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Nach Rudolf Scharping : Martin Schulz: Der neue Hoffnungsträger mit Bart und Brille

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1994 trat Rudolf Scharping für die SPD an. Martin Schulz erinnert an den Kanzler-Kandidaten von einst.

Er ist die neue Nummer eins der SPD. Nach dem Drama mit seinem Vorgänger, der am Ende entnervt das Handtuch geworfen hat, ist der Mann aus dem Südwesten Deutschlands der große Hoffnungsträger der Partei – auch weil er so ganz anders ist als die anderen in der Politik: Der Bart, die etwas unmoderne Brille, der scheinbar behäbige Habitus und der Dialekt geben ihm auf den ersten Blick etwas Provinzielles. Doch die Genossen lieben ihn, weil er einer von ihnen ist. Er erzeugt nach seiner Kandidatur einen Wechselwillen, die Umfragen sprechen für ihn. Der neue SPD-Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende scheint bieder, aber er gilt als Pragmatiker und hat sich gegen harte Konkurrenz durchgesetzt, lässt seinen Vorgänger aus dem Norden schnell in Vergessenheit geraten. Und er hat den Willen zur Macht, so dass die SPD ihm bereitwillig folgt in den Wahlkampf gegen den ewigen Kanzler, um dessen vierte Amtszeit zu verhindern.

Der damalige SPD-Kanzlerkandidat Rudolf Scharping mit Oskar Lafontaine (r.) und Gerhard Schröder (l.) am 14.10.1994, zwei Tage vor den Bundestagswahlen.
Der damalige SPD-Kanzlerkandidat Rudolf Scharping mit Oskar Lafontaine (r.) und Gerhard Schröder (l.) am 14.10.1994, zwei Tage vor den Bundestagswahlen. Foto: Martin Gerten/dpa
 

Das war 1994. Der SPD-Kanzlerkandidat hieß Rudolf Scharping. All das, was die SPD in diesen Tagen mit ihrem neuen starken Mann Martin Schulz erlebt, der heute zu seinem ersten Auftritt nach Schleswig-Holstein kommt, das kennen die älteren Genossen bereits. Scharping führte seinerzeit die SPD in die Bundestagswahl – und verlor am Ende doch gegen Helmut Kohl. Und auch ohne Bart und mit modernerer Brille sollte der einstige starke Mann aus Rheinland-Pfalz, der heute als Unternehmensberater tätig ist, kein großes politisches Fortune haben. Blüht das den Genossen nun auch mit ihrem neuen Hoffnungsträger?

So leicht ist es nicht. Scharping versucht im Wahlkampf 1994 vor allem eines: keinen Fehler zu machen. In den Meinungsumfragen liegt er bis zum Sommer noch deutlich vor Kohl. Und dann das: Der Kandidat stolpert im Wahlkampf, wirkt zuweilen linkisch. Er verwechselt brutto mit netto, vernachlässigt die Kampagne im Osten, die von der PDS tolerierte rot-grüne Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt belastet ihn, seine Slogans zünden nicht, die innerparteilichen Konkurrenten tun nichts, um ihn zu stützen – bis die Wechselstimmung kippt und die Parteibasis den Glauben an den Sieg verliert. Und die CDU gewinnt.

Die Ausgangssituation von damals ist allerdings nur bedingt vergleichbar mit der von heute. Auch weil die SPD 2017 nicht mehr die Partei der 90er Jahre ist und die Gesellschaft sich enorm gewandelt hat. Na klar mögen sie in der SPD immer noch die hemdsärmeligen Typen, die es nur in der SPD nach oben schaffen können. Einer wie Martin Schulz, der mit einer gebrochenen Biografie und ohne Abitur das Zeug hat, Bundeskanzler zu werden. Einer, mit dem man glaubt, dass die Wähler wieder wie früher von allein an den Stand auf dem Marktplatz kommen, um mit dem Mann mal ein paar Takte zu reden.

Schulz sieht aus wie ein Wähler, von denen die Partei in den vergangenen Jahren jede Menge verloren hat: Ältere Arbeitnehmer, die nicht jeden Trend mitmachen, die Angst haben vor Veränderungen, die nicht genau wissen, ob ihre Kinder und Enkel den Lebensstandard halten können, den sie sich einmal erarbeitet haben. Und die deswegen anfällig sind, für einfache Parolen – sei es von rechts oder von links.

All das ist Martin Schulz nicht, aber er kann den Leuten, die zur Ur-Klientel der sozialdemokratischen Wählerschaft gehören, vielleicht einen Teil ihrer Ängste nehmen. Er gilt trotz seiner langen parlamentarischen Erfahrung als jemand, der den Berliner Politikbetrieb von außen betritt. Als jemand, der klare Worte findet. Schulz ist weit davon entfernt, ein Populist wie Donald Trump zu sein, aber auch der hat eine Wahl zum Teil gewonnen, weil er Ecken und Kanten hatte – und irgendwie anders wirkte als seine Parteikollegen. Allerdings: Vergleiche von unmodernen Frisuren und Tugenden der beiden Politiker verbieten sich.

Deshalb zurück zu Schulz und Scharping. So paradox es klingt: Schulz hat trotz einer schlechteren Ausgangsposition vielleicht sogar die besseren Voraussetzungen für einen Wahlsieg als Scharping. Die meiste Zeit der Legislaturperiode von 1990 bis 1994 war eine Mehrheit der Wähler der Meinung, dass Kohl nicht mehr der richtige Kanzler sei. Scharping war zum Siegen verdammt – und verlor. Schulz ist freier. Seit Jahren sind es die Bürger nicht mehr gewohnt, dass ein Sozialdemokrat die Kanzlerin stellt und offen angreift. Schafft Schulz das, wird ihm die sozialdemokratische Basis weiter folgen – und irgendwann womöglich ernsthaft an einen Sieg glauben. Bei Scharping hat sie diesen Glauben verloren, bei Schulz kann sie ihn gewinnen.

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erstellt am 07.Feb.2017 | 14:45 Uhr

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