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Die Neuen im Parlament : Mit der AfD im Bundestag: „Wie auf dem Parteitag - nur zivilisierter“

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„AfD wirkt“, lautet ein Slogan der Rechtspopulisten. „AfD nervt“, scheinen andere Abgeordneten zu denken.

shz.de von
erstellt am 26.Okt.2017 | 12:41 Uhr

Berlin | Pünktlich um 9.06 Uhr spuckt der ICE aus Hannover am Berliner Hauptbahnhof seine Fahrgäste aus. Die Anzugträger sind in der Mehrheit. Drei von ihnen fahren zusammen die Rolltreppe hoch. Es sind Bundestagsabgeordnete der AfD aus Niedersachsen. Heute ist ihr erster Tag in Berlin. In schnellem Schritt laufen sie mit ihren Rollköfferchen am Spreeufer entlang zum Bundestag.

Jörn König kommt im Regierungsviertel an. Dort bezieht er sein neues Büro.

Jörn König kommt im Regierungsviertel an. Dort bezieht er sein neues Büro.

Foto: dpa
 

Jörn König, stellvertretender AfD-Landesvorsitzender in Niedersachsen, randlose Brille, raspelkurzes Haar, Krawatte, schreitet voran. Er kennt sich aus. König ist in Ost-Berlin geboren. In seiner Jugend war er Leistungssportler im nationalen Schwimmkader der DDR. Viele AfD-Funktionäre haben eine Familiengeschichte mit Brüchen, in denen Vertreibung, Heimatverlust, Neuanfang oder der Wunsch nach Zugehörigkeit eine Rolle spielen. König ist ein klassischer Vertreter der Gattung „Homo AfDensis“. Aus seinem Mund kommen ständig Sätze, die typisch sind für die Unauffälligeren und Fleißigen unter den AfD-Funktionären. Aber nicht so schlagzeilenträchtig wie die von Björn Höcke geforderte „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ oder die Jagdfantasien des früheren Staatssekretärs Alexander Gauland.

König sagt: „Ich habe halt Spaß an Dingen, die funktionieren.“ Oder: „Das Befolgen von Regeln ist ein Grund für die Quelle unseres Wohlstandes.“ König wird an diesem Sonntag 50 Jahre alt. Er ärgert sich über das, was er „die Kampagne gegen alte weiße heterosexuelle Männer“ nennt.

Euphorie nach der Bundestagswahl

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und Gäste jubeln am Abend bei einer Wahlparty der Bundestagswahl.
AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und Gäste jubeln am Abend bei einer Wahlparty der Bundestagswahl. Foto: Jens Büttner/dpa
 

Rückblick: Zwei Tage nach der Wahl kommen König und 92 weitere AfD-Abgeordnete in einem Saal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus zusammen, der sonst vor allem für die Sitzungen der Untersuchungsausschüsse des Bundestages genutzt wird. Das Gebäude liegt etwas abseits. Außer Reportern, Polizisten und Service-Personal treffen die Neuen von der AfD hier niemanden. Auf einem Tisch stehen Namensschilder. König sucht seinen Namen zunächst vergeblich. Auf der Tagesordnung steht die Wahl der Fraktionsvorsitzenden. Dass es auf Alice Weidel und Alexander Gauland hinausläuft, überrascht niemanden. Da sorgt eher eine andere Personalie für Gesprächsstoff: Parteichefin Frauke Petry hat am Vortag erklärt, dass ihr die AfD zu radikal geworden sei, weshalb sie mit dieser Fraktion nichts zu schaffen haben wolle.

In einer Sitzungspause verteilt AfD-Vize Albrecht Glaser mit der Suppenkelle Eintopf an die Abgeordneten. Gleicher Ort - ein Tag später. Jetzt stehen schon etwas weniger Kameras vor dem Saal. Der Glanz des Neuen verblasst schnell. Die Fraktion wählt Bernd Baumann aus Hamburg zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer. Der Volkswirt mit der ruhigen Stimme zählt in der AfD zu den Nationalkonservativen, arbeitete früher für Medienkonzerne. Auch die anderen Personalentscheidungen dieses Tages deuten darauf hin, dass die Fraktion niemanden nach vorne stellen will, der offiziell zum Rechtsaußen-Flügel gehört oder zu groben Formulierungen neigt.

König: Kein Problem mit Platzmangel

König hat für keinen Posten kandidiert. Er ist zufrieden mit dem Vorsitz der Niedersachsen-Landesgruppe. König ist verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn. Er hat Elektrotechnik studiert, im Vertrieb gearbeitet, später dann als selbstständiger technischer Berater für Telefonanlagen. Ein Büro hatte er zuletzt nicht. Der Schreibtisch steht zuhause im Schlafzimmer. Dass er sich wegen Platzmangels in den ersten Monaten im Bundestag ein Büro mit dem AfD-Abgeordneten Thomas Ehrhorn teilen muss, stört König nicht. Er will jetzt endlich loslegen. Das Motto des ehemaligen Schwimmers: „Auch wenn das Wasser 14 Grad hat, einfach reinspringen.“ Parteikollegen, die „sich immer erst einmal ausquatschen müssen“, strengen ihn an. König sagt, er wolle sich im Parlament um digitale Infrastruktur und Sport kümmern. Da kenne er sich aus.

Protschka: Daheim mit Bayern-Fahne

Der AfD-Abgeornete Stephan Protschka aus Niederbayern bezieht sein Bundestagsbüro.

Der AfD-Abgeornete Stephan Protschka aus Niederbayern bezieht sein Bundestagsbüro.

Foto: dpa
 

Der Vermögensberater Stephan Protschka (39) aus Bayern ist einer der ersten AfD-ler, die ihre Abgeordnetenbüros in der Berliner Dorotheenstraße beziehen. Neben den Türen auf dem Gang hängen handgeschriebene Zettel mit den Namen der neuen Nutzer. Die Einrichtung ist funktional, die Wände kahl. „Hier will ich eine Bayern-Fahne aufhängen, die mir ein Wähler geschenkt hat“, sagt Protschka, der seine politische Heimat früher bei der CSU hatte. König sagt, er habe bei der Bundestagswahl 1998 die SPD von Gerhard Schröder gewählt.

Darüber, welche Räume der Fraktionsvorstand nutzen darf und wo genau die AfD künftig auf der Fraktionsebene im Reichstagsgebäude ihren Platz finden soll, laufen noch Gespräche. Bei der Fraktionssitzung Anfang Oktober ist Jörn König erkältet. Draußen braut sich ein Orkan zusammen, der im Laufe des Tages Bäume entwurzeln und den Berliner Nahverkehr zum Erliegen bringen wird. Im Sitzungssaal hört man, wie der Wind um die Betonwände saust.

Der AfD-Abgeordnete Kay Gottschalk verlässt kurz den Saal, telefoniert. Zuhause in Hamburg ist ein Baum umgestürzt. „Ich bin hier im Bundestag“, ruft er in sein Handy. Er sagt es zweimal, vielleicht weil es in seinen Ohren so schön klingt.

Mario Mieruch folgt Petry

Mario Mieruch, stellvertretender Sprecher der AfD in Nordrhein-Westfalen.

Mario Mieruch, stellvertretender Sprecher der AfD in Nordrhein-Westfalen.

Foto: dpa
 

Die Fraktion hat weiteren Schwund zu beklagen. Mario Mieruch aus Nordrhein-Westfalen verlässt die AfD. Für die Bundestagsverwaltung bedeutet das eine weitere Änderung der Sitzordnung im Plenarsaal. Hinten rechts im Block der AfD kommt neben den etwas abseits montierten Stuhl für Petry jetzt noch ein zweiter, für Mieruch. Die Reaktion der Fraktionsspitze - offizielles Schulterzucken. Doch hinter den Kulissen beäugt so mancher diejenigen, die dem gemäßigten Lager zugerechnet werden, mit prüfendem Blick: Könnte einer von ihnen vielleicht der nächste Abtrünnige sein?

In der Fraktion gibt es einige Abgeordnete, die sich eine klarere Abgrenzung ihrer Partei gegenüber Rechtsradikalen wünschen. Doch nicht alle von ihnen können gut mit Petry und ihrem Ehemann Marcus Pretzell. Er war zuletzt Fraktionschef in NRW und hat die AfD inzwischen ebenfalls verlassen.

König: „Besserwessi aus dem Osten“

Jörn König verortet sich in der AfD so: „relativ mittig, mit einem leichten Drall nach rechts, rechtsliberal“. Petrys neues Projekt, „Die Blaue Partei“, hält er nicht für erfolgversprechend. Er sagt, die AfD sei jetzt eine etablierte Marke und „wer die Marke behält, der gewinnt“. König bezeichnet sich selbst als „Besserwessi aus dem Osten“. Er glaubt, dass die neue Zugehörigkeit zum Bundestag die AfD verändern wird, aber nicht glattbügeln. Er sagt: „Wenn man einen Feind schlagen will, dann muss man ihn auch glaubhaft imitieren können.“

Der „Feind“, das ist für die AfD-Fraktion vor allem auch die CDU-Vorsitzende und amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die AfD würde sie gerne in einem Untersuchungsausschuss befragen. Vor allem zu ihren Entscheidungen vom Herbst 2015, als Hunderttausende Menschen aus den Krisengebieten und Armutszonen Afrikas und Asiens nach Deutschland drängten. In ihrer letzten Sitzung vor der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestages spielt die AfD-Fraktion verschiedene Szenarien durch. Was wollen sie tun, falls sie einer der Redner als „Rassisten“ beschimpfen sollte? Wären Zwischenrufe dann eine passende Reaktion?

Die konstituierenden Sitzung

Die Abgeordneten bei der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages.

Die Abgeordneten bei der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages.

Foto: dpa
 

Am 24. Oktober tröpfeln die AfD-Abgeordneten langsam in den Plenarsaal, wo sie - vom Präsidium aus gesehen - die Plätze am rechten Rand belegen. Der nationalkonservative Martin Renner aus Nordrhein-Westfalen, dunkle Brille, weißes Haar, lässt sich als erster auf einem der blau-lilafarbenen Stühle nieder. Er war in Nordrhein-Westfalen lange der wichtigste Gegner Pretzells. Dann kommen Weidel und Gauland. Für Gauland (76) ist dies ein Moment, auf den er viereinhalb Jahre lang hingearbeitet hat. Trotzdem - öffentliche Gefühlsregungen: Fehlanzeige. Die Sitzung zieht sich bis in den frühen Abend, weil die AfD ihren Kandidaten für das Amt des Bundestagsvizepräsidenten, Albrecht Glaser, dreimal antreten lässt. Jedes Mal fällt der 75-Jährige durch.

Hinterher, beim Empfang in der Etage, in der die Fraktionen ihre Versammlungssäle haben, steht Gauland mit Beatrix von Storch und Bernd Baumann zusammen. Jörn König greift sich ein Glas Orangensaft.

Er sagt, er habe Kopfschmerzen bekommen von der trockenen Luft im Plenarsaal. Trotzdem sei der erste Tag unter der Reichstagskuppel für ihn „sehr schön“ gewesen. Dem FDP-Vize Wolfgang Kubicki habe er nach seiner Wahl zum Bundestagsvizepräsidenten gratuliert. Petry habe er dagegen „nicht gegrüßt“. Auf die Frage, wie er die Atmosphäre wahrgenommen habe, antwortet er mit ironischem Augenzwinkern: „Wie auf dem Parteitag - nur zivilisierter“. Erstaunt habe ihn, wie schnell Grüne, FDP und Union in ihre neuen Rollen als mögliche Koalitionspartner gefunden hätten: „Man kann ja sagen, was man will, aber Jamaika steht ja schon.“

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