Kommentar : Milchpreis-Krise: „Viele Landwirte haben sich verzockt“

Die Milch, die die Kuh hergibt, ist auf dem Mark derzeit kaum etwas wert.
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Die Milch, die die Kuh hergibt, ist auf dem Mark derzeit kaum etwas wert.

Der Absturz der Milchpreise wird die Landwirtschaft erneut verändern, meint unser Redakteur Frank Albrecht.

shz.de von
18. Mai 2016, 10:28 Uhr

Nein, diesmal sind nicht allein die bösen Discounter Schuld, die mit ihrer Marktmacht die Preise drücken und Produzenten in den Ruin treiben. Das Geschäft mit der Milch ist komplizierter. Natürlich haben Aldi, Lidl und Co. einen unheilvollen, weil viel zu großen Einfluss auf die Preisentwicklung. Wenn ihr brutaler Konkurrenzkampf dazu führt, dass ein Liter Milch billiger ist als ein Liter Marken-Mineralwasser, dann stimmt etwas nicht. Auch die ewigen Seitenhiebe auf die geizigen Verbraucher, die angeblich nicht bereit sind, gutes Geld für gute Lebensmittel auszugeben, sind nicht unberechtigt. Aber beides erklärt den Verfall der Milchpreise nur unzureichend.

Ein anderer Teil der Wahrheit ist: Viele Landwirte haben sich schlicht verzockt. Nachdem der Deutsche Bauernverband jahrelang gegen die Milchquote gepredigt hatte, und das verhasste EU-Regulativ am Ende endlich gestrichen wurde, haben die Milcherzeuger auf den Weltmarkt gesetzt. Es wurde viel investiert, in Kühe, Ställe, neue Massen-Melkroboter. Das hat auch eine Zeit lang funktioniert. Noch Anfang des Jahres 2014 kassierten die Landwirte rund 40 Cent je Liter Milch. Es wurde gemolken, was die Kuh hergab, fast die Hälfte der deutschen Milch ging in den Export. Dass am Weltmarkt ein noch heftigerer Wettbewerb tobt als zwischen Aldi und Lidl, wurde im Glauben, man sei besser aufgestellt als andere, ignoriert.

Dann brach der Markt in China ein, der Moskauer Importstopp als Folge der Sanktionen gegen Russland tat ein Übriges. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Und stark schwankende Preise für landwirtschaftliche Produkte sind im globalisierten Geschäft nichts Ungewöhnliches. Wer auf dem Weltmarkt mitspielen will, muss sich auf die Spielregeln einstellen. Wer das nicht kann, hat aufs falsche Pferd gesetzt.

Das Dumme ist nur: Ein Bauernhof läuft nicht wie eine Fabrik. Landwirte können nicht von heute auf morgen – je nach Weltmarktnachfrage – mal dieses oder jenes produzieren. Was bleibt, ist eine düstere Aussicht: Vor allem Familienbetriebe werden im Gegensatz zu industriell organisierten Großbetrieben die aktuelle Krise nicht überleben. Es sei denn, es gelingt ihnen, aus regionaler Vermarktung ausreichend Profit zu ziehen. Aber das werden nicht alle schaffen. Hilfsgelder aus der Steuerkasse würden das Leiden nur verlängern.

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