„Staatsfeind Nr. 1“ : Militär in Venezuela zerschlägt Rebellengruppe um Oscar Pérez

Soldaten bei ihrem Einsatz gegen Aufständische in Araguaney, Caracas (Venezuela).

Soldaten bei ihrem Einsatz gegen Aufständische in Araguaney, Caracas (Venezuela).

Der Polizeipilot meldete sich immer wieder aus dem Untergrund. Ziel: Präsident Maduro zu stürzen. Nun wurde der Aufstand blutig beendet.

shz.de von
16. Januar 2018, 15:37 Uhr

Caracas | Über ein halbes Jahr narrten sie die Regierung im krisengebeutelten Venezuela – jetzt hat das Militär eine Gruppe Aufständischer um den abtrünnigen Polizeipiloten Oscar Pérez zerschlagen. Die Soldaten kreisten die Rebellen am Montag in der Siedlung El Junquito bei Caracas ein. Mehrere Aufständische wurden getötet und weitere festgenommen, wie das Innenministerium mitteilte. Es gab zunächst keine offizielle Bestätigung, dass auch der Anführer, der als Staatsfeind Nummer 1 gesuchte Pérez, getötet wurde.

Nach Misswirtschaft und gesunkenen Öleinnahmen steht das Land mit den größten Ölreserven vor dem Kollaps, es gibt die höchste Inflation der Welt und Normalbürger bekommen in Supermärkten kaum noch Lebensmittel. Zuletzt nahmen landesweit Plünderungen zu.

Pérez hatte wiederholt zum Sturz des sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro aufgerufen. Die Siedlung El Junquito war umstellt worden, Hunderte Polizisten und Soldaten waren im Einsatz. Es kam zu heftigen Feuergefechten. Auch zwei Angehörige der Sicherheitskräfte wurden getötet, hieß es. „Die Mitglieder dieser Terrorzelle, die bewaffneten Widerstand geleistet haben, wurden getötet. Fünf Verbrecher wurden gefangen genommen und inhaftiert“, teilte das Innenministerium in einem Kommuniqué mit.

Präsident Nicolás Maduro hält sich weiter an der Macht, aber die Proteste werden schärfer. /Prensa Miraflores
Jhonn Zerpa
Präsident Nicolás Maduro hält sich weiter an der Macht, aber die Proteste werden schärfer.
 

Angeblich soll es auch zu Granatenbeschuss gekommen sein – Pérez, der vor seinem Widerstand einer Spezialeinheit der Polizei angehört hatte, teilte aus dem Versteck mit: „Sie wollen nicht, dass wir uns ergeben, sie wollen uns ermorden.“ Die genaue Zahl der Opfer war zunächst unklar. Während der stundenlangen Gefechte hatte sich der seit über einem halben Jahr im Untergrund lebende Pérez über soziale Medien gemeldet. In einem Video war er schwer blutend und bewaffnet zu sehen. Er wird von Maduro als „Terrorist“ bezeichnet.

Der Staatschef gratulierte den Sicherheitskräften. „Die Ermittlungen haben uns erlaubt, eine Zelle dieser Gruppen zu zerschlagen, die planten, eine Autobombe vor der Botschaft eines bekannten Landes detonieren zu lassen“, sagte er vor der Verfassungsgebenden Versammlung. „Wer den Weg des Terrorismus wählt und die Waffen gegen das Volk richtet, dem antworten die Streitkräfte. Habt daran keinen Zweifel.“ Pérez hatte Ende Juni 2017 erstmals von sich reden gemacht: Als Pilot der Polizeieinheit CICPC beschoss er mit einem gekaperten Hubschrauber das Innenministerium und feuerte Granaten auf den Obersten Gerichtshof. Verletzte oder größere Schäden gab es nicht.

Oscar Pérez spricht am 13. Juli 2017 in Caracas mit Medienvertretern während einer Mahnwache für die Opfer, die während der Proteste gegen die Regierung getöteten wurden.
dpa
Oscar Pérez spricht am 13. Juli 2017 in Caracas mit Medienvertretern während einer Mahnwache für die Opfer, die während der Proteste gegen die Regierung getöteten wurden.
 

Maduro sprach von einem „Putschversuch und Terrorakt“. Die Gruppe um Pérez soll zudem Kasernen angegriffen und Waffen gestohlen haben. Auf dem Höhepunkt der Proteste gegen Maduro im Sommer vergangenen Jahres demütigte Pérez die Regierung, als er mitten in Caracas auf einer Demonstration auftauchte und umringt von seinen Anhängern Interviews gab. Pérez sieht sich als Anführer zur Befreiung Venezuelas vom Sozialismus.

Einer der führenden Sozialisten, Diosdado Cabello, attackierte scharf Oppositionspolitiker, die während des Einsatzes vor einer Exekution des Rebellen Pérez gewarnt hatten. „Die Rechten und ihre Medien verteidigen den Terroristen Óscar Pérez, welche Schande“. In einem Manifest sprach Pérez von einer „Koalition zwischen Militärs, Polizisten und Zivilisten“ – aber die Rebellengruppe war wohl eher klein.

Heldenverehrung: Der führende sozialistische Politiker Diosdado Cabello (Mitte) mit einem Porträt des ehemaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez.
Ariana Cubillos
Heldenverehrung: Der führende sozialistische Politiker Diosdado Cabello (Mitte) mit einem Porträt des ehemaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez.
 

Wie die auf Konfliktstudien spezialisierte Organisation „Observatorio Venezolano de Conflictividad Social“ (OVCS) in Caracas mitteilte, wurden 2017 insgesamt 9787 Demonstrationen und andere Arten von Protestaktionen gezählt – dies dürfte weltweit ein Spitzenplatz sein. Das OVCS steht der Opposition nahe, offizielle Zahlen liegen nicht vor. Die Organisation zählte auch im neuen Jahr bisher bereits 386 Demonstrationen sowie 107 Plünderungen und Plünderungsversuche.

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