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„Manchmal träume ich schlecht“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auf ein Wort mit dem politischen Urgestein Volker Rühe (Teil 2): Über Visionen in der Politik

Herr Rühe, können Sie sich erinnern, was Sie vor 50 Jahren gemacht haben?
(überlegt) Im Sommer1963 war ich vier, fünf Monate in Amerika und habe als Freiwilliger in einem New Yorker Summer-Camp gearbeitet.

Am 28. August hielt Martin Luther King seine berühmte „I have a dream“-Rede. Erinnern Sie sich?
Oh, ich erinnere mich sehr gut daran. Ich hätte die Rede gerne in Washington direkt erlebt. Aber ich hatte eine Gruppe zu betreuen. In dem Camp haben wir uns um junge Menschen – darunter viele Schwarze – gekümmert, die Mitglieder in New Yorker Gangs waren. Viele hatten bereits Drogenerfahrung oder waren kriminell geworden.

Hätten Sie damals gedacht, dass heute ein schwarzer US-Präsident im Weißen Haus regieren würde?
Ja, das war nur eine Frage der Zeit. Ich arbeitete in dem Camp überwiegend mit weißen Studenten zusammen, die sich ebenfalls freiwillig gemeldet hatten. Da erlebte ich die Bereitschaft der jungen Amerikaner, sich einzubringen und die Nation positiv zu verändern. Das hat mich politisch geprägt. Man muss die Zukunft gestalten wollen.

In Deutschland sprechen Politiker lieber von Realpolitik. Brauchen wir keine Visionen?
Selbstverständlich brauchen wir Ideen davon, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen. Und zwar schon deshalb, weil die Realität von heute nicht die Realität von morgen ist.

Helmut Schmidt sagt, wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.
Dann lassen Sie uns statt von Visionen von Strategien sprechen. Wir brauchen langfristige Vorstellungen von den Veränderungen auf der Welt.

Kanzlerin Angela Merkel sagt dagegen, es sei zum Beispiel mit Blick auf die Eurokrise nur eine Politik auf Sicht möglich.
Natürlich muss eine Regierung auf aktuelle Herausforderungen flexibel reagieren. Aber ich brauche doch Perspektiven und Ziele. Sonst gäbe es in den USA noch immer keinen schwarzen Präsidenten.

Warum wird dann die Politik immer kurzatmiger?
Wer „Politik auf Sicht“ macht, vermindert das Risiko des Machtverlustes. Man kann sich dem Publikumsgeschmack und dem Zeitgeist anpassen. Wer sich dagegen frühzeitig auf Ziele festlegt, die schwierig zu erreichen sind, kann leichter scheitern.

Sie selbst haben sich 1994 als Verteidigungsminister weit aus dem Fenster gelehnt und im Balkankrieg für Auslandseinsätze der Bundeswehr plädiert. Das hätte schiefgehen können. Haben Sie etwa nicht an die Karriere gedacht?
Politik, die nur taktisch angelegt ist, wird letztlich scheitern. Und sie bringt unser Land nicht voran.

Das sagen Sie mal den Politikern im Wahlkampf.
Es ist jedenfalls ein Armutszeugnis, wenn sich Politiker dafür feiern lassen, anderen Parteien Themen weggenommen zu haben.

Jetzt meinen Sie Frau Merkel.
Es geht mir nicht um Politiker, sondern um die Bürger. Wonach sollen sie ihre Wahlentscheidung ausrichten, wenn Gegensätze nicht mehr herausgearbeitet, sondern eingeebnet werden?

„I have a dream“, rief Martin Luther King. Haben Sie Träume?
Denke ich an die Politik, träume ich manchmal schlecht. Die Kultur des Augenblicks zerstört unser Gemeinwesen.

Bis zur Bundestagswahl am 22. September wird Volker Rühe jede Woche im Gespräch mit Stephan Richter Aspekte des Wahlkampfes aufgreifen. Rühe war von 1989 bis 1992 Generalsekretär der CDU und von 1992 bis 1998 Bundesminister der Verteidigung. Er gehört heute zu den führenden Beratern von nationalen Regierungen und internationalen Institutionen in der Außen- und Sicherheitspolitik.

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erstellt am 31.Aug.2013 | 00:31 Uhr

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