl habe ich, außer mich mit Minijobs über Wasser zu halten?“ Taubers Aussage sei „eine bodenlose Frechheit“ gewesen.

Geärgert haben sich aber auch Frauen ohne vermeintlich „ordentliche“ Ausbildung – und es sind fast ausschließlich Frauen gewesen, die sich nach einem Aufruf von shz.de zu diesem Thema als Betroffene zu Wort meldeten. „Ich habe auch drei Jobs und muss leider tagtäglich bei jedem einzelnen Job unbezahlt Überstunden machen. Arbeite in der Gebäudereinigung und da wird man wirklich aufs Übelste ausgebeutet“, schreibt eine Leserin in einem Facebook-Kommentar. „Ich bin froh, nicht mehr aufs Amt angewiesen zu sein. Trotzdem muss ich jeden Cent mindestens fünfmal umdrehen. Und dann kommen da noch so Aussagen von völlig weltfremden Politikern! Da kommt mir wirklich die Galle hoch!“ Eine weitere Leserin berichtet, sie arbeite in Teilzeit und darüber hinaus auf 100-Euro-Basis als Mädchen für alles im Privathaushalt und für 350 Euro in einer Kneipe. „Ich entspreche aber seinem Denken. Ich habe keine abgeschlossene Ausbildung“, räumt sie ein. Sie habe sich für ein krankes Kind entschieden. Eine Mutter von drei Kindern berichtet davon, dass sie sich seit acht Jahren um eine Teilzeitstelle bewerbe. Bis dahin halte sie sich und ihre Kinder mit mehreren Minijobs über Wasser. „Ich finde es eine Sauerei, dass Mütter wegen ihrer Kinder diskriminiert werden und keinen Job in Teilzeit mehr erhalten“, sagt sie. „Ich bin nicht wählerisch und bin flexibel in den Arbeitszeiten, dennoch möchte mich keiner mehr einstellen. Dabei bin ich erst 36!“

Eine Mutter mit drei Jobs aus Dithmarschen sagt, sie habe sich „maßlos geärgert“ über den Tweet und die darin liegende soziale Verachtung. Anne Petersen möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen, aber wie es dazu gekommen ist, dass sie in drei Jobs arbeitet, erzählt sie dennoch. Ihr Berufseinstieg war sicherlich so, wie Peter Tauber sich das erträumt: Als Wirtschaftsingenieurin habe sie in dem Beruf zehn Jahre erfolgreich gearbeitet. „Mit der Geburt der Kinder (1994 und 1997) habe ich aufgehört zu arbeiten. Ein Wiedereinstieg war auch aus Mangel an Kinderbetreuung nicht möglich“, berichtet sie. Und da es finanziell nicht zwickte, widmete die Dithmarscherin sich der Kindererziehung und dem Ehrenamt. „Nach 22 Jahren Ehe und fast erwachsenen Kindern war ich mit Ende 40 wieder auf mich selbst gestellt“, sagt sie. Doch als Ingenieurin sei es schwer, wieder in den Beruf hineinzukommen, zumal es ihren alten Arbeitsplatz in Dithmarschen nicht mehr gebe. Daher arbeitet sie derzeit halbtags in einer sozialversicherungspflichtigen Bürotätigkeit, einem Minijob und bekommt eine Übungsleiterpauschale für ihre Arbeit im Jugendsport. Damit komme sie auch gut über die Runden, sagt Anne Petersen. Und doch stieß ihr der Tweet sauer auf: „Als ob ich keine ordentliche Ausbildung hätte. Aber das Leben schreibt die Geschichten manchmal anders.“ Das gelte vor allem für Wiedereinsteigerinnen. Heute sei eine Menge passiert, was die Betreuungssituation der Kinder angeht, meint die Dithmarscherin. „Bei der Flexibilisierung der Arbeitszeiten gibt es aber noch einiges zu tun.“

Bei aller Verärgerung: Uniabsolventin Janine Becker lädt Peter Tauber zu einem Alster nach Kiel ein und dazu, sie bei ihrem Arbeitsalltag einen Tag lang zu begleiten - und abends noch den Haushalt zu schmeißen, Bewerbungen zu schreiben und Absagen zu verdauen. „Denn manchmal werden leider alle Bemühungen und wunderbaren Pläne ganz unbarmherzig und schnörkellos durchkreuzt, egal wie viel Geld man besitzt, wo man herkommt, an wen oder was man glaubt oder welche Bildung man hat“, sagt sie. „Und wovon wird dies alles durchkreuzt? Ich glaube man nennt es Leben.“

Der Faktencheck

Wie sieht es bundesweit aus mit Ausbildung und Minijobs? Wir haben den Faktencheck gemacht zur Aussage: „Wenn Sie etwas Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.“

Die Aussage von Tauber legt nahe, dass Menschen mit Minijobs keine „ordentlichen“ Berufe erlernt haben. Diese Behauptung ist falsch. Klarheit hierzu verschafft die aktuellste Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Den Angaben zufolge haben am 30. September 2016 mehr als 7,7 Millionen Menschen in Deutschland einen Minijob ausgeübt. Davon waren 1,5 Millionen Menschen ohne beruflichen Abschluss, während 4,3 Millionen entweder einen anerkannten oder einen akademischen Berufsabschluss vorweisen konnten. Bei 1,9 Millionen war nichts über eine Ausbildung bekannt. Damit haben weit mehr als die Hälfte der Minijobber „etwas Ordentliches“ gelernt und besitzen eine anerkannte Ausbildung oder einen Universitätsabschluss.

Minijobs sind also kein Thema, das nur Menschen ohne Ausbildung betrifft. Tauber legte jedoch mit einer zweiten Aussage nach: „Fakt ist doch: Nur mit einer guten Ausbildung verdient man genug, damit man nicht drei Minijobs braucht, um über die Runden zu kommen.“ Nun lässt sich darüber streiten, welche Ausbildung als gut und welche als nicht gut klassifiziert werden kann. Fakt ist aber, dass die OECD Mitte Juni in einer Studie bekannt gab, dass in Deutschland und anderen Industrieländern die Polarisierung des Arbeitsmarkts weiter zunimmt.

Das bedeutet, dass es immer weniger Jobs gibt für Menschen mit mittlerer Qualifikation. Sowohl im niedrig qualifizierten Bereich als auch im Bereich hoch qualifizierter Tätigkeiten gibt es hingegen mehr Jobs. Mit anderen Worten reicht auch nach OECD-Angaben nicht immer eine „ordentliche“ Ausbildung aus, um keine Minijobs ausüben zu müssen.

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erstellt am 05.Jul.2017 | 20:31 Uhr

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