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Endlagersuche : Mehr Atommüll als gedacht: Was Sie wissen müssen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Angst vor dem Atommüll wächst. Und die rostenden Fässer in Brunsbüttel waren erst der Anfang. Fragen und Antworten.

Warum gibt es jetzt neue Aufregung um den Atommüll in Deutschland?

Deutschland muss in den nächsten Jahrzehnten deutlich mehr Atommüll entsorgen als bislang angenommen. Allein die Menge des schwach- und mittelradioaktiven Abfalls, für den bei Salzgitter derzeit das Endlager Schacht Konrad errichtet wird, könnte sich verdoppeln, berichtet die Süddeutsche Zeitung und beruft sich auf einen Entwurf für einen „nationalen Entsorgungsplan“. Diesen Plan stimmt die Bundesregierung mit den Ländern ab. Bislang wurde für Schacht Konrad eine Abfallmenge von 298.000 Kubikmetern Atommüll prognostiziert, jetzt gehe der Bund nun von einer „Gesamtmenge der zu entsorgenden Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung von rund 600.000 Kubikmetern“ aus, heißt es im Entwurf.

Wie lässt sich dieser Anstieg erklären?

Der Bund zählt erstmals auch Abfälle aus der Urananreicherungsanlage in Gronau in NRW als Atommüll mit. Dessen Betreiber Urenco lagere dort derzeit 13.000 Tonen sogenannte Urantails, die bei der Anreicherung übrig blieben. Bislang seien diese Mengen stets als „Wertstoffe“ durchgegangen, aus denen sich noch Kernbrennstoffe fertigen ließen. Dagegen rechne der Bund in dem Entsorgungsplan, den die EU-Kommission verlangt, nun mit bis zu 100.000 Kubikmetern Atommüll allein aus der Urananreicherung.

Ist das das einzige Problem?

Nein. Weitere 200.000 Kubikmeter kommen laut dem Bericht der Süddeutschen Zeitung hinzu, wenn das marode Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel geräumt wird. Wohin der Zusatzmüll gehen soll, sei offen.

Wo soll der Atommüll hin?

Ziel sind laut des Entsorgungsplans zwei Endlager: Schacht Konrad für Abfälle, die wenig Wärme entwickeln, und ein zweites für den „heißen“, in Castoren gelagerten Atommüll. Dieser Standort steht noch nicht fest - und es wird ihn auch nicht vor dem Jahr 2031 geben. Insgesamt 291 Castor-Behälter soll es aufnehmen. Mit der Suche danach befasst sich derzeit eine Bund-Länder-Kommission.

Gibt es weiteren Grund zur Sorge?

Leider ja. Im größten oberirdischen Zwischenlager in Karlsruhe fanden Prüfer bei Kontrollen mehr als 1700 beschädigte Fässer mit radioaktivem Müll. Das berichtet das NDR-Politikmagazin „Panorama 3“. Der Sender führte eine Umfrage unter den Aufsichtsbehörden aller 16 Bundesländer durch. Demnach befinden sich an mindestens 17 Standorten leicht oder schwer beschädigte Fässer, zum Beispiel in der hessischen Landessammelstelle in Ebsdorfergrund und am Kernkraftwerk Biblis. Auch in Brunsbüttel werden immer wieder marode Fässer gefunden.

Was genau lagert in Brunsbüttel?

In unterirdischen Lagerstätten („Kavernen“) des Kernkraftwerks Brunsbüttel befinden sich schwach- und mittelradioaktive Abfälle. In den 631 Stahlfässern werden radioaktive Abfälle (Filterharze, Verdampferkonzentrate und Mischabfälle) aus dem Leistungsbetrieb des Reaktors aufbewahrt.

Wie lagern die Abfälle in dem AKW?

Die Fässer lagern in sechs Kellerräumen, den sogenannten Kavernen des Kernkraftwerks. Die Kavernen befinden sich im Keller des Feststofflagers. Sie bilden mit Betonwänden und Betonriegeln die Barriere, um die Umwelt vor Strahlung zu schützen. So sind sie durch 110 Zentimeter dicke Betonriegel von oben her abgeschirmt. Diese Betonriegel reduzieren die Strahlung so weit, dass oberhalb der Kaverne unter Strahlenschutzmaßnahmen gefahrlos gearbeitet werden kann.

Wie lange lagern die Fässer schon in Brunsbüttel?

Die Abfälle werden auf die Endlagerung im niedersächsischen „Schacht Konrad“ vorbereitet. Dies geschiet unter anderem durch Verpackung aller Abfälle in bauartgeprüfte, speziell zugelassene Behälter. Das Endlager Konrad wird voraussichtlich Anfang des kommenden Jahrzehnts zur Verfügung stehen. Bis dahin sollen die Fässer am Standort Brunsbüttel gelagert werden, zunächst in den bereits bestehenden Transportbereitstellungshallen, dann in einem neu zu errichtenden Zwischenlager für schwach- bis mittelradioaktive Abfälle, das im Zuge des beantragten Rückbaus des Kernkraftwerks entstehen soll.

Was ist Verdampferkonzentrat?

Die im Kontrollbereich eines Kraftwerks anfallenden Abwässer müssen gesammelt und gereinigt werden, bevor sie wieder an das Flusswasser abgegeben werden. Dies geschieht in Verdampferanlagen. Die Konzentrate, in denen die Radioaktivität des Abwassers zu 99,9% zurückbehalten wird, müssen gesammelt, getrocknet und gelagert werden. Die Abfälle enthalten trotz der Jahrzehnte langen Abklingzeit noch relevante Mengen an Cäsium 137, einem typischen Abfallprodukt der Kernspaltung.

Bei der Inspektion der Kaverne II hatte sich herausgestellt, dass aus Fässern mit Verdampferkonzentraten Fassinhalt ausgetreten und sich in breiiger Form auf einer Folie am Boden gesammelt hatte, die die Betreibergesellschaft vor der Einlagerung der Fässer ausgelegt hatte.

Wie viele Fässer in Brunsbüttel sind beschädigt?

Bis zum 9. Oktober 2014 wurden 335 Fässer inspiziert. Davon seien 102 stark beschädigt, teilte das für die Atomaufsicht zuständige Umweltministerium in Kiel damals mit. Neuere Zahlen gibt es noch nicht.

Und in ganz Deutschland?

Insgesamt lagern rund 85.000 Behälter mit schwach- und mittelradiaktiven Abfällen in detuschen Kernkraftwerken, Zwischenlagern und Landessammelstellen. Über ihren Zustand gibt es keine offizielle Übersicht. Der NDR spricht von 2000 entdeckten Fällen von verrosteten oder beschädigten Atommüll-Behältern, die die Behörden verzeichneten Experten gehen davon aus, dass die Anzahl der beschädigten Fässer und Container mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen noch weitaus höher ist.

Warum gibt es keine Übersicht?

Laut dem Bericht des NDR wurde die Einlagerung radioaktiver Abfälle in der Vergangenheit oft falsch oder nur unzureichend dokumentiert.

Was lagert in den Fässern?

Die genaue Art und Zusammensetzung des strahlenden Mülls ist vielerorts unklar. Häufig kommt es zudem zu chemischen Prozessen innerhalb der Fässer. Wo die Abfallbehälter dicht an dicht oder übereinander gestapelt sind, ist die Korrosionsgefahr höher.

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erstellt am 18.Nov.2014 | 10:46 Uhr

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