Lieber arbeiten als RTL gucken

shz.de von
14. November 2013, 00:33 Uhr

Der Mann aus Sachsen ist mutig, vielleicht sagt er sich, er habe ohnehin nichts zu verlieren. Jedenfalls gab er „Bild“ seinen vollen Namen und sein Foto. Kräftig sieht er aus, mit 47 Jahren ist er im besten Mannesalter, Maurer ist er von Beruf. Einer durchaus gesuchten Tätigkeit. Warum er schon seit Jahren arbeitslos ist, hat er nicht verraten. Jetzt hat er ein weiteres Problem, jedenfalls aus seiner Sicht. Deshalb hat er das für seine Hartz-IV-Leistungen zuständige Jobcenter verklagt. Weil es ihm die Gebühren für den Kabelanschluss nicht länger zahlen will. Die neun Euro brauche er unbedingt, sonst könne er nicht RTL sehen. Und das treffe ihn hart, denn wie er verrät, schaltet er sein Fernsehgerät schon morgens um 6 Uhr an und verfolgt das Programm bis zum Abend.

Die Richter sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Müssen sie doch darüber entscheiden, ob ein Mensch zum Leben nicht nur Essen, Trinken, Wohnung, Heizung, sondern auch RTL benötigt, oder ob ihm zuzumuten ist, mit den öffentlich-rechtlichen Sendern über den Tag zu kommen. Der gesunde Menschenverstand sagt, ARD und ZDF reichen, aber vor Gericht und auf hoher See ist der Mensch bekanntlich allein in Gottes Hand. Man könnte sogar behaupten, der Empfang von RTL sei kein Privileg, sondern eine Strafe, und wer dazu verurteilt würde, das dort verbreitete Programm ansehen zu müssen, der gehe lieber zur Arbeit. Bei dem Mann hat sich dieser pädagogische Effekt bisher leider nicht eingestellt. Aber vielleicht greift er ja wieder zur Maurerkelle, wenn ihm die Richter das Kabel kappen.

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