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Interview mit Abeer Pamuk : Krieg in Syrien: „Es fühlt sich an, als ob du kein Mensch mehr bist“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Syrerin Abeer Pamuk arbeitet in ihrer Heimat für die SOS-Kinderdörfer. Ein Gespräch über einen traurigen Jahrestag.

shz.de von
erstellt am 16.Mär.2016 | 15:28 Uhr

Abeer Pamuk hatte schon früh den Gedanken, als humanitäre Helferin zu arbeiten. In Krisenregionen, fern ihrer Heimat Aleppo. Dann änderten sich ihre Pläne. Sie wollte bei einer großen Bank oder Firma tätig sein, Menschen aus aller Welt kennenlernen. Doch dann wurde ihre Heimat selbst zur Krisenregion. Am Dienstag war der fünfte Jahrestag des Bürgerkriegs in Syrien.

Abeer Pamuk: „Der Krieg in Syrien begann kurz nachdem ich mit meinem Studium der 'Englischen Literatur' an der Universität von Aleppo angefangen hatte. In der Stadt bin ich aufgewachsen und geboren. Die Al-Nusra-Front übernahm die Kontrolle über die Straße hinter unserem Haus. Da bin ich für sechs Monate in den Libanon zu meiner Tante geflüchtet. Während ich dort war, kam es in Aleppo während der Prüfungsphase zu zwei schweren Explosionen in der Universität. Ich habe an diesem Tag viele meiner Freunde verloren. Mein Bruder, der auch an der Universität studierte, kam genau wie meine Mutter knapp mit dem Leben davon. Da wurde mir bewusst: Okay, das ist nicht nur eine Krise, die da in Syrien passiert, es ist ein Desaster. Ich will zurück und helfen, dass es besser wird.“

Seither arbeitet Abeer Pamuk doch als humanitäre Helferin. Sie gehört dem Nothilfe-Team der SOS-Kinderdörfer an und leistet direkte Hilfe für die Menschen in Aleppo, Homs, Damaskus, Madaya. Im ersten Jahr von Aleppo aus, dann aus Damaskus. Vor zwei Wochen ist Abeer Pamuk in das Regionalbüro für Nord-Afrika und den Mittleren Osten in der marokkanischen Stadt Casablanca gewechselt. Dort erreicht shz.de sie per Telefon, um mit ihr über fünf Jahre Krieg in Syrien zu sprechen. Sie wird weiter häufig in ihrer Heimat sein. Zuletzt war sie vor zwei Wochen dort, um ihr Studium zu beenden und ihre Mutter und ihren Bruder zu besuchen.

Frau Pamuk, wie hat der Krieg die Menschen in Syrien verändert?

Die Menschen sind verzweifelt. Sie sind erschöpft nach dem, was fünf Jahre um sie herum passiert ist. Als ich mit Kindern über den Krieg sprach, fragte mich ein Achtjähriger: „Was bedeutet Frieden? Heißt das, dass ich ein eigenes Zimmer habe, in dem ich spielen kann?“ Er konnte sich nicht mehr daran erinnern.

Und wie hat der Krieg Sie persönlich verändert?

Die meisten humanitären Helfer kommen von auswärts. Für mich ist es etwas anderes, wenn ich in Aleppo bin. Ich bin hier aufgewachsen. Es dauerte nicht lange, bis ich Namen von meinen alten Freunden gefunden habe, die gestorben sind. Ich versuche mein Bestes, den Menschen zu helfen. Es ist schwer. Das berührt mich persönlich. Die schrecklichen Sachen geschehen um mich herum.

Ist es möglich, sich an die Gewalt zu gewöhnen?

Das Schlimmste, das dir passieren kann, ist, sich an den Krieg zu gewöhnen. Nach fünf Jahren gewöhnt man sich an die Geräusche, daran, dass dein Haus häufig wackelt und viele andere Sachen. Es fühlt sich an, als ob du kein Mensch mehr bist.

Obwohl sie über dramatische Erfahrungen berichtet, spricht Abeer Pamuk fast durchgängig mit fester Stimme. Doch als sie fortfährt, wird ihre Stimme brüchig.

Abeer Pamuk: Einmal fiel eine kleine Rakete auf das Haus neben unserem Büro in Damaskus. Die Kollegen schrien mich an: „Komm’ vom Fenster weg.“ Es war laut, das Fenster brach, aber ich habe mich nicht einen Zentimeter gerührt. Nicht einen Zentimeter. Was mich am meisten aufregt, ist, dass meine Reaktion nicht mehr die eines normalen Menschen war.

Heute ist der fünfte Jahrestag des Bürgerkriegs in Syrien. Hat dieser Tag eine Bedeutung für Sie?

Ich kann Ihnen eines sagen: Kein Syrer will an diesen Tag erinnert werden. Wir wollen kein sechstes Jahr Krieg, wir wollen ein normales Jahr. Die Hoffnung der Menschen ist durch das Genfer Friedensabkommen stark gestiegen. Wir hoffen, dass das der erste Schritt für eine Lösung in Syrien ist. Die Menschen sind müde. Fünf Jahre sind mehr als genug – und das vergangene Jahr war das schlimmste in der Syrien-Krise.

Nach Angaben mehrerer Hilfsorganisationen sind im vergangenen Jahr mindestens 50.000 Menschen in Syrien getötet und fast eine Million in die Flucht getrieben worden. Mehr als 10 Millionen Syrer brauchen humanitäre Hilfe. Insgesamt gab es in den vergangenen fünf Jahren etwa 250.000 Todesopfer. Abeer Pamuk kennt die Zahlen natürlich – und dennoch glaubt sie an das Gute, an Frieden.

Ihre Stimme ist wieder fest, fast fröhlich, als sie von Erfahrungen ihrer Freunde in den vergangenen Wochen berichtet.

Abeer Pamuk: Natürlich habe ich die Hoffnung auf Frieden. Wir alle hoffen, dass wir wieder durch die Straßen gehen können. Durch Straßen unserer eigenen Stadt, die wir zum Teil seit fünf Jahren nicht mehr gesehen haben. Seit dem ersten Tag des Friedensabkommens haben mehrere Freunde von mir in verschiedenen Städten Videos im Internet gepostet, wie die Vögel auf deren Balkonen saßen und gesungen haben. Was für ein Geräusch.

Im vergangenen Jahr sind viele syrische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Am Anfang war die Hilfsbereitschaft sehr groß. Noch immer unterstützen viele Menschen die Flüchtlinge, doch die kritischen Stimmen und auch gewalttätige Aktionen gegen Flüchtlinge mehren sich. Nehmen Sie das in Syrien wahr?

Die Menschen in Syrien schätzen die Art, wie Europa viele von ihnen aufgenommen hat. Was ich Ihnen aber auch sagen kann, ist, dass nach den Genfer Friedensverhandlungen viele Freunde und Bekannte von mir, die nach Deutschland oder in andere europäische Länder geflohen sind, mich fragen, ob die Lage in Aleppo wirklich wieder so ruhig ist, dass sie zurückkommen können. Ich bin 100 Prozent sicher: Wenn es weitere Fortschritte in den Friedensverhandlungen gibt, werden viele Menschen nach Syrien zurückkehren. Bevor diese Menschen sich in so große Gefahr begeben haben, um zu flüchten und das Mittelmeer zu überqueren, haben sie schlimme Dinge erlebt. Die Zustände in Aleppo sind unmöglich geworden, um dort zu leben.

Ihre Stimme verändert sich wieder. Sie kämpft. Betont nun jede Silbe.

Abeer Pamuk: Nicht jeder kann das Leben in Aleppo ertragen. Aber meine Mutter und mein Bruder leben dort. Es gibt keine Sekunde, die ich nicht an sie denke.

Die Friedensgespräche in Syrien

Bei den Syrien-Friedensgesprächen gibt es nach Angaben des UN-Sonderbeauftragten Staffan de Mistura noch erhebliche Differenzen zwischen den Konfliktparteien. Deshalb werde er sich in den kommenden Tagen weiterhin nur separat mit den Vertretern der Regierung und der Opposition treffen, sagte De Mistura gestern in Genf. Dort nahm er kurz vor dem fünften Jahrestag des Syrien-Konflikts die Anfang Februar ausgesetzten Friedensgespräche wieder auf und traf sich zunächst mit einer Delegation des Regimes.

Die Friedensgespräche sollen den Weg zu einer politischen Lösung für den blutigen Konflikt bahnen. De Mistura will mit den Kriegsparteien über eine Übergangsregierung, eine neue Verfassung sowie Wahlen innerhalb von 18 Monaten verhandeln. Die erste Gesprächsrunde war Anfang Februar ausgesetzt worden, nachdem die Gewalt im Land eskaliert war. Mittlerweile gilt seit mehr als zwei Wochen eine Waffenruhe, die trotz Verstößen weitgehend hält.

 
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