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Machtkampf: Timoschenko bringt sich in Position

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vertrauter der ukrainischen Oppositionsführerin wird Übergangsregierungschef / Sie selbst will Präsidentin werden

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2014 | 12:58 Uhr

Im Rollstuhl und gezeichnet von der Haft, aber doch kraftvoll und ungebrochen präsentiert sich Julia Timoschenko in Kiew. Kämpferisch wie eh und je nimmt die Oppositionsführerin Kurs auf das Präsidentenamt in der leidgeplagten Ukraine. Ihr Erzfeind Viktor Janukowitsch, gegen den sie 2010 in der Stichwahl unterlag, ist gestürzt – zum Greifen nah ist nun ihr Ziel, das die Ex-Regierungschefin seit Jahren im Visier hat: Gleich nach der Entlassung aus zweieinhalbjähriger Lagerhaft verkündet sie ihre Kandidatur für die Präsidentenwahl am 25. Mai. Einen Tag später wird ihr Vertrauter Alexander Turtschinow vom Parlament zum Übergangspräsidenten gewählt und gibt den neuen Kurs aus: „Vorrang hat für uns, zum Kurs der Annäherung an Europa zurückzukehren“, sagte Turtschinow gestern Abend in einer Ansprache an die Nation. Zugleich betonte er aber auch die Wichtigkeit der Beziehungen zum Nachbarn Russland. Nötig sei aber, dass Moskau „die europäische Wahl der Ukraine anerkennt und berücksichtigt“, betonte der 49-Jährige.

Mit Timoschenkos Rückkehr auf die politische Bühne verschieben sich nach Ansicht von Beobachtern sofort die Gewichte. Die Vollblutpolitikerin könnte die Chefs der Oppositionsparteien an die Wand drücken, darunter mit Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko einen weiteren Anwärter auf das höchste Staatsamt. Schon während ihrer Haft wegen Amtsmissbrauchs hatte Timoschenko ein ums andere Mal bewiesen, dass sie besser als jeder andere die Stimmung im Volk erahnt. In flammenden Appellen forderte sie die Regierungsgegner zu kompromisslosem Vorgehen auf. Keine Verhandlungen mit Janukowitschs „Bande“, mahnte die 53-Jährige. Sie meinte damit auch Klitschko und Co., die sich mit der Führung an einen Tisch setzten.

Am Sonnabendabend erleben dann wohl mehr als 100 000 Menschen die Rückkehr von Timoschenko. Wie Phoenix aus der Asche erscheint die Ex-Gefangene auf dem dicht besetzten Maidan. „Frisch ans Werk“ scheint die Devise der zierlichen Frau. Unverbrauchte Gesichter sollten die Politik übernehmen, kündigt Timoschenko an. Ihren Führungsanspruch wird sie aber nicht aufgeben.

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer der blutigen Straßenkämpfe in Schwarz gekleidet, erscheint Timoschenko dabei dem einen oder anderen Beobachter wie ein Racheengel. Immer wieder reißt sie den Arm empor und fordert Genugtuung für das vergossene Blut. Teils überschlägt sich ihre Stimme, teils kann sie vor lauter Rührung kaum weitersprechen. Auch im Publikum gibt es viele Tränen.

Viele Ukrainer lassen nach diesen turbulenten Tagen ihren Gefühlen freien Lauf. Barrikaden, Scharfschützen, Tote – der ganze Maidan wirkte tagelang wie ein Schlachtplatz. Dann die Verhandlungen und die Einigung. Und schließlich die Welle des Zorns. Die Menschen waren unzufrieden mit dem Kompromiss. Dass Janukowitsch noch Monate im Amt bleiben sollte, sorgte für Wut. Die Straße gab die Parole vor – Rücktritt oder Sturm. Sie erhöhte den Druck so, dass Janukowitschs Herrschaft zusammenbrach. Den Oppositionsführern blieb nichts anderes übrig, als auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Im Eiltempo peitschte das Parlament Beschlüsse durch, erklärte Janukowitsch für abgesetzt – und befahl Timoschenkos Freilassung.

Aber so sehr sich viele Ukrainer auf die Rückkehr ihrer Volkstribunin freuen. Dass Timoschenko nun wieder mitmischt, schmeckt nicht allen. Die „Gasprinzessin“ hat nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 ein immenses Vermögen angehäuft. Politische Gegner werfen ihr undurchsichtige Geschäfte vor, sie besitze keine saubere Weste.

Selbst auf dem Maidan, wo Timoschenko bereits als Anführerin der demokratischen Orangenen Revolution 2004 die Massen in den Bann zog, gibt es Pfiffe. „Alle Politiker sind Verbrecher“, sagen einige radikale Regierungsgegner. „Aber wir haben keine Wahl.“ Doch wer pfeift, gilt als Provokateur der gestürzten Führung und wird aus der Menge gezerrt.

Symbolisch für den neuen Wind in der Ukraine, der auch Timoschenko noch verstärkt treffen könnte, ist eine Szene nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt aus ihrem Haftort Charkow. Barrikadenkämpfer stoppen die vorbeirasende Kolonne. „Denkt daran, wer die Revolution umgesetzt hat – vergesst das nicht“, warnen die erschöpften Männer.

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