zur Navigation springen

Muslimische Minderheit in Myanmar : Mindestens 313.000 Rohingya nach Bangladesch geflüchtet

vom

In den vergangenen Tagen sind täglich 20.000 neue Flüchtlinge nach Bangladesch gekommen: Der Flüchtlingsstrom der Rohingya aus Myanmar reißt nicht ab.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2017 | 14:46 Uhr

Cox's Bazar | Iman Sharif teilt sich mit zwölf anderen ein Zimmer in einem Krankenhaus im Süden Bangladeschs. Nur für sechs Menschen gibt es Pritschen, die anderen liegen auf Laken auf dem Boden. Der 25-jährige Sharif ist einer von 50 Flüchtlingen aus dem benachbarten Myanmar, die hier wegen Schussverletzungen behandelt werden. Er hat einen tagelangen Fußmarsch hinter sich - wie die meisten der Hunderttausenden Rohingya, die in den vergangenen gut zwei Wochen in den Bezir Cox's Bazar gekommen sind.

Etwa 300.000 Rohingya sind nach neuesten Schätzungen nach Bangladesch geflohen, seit am 25. August in Myanmars Bundesstaat Rakhine erneut Gewalt ausbrach. Rohingya-Rebellen griffen damals Polizei- und Militärposten an, worauf die Armee nach eigenen Angaben mit einer „Räumungsoperation“ reagierte.

Sharif machte sich gerade Frühstück, als Dutzende Soldaten und wütende Zivilisten am 2. September in seinem Dorf auftauchten, wie er erzählt. Sie hätten das Strohdach des Hauses seiner Familie angezündet und zu schießen begonnen. „Ich bin einen halben Kilometer weit gerannt, bis mir Soldaten den Weg versperrten“, sagt Sharif. „Sie haben mich verprügelt, mir in den Oberschenkel geschossen und mich dort liegen lassen.“

Später hätten andere Flüchtlinge ihm geholfen, nach Bangladesch zu gelangen. Auf dem Weg habe er hohe Flammen aus anderen Dörfern aufsteigen sehen. Seine Eltern und sieben Geschwister seien zur Zeit der Attacke in dem Haus gewesen. Er habe seitdem nichts von ihnen gehört.

Die Regierung Myanmars um die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi spricht von einem Kampf gegen Terroristen. Kritiker im Ausland, darunter UN-Generalsekretär António Guterres, befürchten eine ethnische Säuberung. Die Zahl der Todesopfer ist unklar. Was genau in Rakhine geschieht, kann keiner im Moment überprüfen. Die Geschichten der Geflüchteten ähneln sich aber sehr.

Das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, erreichten Berichte, wonach die Sicherheitskräfte in Myanmar die Grenzregion vermint haben, um Rückkehrer abzuschrecken.

Die meisten Flüchtlinge hätten einen tagelangen Fußmarsch hinter sich, berichtete die Regierung in Bangladesch. Sie waren erschöpft und hungrig. Da die Flüchtlingslager voll waren, errichteten die Rohingya entlang der Straßen, an Berghängen und im Wald provisorische Unterkünfte aus Bambus und Kunststoffplanen.

Rohingya gelten als staatenlos

Rohingya im Kutupalong-Flüchtlingslager in Ukhia (Bangladesch).
Rohingya im Kutupalong-Flüchtlingslager in Ukhia (Bangladesch). Foto: Nazrul Islam

Angehörige der muslimischen Minderheit werden im früheren Birma als illegale Einwanderer aus Bangladesch angesehen, selbst wenn sie seit Generationen in dem vorwiegend buddhistischen Land leben. Seit ihnen 1982 die Staatsbürgerschaft entzogen wurde, sind sie staatenlos. Rund eine Million Rohingyas leben in Rakhine, sie können sich aber nicht frei bewegen und haben keinen Zugang zum Schulsystem. Die jüngste Gewaltwelle war nicht die erste in Myanmar.

Auch das überwiegend muslimische Nachbarland Bangladesch will die Rohingyas nicht haben. Nach dem aktuellen Gewaltausbruch verstärkte das Land zunächst die Sicherheit an seiner Grenze. Dutzende Rohingyas ertranken bei dem Versuch, den Grenzfluss Naf zu überqueren. In Bangladesch leben bereits etwa 400.000 Rohingya-Flüchtlinge - die meisten in der Küstenregion Cox's Bazar. Wegen möglicher negativer Auswirkungen auf den Tourismus dort will der Staat sie auf eine abgelegene Insel im Golf von Bengalen umsiedeln.

Kritik an Aung San Suu Kyi

Aung San Suu Kyi ist wegen der Verfolgung der Minderheit in die Kritik geraten.
Aung San Suu Kyi ist wegen der Verfolgung der Minderheit in die Kritik geraten. Foto: Thein Zaw
 

Die EU rief zur Deeskalation und zum Gewaltverzicht sowie zu freiem Zugang für humanitäre Hilfe und Schutz für unbewaffnete Zivilisten auf. Dazu stehe die EU in Kontakt mit der Führung in Myanmar, sagte eine Kommissionssprecherin in Brüssel. Auch das buddhistische Oberhaupt meldete sich zu Wort. „Als Buddhist wie Sie und Friedensnobelpreisträger appelliere ich an Sie und Ihre Kollegen einmal mehr, eine nachhaltige und humane Lösung dieses anhaltenden Problems zu finden“, hatte der Dalai Lama am 28. August in seinem Brief an Suu Kyi geschrieben. Sein Sprecher Tsering Dhondup gab Auszüge daraus am Montag bekannt.

Er habe die Situation der Rohingya bereits bei früheren Treffen mit Suu Kyi angesprochen und zu einer friedlichen Lösung aufgerufen, hieß es vom geistlichen Oberhaupt des tibetischen Buddhismus. „Es ist enttäuschend zu beobachten, dass das Problem schlimmer zu werden scheint und die Gewalt zunimmt.“

Als „Staatsrätin“ ist die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi seit knapp eineinhalb Jahren de facto Regierungschefin von Myanmar. Sie ist zudem Außenministerin. Ende des vergangenen Jahres warfen ihr elf andere Friedensnobelpreisträger indirekt Mitschuld an einer „ethnischen Säuberung“ vor. In einem offenen Brief forderten unter anderen Desmond Tutu, Malala Yousafzai und Muhammad Yunus die UN auf, etwas gegen die Verbrechen an der Minderheit der Rohingyas zu unternehmen, und prangerten die Tatenlosigkeit von Suu Kyi an.

Diese hatte den Nobelpreis im Jahr 1991 für ihren gewaltlosen Kampf für Demokratie und Menschenrechte in dem südostasiatischen Land erhalten, wo damals das Militär herrschte. Die Oxford-Absolventin stand zu der Zeit unter Hausarrest - insgesamt war sie 15 Jahre lang eingesperrt. „Ethnische Säuberung ist ein zu hartes Wort, um zu beschreiben, was dort passiert“, erklärte Suu Kyi im April in einem BBC-Interview.

Dürftige Notbehausungen

Ein Rohingya-Kind steht im bangladeschischen Ukhia an einem Holzzaun im Flüchtlingslager Kutupalong, nachdem es kurz zuvor die Grenze von Myanmar nach Bangladesch überquert hat.
Ein Rohingya-Kind steht im bangladeschischen Ukhia an einem Holzzaun im Flüchtlingslager Kutupalong, nachdem es kurz zuvor die Grenze von Myanmar nach Bangladesch überquert hat. Foto: Bernat Armangue

Die Berichte der Flüchtlinge klingen anders. Der 45-Jährige Hashim Ullah ist zusammen mit 25 weiteren Rohingya in den Ort Whykong Bazar unterwegs. Er erzählt, sie hätten 15 Tage gebraucht, um Bangladesch zu erreichen. Sie seien nachts über Serpentinenstraßen gelaufen und hätten sich tagsüber in den Bergen vor Grenzpolizisten und Mobs versteckt. Am 25. August hatten Ullah zufolge mindestens 150 Soldaten ihr Dorf Merullay Purba Para angegriffen. „Wir sind erst einmal weggelaufen. Als wir später zurückkamen, waren die meisten Häuser zu Asche verbrannt.“ Sechs junge Männer seien erschossen worden. „Nachdem wir sie unter die Erde gebracht hatten, haben wir das Dorf verlassen.“

Der Exodus der Rohingya hört nicht auf. Zu Zehntausenden strömen sie weiter in das überwiegend muslimische Nachbarland. Manche von ihnen überqueren in Booten den Grenzfluss Naf. Dutzende sind bei dem Versuch ertrunken. Auf Feldwegen aus knöcheltiefem Lehm windet sich eine scheinbar nie endende Schlange erschöpfter und hungriger Menschen an grünen Reisfeldern vorbei in Richtung Hauptstraße. Männer tragen Bündel auf ihren Schultern, Frauen in schwarzen Burkas haben kleine Kinder auf den Armen, Jugendliche schleppen Säcke mit den paar Habseligkeiten, die sie retten konnten.

Entlang der Straßen, an Berghängen und im Wald bauen sie sich aus Bambus und Kunststoffplanen Notbehausungen. Freiwillige Helfer bringen Lebensmittel, und verzweifelte Menschenmengen drängeln sich um die Wagen. Neben Essen werden Decken, Zelte und Medizin gebraucht. Um die Notleidenden versorgen zu können, benötigen die Hilfsorganisationen dringend mehr Geld.

Der 62-jährige Abul Kalam ist mit seiner 20-köpfigen Familie nach langer Reise im provisorischen Flüchtlingslager Balukhali angekommen. Ein Buddhisten-Mob habe ihr Haus angezündet und seinen jüngsten Sohn ermordet. Eine mehr als einen Hektar große Ackerfläche, Rinder und auch etwas Gold hätten sie zurücklassen müssen, erzählt der Großvater. „Unterwegs gab es nichts. Wir mussten Wasser aus Kanälen trinken und Bananenblüten essen.“

Etwa 400.000 Flüchtlinge leben in armseligen Lagern in Cox's Bazar. Da die Gegend auch Touristen anzieht und die Regierung um die Einnahmen fürchtete, plante sie, die Rohingya auf eine abgelegene Insel umzusiedeln. Weitere Flüchtlinge wollte das Land nicht aufnehmen. Die Massen verzweifelter Menschen sind aber zu groß, um sie abzuweisen. Nun sollen neue Camps in Cox's Bazar entstehen. Die vorhandenen sind längst überfüllt.

Zafar Ahmed trägt die zwei kleinsten seiner fünf Töchter auf den Armen. Sie seien zu schwach von Hunger und Erschöpfung, um zu laufen. Vier Tage lang hätten sie am Grenzfluss ohne Essen auf ein Boot gewartet. Soldaten hätten seine Frau getötet, erzählt der 31-Jährige. „Ich weiß nicht, wo wir hin sollen.“

Imam Hossain ist bei einer Rohingya-Familie untergekommen, die schon im vergangenen Jahr vor Gewalt in Myanmar geflohen war. „Ich werde nie mehr nach Rakhine zurückkehren, selbst wenn es unabhängig wird“, meint der 40-Jährige. „Es ist besser, hier zu sterben.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen