Lebendiges Erbe

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26. Oktober 2013, 00:35 Uhr

Die Unesco hat sich das lobenswerte Ziel gesetzt, das „Erbe der Menschheit“ zu erhalten. Da ein Erbe stets voraussetzt, dass der Erblasser nicht mehr unter den Lebenden weilt, muss man sich Einrichtungen, die als Weltkulturerbe eingestuft werden, als Hinterlassenschaft der Menschheit vorstellen. Etwa den Kölner Dom oder die Berliner Museumsinsel. Diese Objekte stehen irgendwann sinnlos in menschenleerer Landschaft, und ihr Zerfall ist nur eine Frage der Zeit.

Nun soll es bald auch Erbschaften in noch lebendigem Umfeld geben, ja, das Vorhandensein von Menschen ist geradezu notwendig. Das klingt zunächst zwar widersinnig, doch die Unesco will es so. Wer oder was den begehrten Titel erhält, ist noch völlig ungewiss. „Überliefertes Wissen und Alltagskultur“ sollen gewürdigt werden. Das ist eine weit gefasste Definition. Wie weit, zeigt sich an den ersten Bewerbungen. Mehrere Vereine aus den närrischen Hochburgen wollen den deutschen Karneval als Weltkulturerbe eintragen lassen. Das bringt viele Vorteile. Im Fall eines Konfliktes beispielsweise dürften weder Prunksitzungen noch Rosenmontagsumzüge in kriegerische Handlungen einbezogen werden. Helau und Alaaf können dann unbeeinträchtigt die Pausen zwischen den Einschlägen füllen. Sollten die Karnevalisten erfolgreich sein, werden gewiss andere Einrichtungen der Alltagskultur die Verleihung des imagefördernden Titels anstreben. Vielleicht für das Oktoberfest oder die Mannschaft von Bayern München. Damit das Übergewicht des Südens nicht zu groß wird, bietet sich als Gegengewicht die Kieler Woche an.

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