Frank-Walter Steinmeier : Mit Bürgernähe und Emotionen gegen Verschwörungstheorien: Mediendebatte beim Bundespräsidenten

Nicht nur Bundespräsident, sondern auch Moderator: Frank-Walter Steinmeier.

Nicht nur Bundespräsident, sondern auch Moderator: Frank-Walter Steinmeier.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beklagt Zirkel der Leugnung und eine Parzellierung der Gesellschaft.

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21. März 2018, 15:48 Uhr

Berlin | Lutz Marmor, Intendant des NDR, musste grinsen: Ja, der Bundespräsident wäre auch ein tauglicher Fernsehmoderator, antwortete er auf die Frage eines Sitznachbarn. Zuvor war er Zeuge einer sehr ernsthaften und kundigen Debatte, die Frank-Walter Steinmeier in seinem Berliner Amtssitz zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung anberaumt hatte – und die er zur Überraschung der Gäste selbst moderierte. Wie reagieren die Medien auf die konsequente Delegitimierung als „Merkelpresse“ oder „Lügenpresse“, wie auf einen amerikanischen Präsidenten, der 280-Zeichen-Meldungen auf Twitter einer Pressekonferenz vorzieht?

„Organisiertes öffentliches Lügen ist kein neues Phänomen, neu ist die epidemische Verbreitung im Internet“, bekundete der Bundespräsident und zeigte sich beunruhigt über die Menge an Verschwörungstheorien, deren Anhänger kaum noch erreichbar sind.

Neu sei auch die gezielte Untergrabung der Glaubwürdigkeit professioneller Medien, was zu einer Parzellierung der Gesellschaft führe. Im übertragenen Sinn könnte man sagen: Die Gesellschaft zerteilt sich in immer kleinere Glaubensgemeinschaften, die in sich geschlossene Vergewisserungsräume bilden. Die Gesellschaft benötige aber „Inseln der Verlässlichkeit“, meinte Steinmeier, der an das „Lagerfeuer der Tagesschau“ früherer Zeiten erinnerte.

„Wer die New York Times liest, glaubt ihr ohnehin“, erklärt der gebürtige Frankfurter Jeff Mason, für die Nachrichtenagentur Reuters in Washington tätig und bis vor kurzem Präsident der dortigen Hauptstadtjournalisten. Er erzählte, welchen Kampf die Journalisten führen mussten, um überhaupt im Presseraum des US-Präsidenten bleiben oder bei Reisen an Bord der Airforce One, der Präsidentenmaschine, gehen zu dürfen. Er muss nun um 6 Uhr statt wie bisher um 7 Uhr sein Büro besetzt haben – weil Donald Trump aus dem Bett twittert.

Das Leugnen von Fakten, das bewusste Verbreiten von Falschmeldungen sei keine Folge der Digitalisierung, meinte Michael Butter von der Universität Tübingen, der über Verschwörungstheorien geforscht hat und den interessanten Hinweis gab: In den vergangenen 150 Jahren seien durch Medien die Verschwörungstheorien delegitimiert worden, jetzt laufe es zum Teil umgekehrt.

Runzeln auf der Steinmeierschen Stirn

Was den unerschütterlichen Optimisten Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“, nicht anficht. Er sieht darin eine Chance und den Zwang für Journalisten, ihre Position der „Erhabenheit“ zu verlassen und die „Demokratisierung der Information“ zu akzeptieren. Durch die Digitalisierung würden die Zeitungen so viel gelesen wie noch nie, und es habe dem Journalismus gut getan, seine privilegierte Machtposition verloren zu haben.

Was wiederum Sascha Lobo, ein vergleichsweise prominenter Blogger im Internet, zu dem Einwurf brachte: Die Wut der Menschen sei verständlich, denn es entstehe doch der Eindruck, Politik und Medien steckten unter einer Decke. Das Bekenntnis zu einer liberalen Demokratie sei eben nicht Konsens – nicht einmal unter den Gästen im Bellevue. Da runzelte sich die Steinmeiersche Stirn.

Aber was hilft nun gegen offenkundig falsche Nachrichten, gegen Verschwörungstheorien? Michael Butter hatte einen überraschenden Rat: Impfgegner, die ja in der Regel hochgebildet seien, überzeuge man nicht mit Fakten, sondern mit Geschichten über Kinder, die an Masern sterben.

Julia Stein, leitende Redakteurin des NDR in Kiel, plädierte in die gleiche Richtung: Raus in die Fläche und abbilden, was die Menschen im Flächenland beschäftige, Die Geschichten der Menschen erzählen. Dagegen sei der „Schulz-Hype“ und das anschließende, massenhafte Kritisieren des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz kein Ruhmesblatt für den Journalismus.

„Wir könnten ein paar weniger Hauptstadtjournalisten und ein paar mehr in der Fläche gebrauchen“, meinte sie. Da musste der Intendant wiederum grinsen. Und auch Moderator Steinmeier konnte zufrieden mit dem Morgen sein.

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