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Senioren an Schulen : Lehrermangel in SH: Die alte Garde rückt an

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Um den Unterrichtsausfall an Schulen zu vermeiden, werden in den Klassenzimmern von SH immer mehr Senioren eingesetzt. Ein Modell mit Zukunft?

Plön | Unterrichtet hat Vera Tietz schon immer gern. Sie gehört zu der Sorte Lehrern, die eine Klasse im Griff hat und trotzdem über ein Furzkissen auf dem Stuhl lachen kann. Fast 40 Jahre unterrichtet sie an einem Plöner Gymnasium. Mathe und Physik sind ihre Fächer. Als sie mit 64 Jahren vorzeitig pensioniert wird, kommen ihr Zweifel. „Ich hatte das Gefühl, das könnte vielleicht nicht die richtige Entscheidung gewesen sein“, sagt sie rückblickend.

Doch die Zweifel sind schnell verflogen. Das Ausschlafen morgens tut ihr gut, sie fühlt sich erholter und fitter. Eine Autoimmunerkrankung hatte ihr in den letzten Jahren ein wenig zu schaffen gemacht. Sie genießt den Ruhestand. Kurz darauf kommt ein Anruf von ihrer alten Schule, eine Kollegin ist krank und fällt für sechs Wochen aus. Mindestens. Ob sie einspringen könne? Vera Tietz überlegt einen Moment – und sagt zu. Acht Stunden pro Woche unterrichtet sie wieder Bruchrechnung, Geometrie und Dreisatz in der 7. Klasse an ihrer alten Schule in Plön.

Damit ist Vera Tietz keine Ausnahme. 150 solcher Seniorlehrkräfte werden mittlerweile an Schleswig-Holsteins Schulen eingesetzt, in erster Linie als Vertretungskräfte, um Unterrichtsausfall zu verhindern. Im letzten Jahr waren es noch 60 Senioren – damit hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Knapp ein Drittel davon arbeitet an Berufsschulen, viele in Fächern wie Metalltechnik, Mathe oder Wirtschaft. Gleich dahinter kommen die Gymnasien mit 39 pensionierten Lehrern. Hier werden sie besonders häufig in Mathe und Deutsch eingesetzt – den Fächern, in denen der größte Lehrermangel herrscht.

Die Zahlen gehen aus einer Kleinen Anfrage hervor, die der Landtagsabgeordnete Oliver Kumbartzky (FDP) im April dieses Jahres an die Landesregierung gestellt hatte. Zusammen mit der CDU hatte die FDP 2012 dafür gesorgt, dass die Hinzuverdienstgrenze für pensionierte Lehrer flexibler wurde – und sich der verlängerte Einsatz im Klassenzimmer für die Senioren auch finanziell lohnte. „Unser Ziel war es, einerseits den Unterrichtsausfall besser bekämpfen zu können, andererseits den Lehrern die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden, wie lange sie arbeiten möchten“, erklärt Kumbartzky. Seitdem dürfen Lehrer im Ruhestand mindestens 4800 Euro im Jahr dazu verdienen, ohne dass der Betrag auf die Pension angerechnet wird, sagte ein Sprecher des Bildungsministeriums im vergangenen Jahr. In Einzelfällen sollen es sogar mehr sein. „Finanziell kann sich das schon lohnen“, sagt Vera Tietz, der Job sei „gut bezahlt.“

Sie selbst hätte in Plön deutlich mehr als die acht Stunden Mathe unterrichten können, vor allem in Physik herrschte an der Schule ein dramatischer Notstand. Aber sie lehnte die zusätzlichen Stunden ab. „Ich wollte erst einmal gucken, wie es läuft“, sagt sie. Als die sechs Wochen um waren, sollte sie für eine Kollegin in Mutterschutz einspringen, diesmal für länger. Der Unterricht lief gut, aber sie entschied sich dagegen. „Der ganze Stress und dann der viele Lärm – das konnte ich nicht mehr.“ Gemeint ist nicht der Lärm im Klassenraum, sondern der im Lehrerzimmer. „Die Schüler sind ruhig, aber was im Lehrerzimmer los ist, das glaubt man nicht.“ Am meisten habe ihr aber die Anpassung an die neuen Lehrpläne zu schaffen gemacht. „Dieser permanente Druck von oben, dass immer alles neu gemacht werden muss, das habe ich nicht mehr ausgehalten. Es mag vielleicht konservativ klingen, aber ich glaube immer noch an den Frontalunterricht.“

Wer sich um eine Stelle als Seniorlehrkraft bewerben will, kann sich in eine Datenbank aufnehmen lassen. Den entsprechenden Zettel dazu bekommt jeder Pensionär bei der Verabschiedung. Eine Altersgrenze gibt es nicht. Wozu auch? Unterrichten sei keine Sache des Alters, findet die 64-Jährige. „Es ist das Konzept, das falsch ist.“ Die Vereinheitlichung des Unterrichts, zum Beispiel durch die Abschaffung von Leistungskursen, führe dazu, dass stärkere Schüler unterfordert und schwächere Schüler untendurch fielen.

Darin sieht Tietze auch eine Ursache für den Lehrermangel in einzelnen Fachbereichen, zum Beispiel in den Naturwissenschaften. „Vorher war es so, dass in den Leistungskursen nur die wirklich guten Schüler saßen. Dementsprechend hoch war auch das Niveau. Heute gehen die starken Schüler in der Masse unter.“ Dieser Leistungsabfall mache sich dann später im Studium bemerkbar. „Die Studenten brechen entweder nach kurzer Zeit wieder ab, weil sie den Stoff nicht schaffen, oder sie fangen gar nicht erst an, Mathe oder Physik zu studieren.“

Für den Moment sei die Idee der Seniorlehrkräfte in ihren Augen richtig, besonders, um die vielen Fehlstunden auszugleichen. „Das ist eine gute Sache. Aber das eigentliche Problem löst es nicht.“ Das sieht auch Kumbartzky so. „Das ist sicher nicht das Allheilmittel für bessere Unterrichtsversorgung. Wir müssen auch dafür sorgen, dass wir den Beruf attraktiver machen.“ Wie genau das passieren soll, dazu gibt es bislang jedoch wenig konkrete Ideen. Für Vera Tietz war die kurze Zeit als Seniorlehrkraft in zweierlei Hinsicht ein Erfolg: „Zum einen war es für mich ein sanfter Einstieg in den Ruhestand, und zum anderen haben mir die sechs Wochen gezeigt, dass es richtig war, aufzuhören.“

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erstellt am 12.Sep.2015 | 19:33 Uhr

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