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Kassenleistung - ja oder nein? : Merkel will Cannabis für Schwerkranke erlauben

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Der Anbau von Hanf ist in Deutschland illegal - trotzdem könnte die Droge bald als Schmerzmittel zugelassen werden.

shz.de von
erstellt am 03.Feb.2015 | 16:00 Uhr

Berlin | Schwerkranke Patienten sollen nach dem Willen der Koalition ab 2016  Cannabis auf Rezept erhalten können. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, will erreichen, dass die Krankenkassen dann die Kosten übernehmen.„Mein Ziel ist, dass in Zukunft mehr Menschen als bisher Cannabis als Medizin bekommen können“, sagte die CSU-Politikerin der „Welt“. Das Gesundheitsministerium arbeitet bereits an einer Regelung.

Chronisch kranke Schmerzpatienten, die Cannabis zur Linderung brauchen, können aufgrund der geltenden Gesetzeslage ins Visier von Ermittlern geraten. Besitz, Anbau und Handel sind verboten. Die Cannabis-Präparate in den Apotheken sind teuer.

Gehen Aidskranke oder Krebspatienten den legalen Weg, müssen sie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine individuelle Behandlung mit Cannabis beantragen. Bundesweit haben aber weniger als 300 Patienten diese Erlaubnis. Die Kassen beteiligen sich nicht.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist dafür, Betroffenen zu helfen. Es sei wichtig, „dass wir für schwerstkranke Patientinnen und Patienten die bestehenden Möglichkeiten des Einsatzes von Cannabis als Medizin ausweiten und verbessern“, schrieb Merkel kürzlich auf eine Anfrage eines Bürgers in ihrem Internet-Blog. Weiter will Merkel aber nicht gehen: „Cannabis ist keine harmlose Droge. Für eine unbegrenzte Freigabe von Cannabis ist weit und breit keine politische Mehrheit in Sicht.“ Deshalb gebe es in Deutschland weiterhin einen sinnvollen Mix aus Prävention, Beratung und Behandlung.

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi sprach sich dagegen für eine generelle Cannabis-Legalisierung aus: „Es ist nicht schlimmer als Alkohol, und Alkohol erlauben wir auch.“ Auch die Grünen plädierten dafür.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will nun rasch für Klarheit sorgen: „Dazu gehört die Frage der Kostenerstattung durch die Krankenkassen in diesen medizinisch begründeten Fällen, aber auch die Frage, wie Missbrauch wirksam verhindert werden kann.“

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, der Arzt Franjo Grotenhermen, begrüßte, dass die Bundesregierung sich des Themas annehmen will. „Es ist schön, dass da endlich Bewegung reinkommt“, sagte er. Der Teufel liege allerdings im Detail. „Man wird sehen, wie viele Patienten davon wirklich profitieren werden.“

Fragen und Antworten:

Cannabis: Was ist erlaubt, was nicht?

In Deutschland gelten Cannabis-Produkte als illegale Suchtmittel. Besitz, Anbau und Handel sind verboten. Beim Umgang mit „nicht geringen Mengen“ Haschisch und Marihuana liegt die Höchststrafe bei 15 Jahren Haft. Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland - aber auch Basis für Medikamente.

Schwerkranke Menschen dürfen mit einer Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte auch getrocknete Blüten oder Blätter über Apotheken beziehen. Bundesweit habe weniger als 300 Patienten diese Erlaubnis. Die Kassen beteiligen sich nicht.

Im vergangenen Juli erlaubte das Kölner Verwaltungsgericht Schmerzpatienten in Ausnahmefällen den Anbau zu Therapiezwecken: dann wenn sonst nichts hilft und Cannabis aus der Apotheke für sie unerschwinglich ist.

Wie wird Cannabis bisher in der Medizin eingesetzt?

Cannabis ist Basis für Medikamente. Den beiden Hauptwirkstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) wird eine krampflösende und schmerzlindernde Wirkung zugeschrieben. Cannabis wird auch genutzt, um Übelkeit zu bekämpfen und den Appetit anzuregen. Befürworter sehen einen großen Nutzen etwa für Menschen mit chronischen Schmerzen, Patienten mit Krebs oder Aids-Kranke. Kritiker weisen unter anderem auf mögliche Nebenwirkungen wie Schwindel und Wahrnehmungsstörungen hin.

Das einzige in Deutschland zugelassene Medikament auf der Basis von Cannabis ist Sativex. Viele Kassen übernehmen die Kosten.

Darüber hinaus produzieren Firmen wie THC Pharm (Frankfurt) eine „Rezeptursubstanz“, aus der Apotheker für Patienten mit ärztlichem Rezept individuell dosierte Kapseln oder Tropfen herstellen. Etwa in der Hälfte dieser Fälle tragen die Kassen die Kosten.

Wie stehen andere Länder zu Cannabis als Arzneimittel?

Andere Länder nutzen Cannabis als Medizin schon längst, darunter sind auch zahlreiche US-Bundesstaaten und Israel. Chile genehmigte ein entsprechendes Projekt für Krebs- und Epilepsiepatienten.

 
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