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Anschläge in Frankreich : „Krieg in Paris“ - Terrornacht im Szene-Viertel

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Schüsse und Sprengstoffgürtel: Wieder trifft der Terror Paris ins Mark, wieder schocken Bilder drastischer Gewalt. Ein neuer Tiefpunkt in einem schwarzen Jahr für Frankreich.

shz.de von
erstellt am 14.Nov.2015 | 17:01 Uhr

Paris | Glamourös ist das Viertel im Osten von Paris nicht. Aber angesagt, „branché“, wie es bei den Franzosen heißt: „angestöpselt“. Bei Nachtschwärmern ist es beliebt für seine Bars und Restaurants, ganz in der Nähe liegt der malerische Kanal Saint Martin. Diesmal galt der Terror keinem hochpolitischen Symbol wie beim Anschlag auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ im Januar. Es ist das normale Pariser Leben, das die Attentäter ins Visier genommen haben - und sie treffen Frankreich damit erneut ins Mark.

Der Schrecken erreicht dabei eine neue Dimension. Die Attentäter ziehen mit Sprengstoffgürteln los, an mindestens sechs Orten schlagen sie am späten Freitagabend zu - in Pariser Bars und Cafés und in der Nähe des Fußballstadions, wo gerade ein Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft läuft. 128 Menschen sterben. Präsident François Hollande spricht von „Barbarei“, für französische Zeitungen herrscht „Krieg in Paris“.

Am Tag danach bestimmt beinahe gespenstische Ruhe die sonst so quirlige Hauptstadt. Spürbar weniger Menschen sind auf den Straßen, die Polizei rät weiter dazu, Zuhause zu bleiben. Gedrückte Stimmung. Einige sind trotzdem gekommen zur Absperrung in der Nähe der beliebten Konzerthalle „Bataclan“, haben Blumen niedergelegt. Dort hatten die Angreifer am Freitagabend ein Massaker angerichtet.

Nach Berichten von Augenzeugen schießen Terroristen wild um sich, nehmen Geiseln. Dutzende Menschen sterben während eines Konzerts der US-Band „Eagles of Death Metal“. Die Zeitung „Le Monde“ veröffentlicht ein Video, auf dem zu sehen ist, wie Menschen aus einem Notausgang flüchten, während Schüsse fallen. Mehrere Opfer liegen regungslos am Boden, andere hangeln sich aus Fenstern. Mehrere Angreifer sprengen sich später selbst in die Luft.

„Mitten im Konzert sind Männer reingekommen, sie haben im Bereich des Eingangs zu schießen begonnen“, sagt Konzertbesucher Louis dem Sender France Info. Sie hätten in die Menge geschossen und dabei „Allahu akbar“ gerufen - „Allah ist groß“. Für Frankreichs Regierung ist schnell klar: Die Terrormiliz Islamischer Staat steckt hinter den Bluttaten.

Der Journalist Julien Pearce vom Radiosender Europe 1, der selbst im Saal war, berichtet: „Es waren zwei oder drei Leute, die nicht maskiert waren. Sie hatten Maschinengewehre wie Kalaschnikows dabei und haben sofort angefangen, wild um sich zu schießen.“ Er fügt an: „Das hat 10, 15 Minuten gedauert. Das war von extremer Gewalt. Es gab Panik. Alle sind Richtung Bühne gerannt. Die Attentäter hatten Zeit, mindestens drei Mal nachzuladen. Sie traten sehr beherrscht auf. Sie waren sehr jung.“

Gleichzeitig spielen die Fußballnationalmannschaften von Frankreich und Deutschland vor knapp 80.000 Menschen im Stade de France, nördlich von Paris. Da sind plötzlich aus der Umgebung mehrere Explosionen zu hören. Als es das zweite Mal knallt, schaut Frankreichs ballführender Verteidiger Patrice Evra verstört nach oben. Das Spiel läuft weiter, schnell verbreiten sich aber unter den Zuschauern Gerüchte. Doch eine Panik bricht nicht aus. Weitgehend geordnet verlassen die Zuschauer das Stadion, in dem am 10. Juni die EM eröffnet und am 10. Juli 2016 beendet wird.

Noch sind viele Fragen offen, doch klar ist: Dieser blutige Freitag der 13. ist für Frankreich der traurige Tiefpunkt eines Jahres, in dem immer wieder vereitelte oder erfolgreiche Anschlagspläne für Schlagzeilen sorgten. Tausende Soldaten sind zum Schutz gefährdeter Orte im Einsatz, das Parlament hat den Geheimdiensten neue Kompetenzen eingeräumt. Dass trotzdem acht Attentäter in einer derart konzertierten Aktion zuschlagen konnten, dürfte noch für Diskussionen sorgen - zumal in zwei Wochen mehr als 100 Staats- und Regierungschefs zur UN-Klimakonferenz in Paris erwartet werden.

Die Regierung verhängt den Ausnahmezustand, und genau so fühlt sich die Lage in Teilen der Hauptstadt in der Nacht zum Samstag auch an. Straßen sind weiträumig abgesperrt, Menschen müssen Regionalbahnen und Metros räumen, auch Taxis sind schwer mehr zu bekommen. „Alles ist blockiert“, klagt eine junge Frau. Mit Handys am Ohr versuchen viele, irgendwie nach Hause zu kommen. Rettungswagen sind unterwegs, die Krankenhäuser haben einen Notplan eingesetzt. Sirenen tönen, sonst herrscht teils fast schon beängstigende Stille. Über dem Gebiet des Stadions und der Stadt kreisen Hubschrauber. Fassungslos weinen Menschen, die Stimmung der Polizisten ist angespannt.

Hollande verspricht wieder einmal Härte. „Frankreich wird unerbittlich gegenüber den Barbaren von Daesh (IS) sein, weil es feige, schändlich, heftig angegriffen worden ist“, sagt er. Das Militär des Landes kämpft in der Sahelzone gegen Islamisten, im Irak und Syrien fliegt es Angriffe gegen den IS. Die neuerliche Terrorserie zeigt, wie verwundbar Frankreich daheim ist.

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