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Buch "Das ist unser Haus" : Legal - illegal - scheißegal: Geschichte der Hausbesetzung

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Aktuell wie eh und je. Es geht um den Kampf gegen den Kapitalismus, Gentrifizierung und horrende Mieten.

Berlin | „Und ich schrei es laut: Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus." , heißt es in dem Lied „Rauch Haus Song“ der legendären Band „Ton, Steine, Scherben“.

Diesem Text entstammt auch der Titel des Dokumentationsbandes  „Das ist unser Haus“ (Aufbau Verlag, Berlin 2017). Die Publizistin Barbara Sichtermann und ihr Bruder Kai Sichtermann, der auch Gründungsmitglied der Band „Ton, Steine, Scherben“ war, dokumentieren in ihrem Buch die Geschichte der Hausbesetzerbewegung, die vorallem in den 80er-Jahren in vielen deutschen Städten präsent war.

Es ist eine umfassende und mit verschiedenen Zeitzeugenberichten auch gut lesbare Geschichte der Hausbesetzungen. Sie gab es, wie der Band zeigt, in etwas anderer Form auch in der DDR, wo man das „Schwarzwohnen“ nannte und es zunächst nur einzelne Wohnungen in meist miserablen Zuständen betraf.

Nach Ansicht der Autoren haben die Hausbesetzungen dazu beigetragen, dass bei Stadtplanern und -parlamenten in punkto „Kahlschlagsanierung“ und Innenstadtgestaltung teilweise umgedacht und umgesteuert wurde, auch wenn die Themen Mieterverdrängung und Immobilienspekulation heute unter dem neuen Stichwort Gentrifizierung in den Ballungszentren wieder hochaktuell sind und inzwischen auch die Mittelschicht erreicht haben.

Auch wenn die Autoren manchmal zur Romantisierung der Hausbesetzerbewegung neigen, etwa wenn sie ihr den vermeintlichen „Charakter einer Massenbewegung“ zuschreiben oder von einem „bunten Haufen aufmüpfiger Gallier“ sprechen, so verschweigen sie andererseits auch nicht die Gewaltspirale, in die Teile der Hausbesetzer in der Auseinandersetzung mit der Staatsmacht gerieten, die allerdings ihrerseits auch nicht immer gerade „zimperlich“ oder angemessen vorging. Musiker Kai Sichtermann räumt ein, dass er und seine Bandkollegen zeitweise sogar ernsthaft darüber diskutierten, „ob wir unsere Gitarren gegen 'ne Knarre eintauschen“.

1981 gab es der Dokumentation zufolge in 153 Städten 595 Hausbesetzungen nicht nur in Zentren wie Berlin-Kreuzberg, im Frankfurter Westend, Köln oder Hamburg, sondern auch in vielen kleineren Städten wie Freiburg, Tübingen und Göttingen, die hier ebenfalls dokumentiert werden. Dabei gab es auch prominente Paten wie Günter Grass oder Christo und Jeanne-Claude und Joseph Beuys („Jeder ist ein Künstler“) diskutierte mit Hausbesetzern im unausgebauten Dachgeschoss.

Nicht nur verfallende Mietshäuser wurden besetzt, auch Zweckbauten wie ehemalige Krankenhäuser wie das Bethanien in Berlin-Kreuzberg, Fabriken, Kasernen, alte Feuerwachen und Warenhäuser wie die „Tacheles“-Ruine in der Oranienburger Straße Ecke Friedrichstraße in Berlin, alles meist Gebäude aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die so vor der Abrissbirne bewahrt wurden. Es sei kein Zufall, meinen die Autoren, dass die Denkmalschutzgesetze in den Städten zeitgleich mit dem Aufkommen der Besetzerszene reformiert worden seien. In diesem Sinne seien „die Rebellen wertkonservativ“ gewesen.

Heute ärgern sich nämlich viele Städte über den damaligen Kahlschlag in ihren Regionen. Zitiert wird unter anderem auch der Stadtsoziologe und ehemalige Berliner Staatssekretär Andrej Holm mit seinem Buch „Wir bleiben alle“, der auf den um sich greifenden Trend in vielen Ballungsräumen verweist, wonach Immobilieninvestoren Häuser aufkauften unbekümmert um Baugeschichte und stadtsoziologische Interessen.

In Berlin-Kreuzberg sind ganze Straßenzüge mit historischen Fassaden vor dem Abriss bewahrt worden, die ohne die Hausbesetzungen vermutlich allesamt der Spitzhacke zum Opfer gefallen wären - ursprüngliche Berliner Stadtplanungen sahen in diesen Gebieten sogar eine Trasse der Stadtautobahn vor. Heute werden die erhaltenen historischen Gebäude bei Stadtführungen stolz den Touristen gezeigt.

Das ehemalige Ufa-Filmkopierwerk in Berlin-Tempelhof, das Ende der 70er Jahre besetzt wurde, ist heute ein anerkanntes internationales Kulturzentrum mit legalisierter Selbstverwaltung.

Ein aufschlussreiches Extrakapitel ist dem „Schwarzwohnen“ in der DDR gewidmet. Dort ging es meist nur um einzelne Wohnungen, ganze Häuser wurden dort erst im Zuge der Wende besetzt, zuerst im besonders heruntergekommenen Prenzlauer Berg mit der Schönhauser Allee und Umgebung und später auch in der Mainzer Straße in Friedrichshain. Die Rigaer Straße machte sogar noch bis in diese Tage von sich reden.

Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 führten die ungeklärten Eigentumsverhältnisse auf dem Wohnungsmarkt zu einem Vakuum und Durcheinander, wie es in der Dokumentation heißt, was von der subkulturellen Szene schnell genutzt wurde und eine neue Besetzungswelle auslöste.

Eine Geschichte, die sich bis heute durch die Realität deutscher Städte zieht. Städte in denen ganze Bevölkerungsgruppen gegen die Verdrängung durch horrende Mietpreise und großen Investoren kämpfen müssen.

 

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erstellt am 13.Jun.2017 | 13:49 Uhr

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