Medienbericht : Letzter Ausweg: US-Militär bereitet sich auf Krieg mit Nordkorea vor

Gemeinsames Manöver: Ein Apache Hubschrauber hebt am ersten Tag des gemeinsamen «Ulchi Freedom Guardian»Manövers von USMilitär und südkoreanischen Streitkräften im USCamp Humphreys in Pyeongtaek (Südkorea) ab. YNA
Foto:
Ein Apache-Hubschrauber des US-Militärs.

Die USA üben den Ernstfall: Sollte der Konflikt mit Nordkorea eskalieren, will das US-Militär einsatzbereit sein.

shz.de von
15. Januar 2018, 15:17 Uhr

Das US-Militär bereitet sich laut einem Bericht der „New York Times“ auf einen Krieg mit dem diktatorisch geführten Nordkorea vor. Ein Szenario von dem niemand hofft, dass es Realität wird. Demnach hätten im vergangenen Monat im Fort Bragg in North Carolina 48 Apache-Kampfhubschrauber und Chinook-Transporthelikopter bei einer Übung trainiert, Truppen und Ausrüstung unter Artilleriefeuer zu festgelegten Zielpunkten zu fliegen. Zwei Tage später seien im Schutze der Dunkelheit über Nevada 119 Soldaten der US-Luftwaffe mit Fallschirmen aus C-17 Transportmaschinen gesprungen. Sie übten eine Invasion. Dabei waren doppelt so viele Flugzeuge im Einsatz wie üblicherweise bei Übungen.

Im Februar sollen überall in den USA rund 1000 Reservisten an verschiedenen Armee-Standorten trainieren, wie sogenannte Mobilisationszentren errichtet werden. Von solchen Einrichtungen aus sollen im Ernstfall Streitkräfte binnen kürzester Zeit nach Übersee geschickt werden. Mit Beginn der Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang will das Pentagon überdies zusätzliche Spezialeinsatzkräfte auf die koreanische Halbinsel entsenden. Dies könnte, so sagen es einige Offizielle, der Beginn einer in Südkorea stationierten Task Force sein, wie es sie auch schon im Irak und Syrien gibt. Andere Stimmen dementieren dies und teilen mit, der Plan sei lediglich, vor Ort mögliche Terrorakte zu verhindern. Spitze sich die Lage zu, könnten noch mehr Spezialkräfte aus dem Mittleren Osten auf die koreanische Halbinsel beordert werden, hieß es.

Zwar sind Übungen wie diese und Truppenverschiebungen Teil der Standard-Prozedur des US-Militärs, Zeitpunkt und Umfang suggerieren laut Bericht aber, das es im Verteidigungsministerium einen neuen Fokus darauf gibt, die Streitkräfte auf alle Eventualitäten vorzubereiten. US-Präsident Donald Trump und die international isolierte Führung in Pjöngjang unter Staatschef Kim Jong Un lieferten sich 2017 einen rhetorischen Schlagabtausch, der international die schlimmsten Befürchtungen auslöste. Trump hat mehrfach mit Gewalt gedroht, sollte Nordkorea die Drohungen gegenüber den USA fortsetzen. Die Führung in Pjöngjang gab an, sie lasse Atomwaffen nur zur Verteidigung entwickeln.

Im September hatte Trump in seiner Rede vor der UN deutlich gemacht, er wolle Nordkorea vollständig zerstören, sollte Kim Jong Un die USA bedrohen. Daraufhin nannte er den Diktator „Raketenmann“. Kim Jong Un reagierte und nannte den US-Präsidenten einen dementen Greis. Zuletzt beharrte Trump darauf, den größeren „Atomknopf“ als sein Gegenüber in Pjöngjang zu haben.

Immer wieder betonen Verteidigungsminister James Mattis und der General Joseph F. Dunford Jr., dass Diplomatie die einzige Lösung für die Atom-Ambitionen des Regimes ist. Ein Krieg mit Nordkorea wäre „eine Katastrophe“, sagte Mattis im August. Dennoch sind die derzeitigen Vorbereitungen auf direkte Order des Verteidigungsministeriums zurückzuführen.

Raketen-Fehlalarm auf Hawaii macht Brisanz des Konflikts deutlich

Befeuert werden die Ängste vor einem neuen Koreakrieg durch einen falschen Raketenalarm am Samstag. Die Bürger des US-Bundesstaats Hawaii im Pazifik wurden von der Katastrophenschutzbehörde EMA per SMS-Nachricht vor einer Rakete gewarnt, die im Anflug auf Hawaii sei. „Dies ist keine Übung“, hieß es in der Nachricht, die am Samstagmorgen auch als Laufband im aktuellen TV-Programm eingeblendet wurde. Die Bevölkerung solle unverzüglich Schutz suchen.

Hawaii liegt nach Einschätzung von Experten in Reichweite von Raketen aus Nordkorea. Ende November feuerte das Regime eine Interkontinentalrakete zu Testzwecken ab. Die Führung erklärte kurze Zeit später, das Land könne jetzt das gesamte US-Festland mit Atomsprengköpfen angreifen. Nach Schätzungen des US-Physikers David Wright könnte eine nordkoreanische Rakete etwa 37 Minuten nach Abschuss in Hawaii einschlagen. In dem Bundesstaat leben nach offiziellen Angaben gut 1,5 Millionen Menschen. Zudem halten sich jederzeit Zehntausende Touristen auf den Inseln aus – allein im Januar 2017 reisten nach Angaben der örtlichen Tourismusbehörde insgesamt mehr als 750.000 Menschen nach Hawaii.

13 Minuten lang war die Warnung aktiv, bis die Behörde ihre eigene Nachricht über Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook korrigierte. Weitere 25 Minuten später dann auch noch einmal via SMS. „Keine Raketenbedrohung für Hawaii“, hieß es in der kargen Botschaft. Ein EMA-Sprecher sagte, jemand habe fälschlicherweise die Informationskette ausgelöst, die zu der Handy-Warnung geführt habe. Man habe „den falschen Knopf gedrückt“, hieß es weiter.

Die Behörden kamen unter Zugzwang, weil offenbar viele Menschen unnötig in große Angst versetzt wurden. Die Bundes-Katastrophenschutzbehörde FEMA leitete eine Untersuchung ein. Der deutsche Honorarkonsul in Hawaii, Dennis Salle, machte jedoch eine Lehre aus dem Fehler deutlich: „Im Ernstfall wäre der größte Teil der Bevölkerung völlig ungeschützt gewesen.“

Die Kongressabgeordnete Tulsi Gabbard aus Hawaii sagte, viele Menschen hätten Todesangst gehabt. „Die Leute bekamen die Nachricht und dachten: 15 Minuten. Wir haben 15 Minuten, dann können wir und unsere Familien tot sein.“ Diesen Zeitraum zwischen Alarmierung und Einschlag hatten die Behörden in Hawaii unter anderem in einem Informationsschreiben im Oktober 2017 vorgerechnet.

Vorbereitung für den Ernstfall

Die USA wollen offenbar vorbereitet sein. Wie General Mark A. Milley zuletzt in mehreren Treffen mit dem Pentagon deutlich machte, müssen die Vereinigten Staaten für ein mögliches Kriegsszenario trainieren. Zwei historische Niederlagen der US Armee seien mangelnder Vorbereitung zu verdanken, wird er zitiert. Dabei handele es sich um eine Schlacht im Zweiten Weltkrieg, bei der Feldmarschall Erwin Rommel unvorbereitete US-Truppen am Kasserine Pass in Tunesien vernichteten.

Im anderen Fall sei im Koreakrieg in den 1950er Jahren eine US-Einheit von nordkoreanischen Streitkräften „zerfleischt“ worden, da sie schlecht ausgerüstet gewesen war. Daher solle die US-Armee sich gut auf einen möglichen militärischen Konflikt mit einem Land vorbereiten, sagte Milley, welches über Streitkräfte zu Land, Wasser und in der Luft verfüge und zudem auch Cyberwaffen einsetzen könnte. Im Oktober sagte Millley, Pjöngjang sei die größte Bedrohung für die nationale Sicherheit.

Immerhin: Anzeichen für ein militärisches Vorgehen in Nordkorea gibt es bislang nicht, sagt Derek Chollet, Vize-Verteidigungsminister unter der Obama-Regierung. Große Truppenbewegungen sind bislang ausgeblieben – ein Indikator für ein baldigen Krieg. Außerdem gebe es keine Reisewarnung für US-Bürger, Südkorea oder Japan zu meiden. Ein einmaliger Luftschlag sei unwahrscheinlich. Zu groß ist die Gefahr für die Bündnispartner und die USA.

Das Pentagon hält sich zurecht bedeckt, soll das Regime in Nordkorea nicht unnötig provoziert werden. Für Entspannung sorgt derweil die Wiederaufnahme von Gesprächen zwischen Nord- und Südkorea. Ein Zeichen der Entspannung in turbulenten Zeiten.

(mit dpa)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen