Krieg um Gaza : Mehr als 20 Tote bei Israels Bodenoffensive

Die Gewaltspirale dreht sich weiter: Mit Bodentruppen will Israel die Infrastruktur der Hamas beschädigen. Knapp 70.000 Soldaten für die Offensive zur Verfügung. Die Hamas drohte, Israel werde den Schritt „teuer bezahlen“.

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18. Juli 2014, 08:18 Uhr

Gaza | Eine israelische Bodenoffensive im Gazastreifen in der Nacht zum Freitag hat bereits über 20 Todesopfer gefordert. Etwa 20 Palästinenser wurden nach Angaben der Rettungsbehörden in Gaza getötet. Erstmals seit Beginn der Offensive in dem Palästinensergebiet vor elf Tagen kam auch ein israelischer Soldat ums Leben. Die Armee teilte am Freitag mit, er sei bei Kämpfen im Norden des Gazastreifens getötet worden.

Israel hatte nach zehn Tagen mit Luftangriffen eine Bodenoffensive gestartet, bei der auch Kampfpanzer eingesetzt wurden. Ziel des begrenzten Einsatzes im Norden, Süden und Osten des Gazastreifens sei die Infrastruktur der radikal-islamischen Hamas, teilte die Armee mit. Es gab Berichte über israelischen Artilleriebeschuss sowie heftige Schusswechsel mit militanten Palästinensern im Bereich von Beit Lahia im Norden des Küstenstreifens am Mittelmeer.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte von beiden Seiten den Schutz von Zivilisten. Die Hamas müsse sofort den Beschuss Israels mit Raketen stoppen, sagte Ban am Donnerstag in New York. Israel wiederum habe dafür zu sorgen, dass bei der Offensive keine Zivilisten zu Schaden kämen.

„Die Verschärfung der Krise wird die Lasten für die ohnehin schon leidenden Zivilisten auf beiden Seiten noch erhöhen.“  Die Zahl der Toten seit Beginn der Offensive stieg nach Angaben der Rettungsbehörden am Freitag auf 260. Ingesamt seien bislang 2000 Menschen als Folge der israelischen Bombardements verletzt worden. Zwei Soldaten seien bei Kämpfen im Gazastreifen verletzt worden, berichtete der israelische Rundfunk.

Es werde im Norden, Süden und Osten des Küstenstreifens operiert, sagte der israelische Militärsprecher Arye Shalicar in der Nacht zum Freitag.Die Armee mobilisierte für den Einsatz 18.000 weitere Reservisten - damit stehen knapp 70.000 Soldaten für die Offensive zur Verfügung.

Die Bodenoffensive solle ein begrenzter Einsatz sein, betonte der Armeesprecher. Ziel sei die Infrastruktur der radikal-islamischen Hamas. In den vergangenen zehn Tagen habe die Hamas jedes Mal, wenn Israel deeskalieren wollte, diese Zeit genutzt, um Raketen zu abschießen, sagte der Sprecher.  „Wir wollen so schnell wie möglich Sicherheit und Stabilität für die Bürger Israels wiederherstellen.“ 

Die Hamas bezeichnete die israelische Bodenoffensive als „gefährlichen Schritt“, den Israel „teuer bezahlen“ werde. Die palästinensischen Widerstandskomitees kündigten an, man werde Gaza in einem Friedhof für israelische Soldaten verwandeln.

Der Befehl zur Offensive kam von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. „Der Premierminister und der Verteidigungsminister haben die Streitkräfte angewiesen, heute Nacht eine Bodenoffensive zu beginnen, um die Terrortunnel zu treffen, die vom Gazastreifen in israelisches Gebiet reichen“, heißt es in einer Mitteilung aus dem Büro des Premiers.  

Schon kurz zuvor hatte Israel die Angriffe auf den palästinensischen Gazastreifen massiv verstärkt. Artillerie, Kampfhubschrauber und Kriegsschiffe feuerten auf Ziele in den Ortschaften Beit Hanun und Beit Lahia im nördlichen Gazastreifen, berichtete die Webseite „ynetnews“. Augenzeugen berichteten, dass der Himmel über dem Gebiet immer wieder von Leuchtmunition erhellt wurde.

Die neue Eskalation erfolgte am Ende eines Tages, an dem es zunächst Signale der Entspannung gegeben hatte. Beide Seiten hielten eine fünfstündige humanitäre Waffenpause ein, die von UN-Organisationen vorgeschlagen worden war und dazu diente, den notleidenden Gazastreifen mit Hilfslieferungen zu versorgen.

In der Nacht zuvor war in Kairo eine erste indirekte Gesprächsrunde zwischen israelischen Regierungsvertretern und Hamas-Unterhändlern zu Ende gegangen. Doch nach Verstreichen der Waffenpause am Nachmittag feuerte die Hamas nach Zählung des israelischen Militärs mehr als 100 Raketen auf Israel ab.

Auslöser der jüngsten Gewalt waren die Entführung und Ermordung von drei israelischen Teenagern und der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jungen. Eine 2012 vereinbarte Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, die seit 2007 im Gazastreifen herrscht, wurde daraufhin endgültig Makulatur.

Die israelische Justiz klagte am Donnerstag die mutmaßlichen Mörder des palästinensischen Jungen an. Laut einer Mitteilung des israelischen Justizministeriums handelt es sich um einen 29-Jährigen aus einer jüdischen Siedlung im Westjordanland und zwei 16-jährige Religionsschüler aus Jerusalem und Beit Schemesch. Zwei der Angeklagten würden wegen psychischer Störungen behandelt, hieß es in der Anklageschrift.

Der palästinensische Teenager Mohammed Abu Chedair soll bei lebendigem Leib verbrannt worden sein. Das Verteidigungsministerium erklärte ihn zum Terroropfer.

Am frühen Morgen verhinderte die israelische Armee nach eigenen Angaben einen massiven Angriff von Militanten an der Grenze zum Gazastreifen. 13 schwer bewaffnete Palästinenser seien durch einen Tunnel etwa 250 Meter weit nach Israel vorgedrungen, sagte Armeesprecher Lerner. Die Luftwaffe habe den Tunnelausgang auf der israelischen Seite bombardiert und damit eine Attacke auf den nahe gelegenen Kibbuz Sufa vereitelt.

Ein von der Armee veröffentlichtes Video zeigt, wie die Palästinenser zum Tunnelausgang zurücklaufen und dieser von einer Luft-Boden-Rakete in dem Augenblick getroffen wird, in dem der letzte Angreifer im Tunnel verschwunden ist. Das Militär erklärte später, keine Leichen von möglicherweise getroffenen Militanten gefunden zu haben. Die Hamas behauptete, dass der Trupp nach erfüllter Mission vollständig und unversehrt zurückgekehrt sei.

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