Millionen Kinder leben rechtlos

Auf der Flucht statt in der Schule: Eine junge Somalierin trägt ihren kleinen Bruder.
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Auf der Flucht statt in der Schule: Eine junge Somalierin trägt ihren kleinen Bruder.

Unicef beklagt Gewalt, Versklavung und Missbrauch / Organisation fordert mehr Einsatz für Kinderrechte

shz.de von
25. Juni 2014, 15:12 Uhr

Für Hunderte Millionen Kinder stehen die vor 25 Jahren verabschiedeten UN-Kinderrechte nach wie vor nur auf dem Papier. Gewalt und Ausgrenzung seien bei der Umsetzung die größten Hürden, beklagte Unicef bei der Vorstellung des aktuellen Reports „Jedes Kind hat Rechte“ gestern in Berlin. „Gerade die ärmsten Kinder sind von sozialen und medizinischen Fortschritten oft ausgeschlossen“, sagte Jürgen Heraeus, Vorsitzender von Unicef Deutschland. Immer noch sterben den Angaben nach 6,6 Millionen Kinder jährlich an vermeidbaren Krankheiten, bevor sie das Schulalter erreichen. Zwar konnte seit 1989 die Kindersterblichkeit halbiert und der Anteil arbeitender Kinder um ein Drittel gesenkt werden, aber vor allem für benachteiligte Kinder müssten Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaften noch mehr tun. Einige Zahlen:

>Fast 170 Millionen Minderjährige werden durch Arbeit ausgebeutet, in vielen Fällen wie Sklaven behandelt. Fast die Hälfte von ihnen ist im Grundschulalter.

>165 Millionen Kinder sind wegen Mangel- und Unterernährung körperlich und geistig zurückgeblieben – „eine stille Tragödie, die oft übersehen wird“, so Unicef.

>60 Millionen Kinder benötigen weltweit dringend lebensrettende humanitäre Hilfe.

>Mehr als 150 Millionen Mädchen und 73 Millionen Jungen erfahren jedes Jahr sexuelle Gewalt, besonders häufig in Kriegsgebieten.

„In Entwicklungsländern sind mehr als 30 Prozent der Mädchen unter 18 Jahren – einige davon nicht mal sieben Jahre alt – von frühen und erzwungenen Eheschließungen betroffen“, betonte die UN-Sonderbeauftragte zu Gewalt gegen Kinder, Marta Santos Pais. „Aber auch Europa ist nicht immun.“ „Deutschland hat die Konvention von Anfang an unterstützt, aber das heißt nicht, dass bei uns alles in Ordnung ist“, sagte Heraeus und erinnerte daran, dass zwischen 2000 und 2010 knapp neun Prozent der Kinder hierzulande in anhaltender Armut gelebt hätten. 2012 hätten Jugendämter mehr als 40 000 Kinder in Obhut genommen, meist weil ihre Eltern überfordert waren. „Wenn ein Land die Kinderrechte stärkt, stärkt es seine Zukunftsfähigkeit“, erklärte Heraeus. „Wir brauchen eine Kultur des Hinsehens und funktionierende Netzwerke der Hilfe.“ Die Verwirklichung der Kinderrechte beginne damit, „dass es überall selbstverständlich wird, Kinder zu respektieren und ihnen zuhören“, sagte Heraeus. Er forderte, auch in Deutschland eine unabhängige Ombudsstelle für Kinder einzurichten.

Der Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Ralf Kleindiek, sprach sich dafür aus, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. „In bestimmten Situationen brauchen Kinder eine eigene Rechtsstellung, auch unabhängig von den Eltern.“ Vor dem geplanten G8-Gipfel 2015 in Deutschland wird es eine große Diskussionsveranstaltung für Kinder und Jugendliche geben, deren Ergebnisse dann den Staatschefs präsentiert werden.

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