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Präsidentsschaftswahl 2016 : Krankenschwester und Lkw-Fahrer kandidieren: Warum die Wahl in Island spannend ist

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Die Panama-Enthüllungen stürzten Island in ein politisches Chaos. Nun steht die Wahl eines neuen Präsidenten an. Unter den Kandidaten sind Schriftsteller, eine Krankenschwester und ein Lastwagenfahrer.

Island ist eine Vulkaninsel im Nordatlantik und hat weniger Einwohner als viele deutsche Städte. Trotzdem lohnt sich ein Blick in den Norden, nicht nur wegen des plötzlichen Fußball-Erfolgs der Isländer. Am Samstag wird ein neuer Präsident gewählt. Schillernde Persönlichkeiten treten an und die Isländer trauen den Politikern nicht mehr. „Dass da oben kein Idiot das Sagen bekommt“, ist auch den eingefleischtesten Fußballfans unter den Isländern wichtig. Sie können auch in Frankreich ihren neuen Präsidenten wählen, es wird extra ein Wahlbüro im Ausland eingerichtet.

Es war zuletzt unruhig in Islands politischer Landschaft. Der Ministerpräsident Sigmundur David Gunnlaugsson war nach den Panama-Enthüllungen und massiven Protesten gegen ihn zurückgetreten. Die Opposition hatte das Misstrauensvotum gefordert, die Regierung hatte dieses aber überstanden. Nun ändert sich eine weitere Konstante: Es wird nach 20 Jahren einen neuen Präsidenten geben.
<p>Ólafur Ragnar Grímsson ist amtierender isländischer Präsident.</p>

Ólafur Ragnar Grímsson ist amtierender isländischer Präsident.

 

Der amtierende Präsident Islands, Ólafur Ragnar Grímsson, wollte Anfang des Jahres nicht mehr zur Wahl antreten, dann kündigt er nach den Panama-Enthüllungen wieder eine Kandidatur an, um Island Stabilität in unruhigen Zeiten zu geben. Dann zieht er seine Kandidatur doch wieder zurück, als der Name seiner Frau in den Panama Papers aufgetaucht ist. Außerdem wurden am Tag des endgültigen Rückzugs Umfrageergebnisse veröffentlicht, die ihm schlechte Chancen auf einen Wahlsieg prognostizierten.

Mit einem neuen Präsidenten wird in Island eine neue Ära beginnen. Die jungen Isländer können sich an gar kein anderes Staatsoberhaupt als Ólafur Ragnar erinnern, er ist seit 1996 Präsident und wurde zuletzt 2012 wiedergewählt. Aber viele Isländer halten politische Veränderungen für notwendig und sind stinksauer auf ihre Politiker. Nach der Erkenntnis, dass überdurchschnittlich viele reiche Isländer und isländische Politiker ihr Geld in Steueroasen parken, will die Bevölkerung kaum noch jemandem vertrauen. Dabei hatte sich die Lage nach der Finanzkrise 2008 gerade wieder beruhigt. Mit Bananen und Eiern hatten mehr als 10.000 Menschen das Parlament in Reykjavík im April beworfen und ihren Ministerpräsidenten zum Rückzug gezwungen.

 

Politik funktioniert in dem nordischen Inselstaat oft anders als in anderen Länder. Teilweise auch vorbildlich anders. Das erste gewählte weibliche Staatsoberhaupt war Vigdís Finnbogadóttir, die von 1980 an 16 Jahre lang isländische Präsidentin war. Der Präsident der 334.000 Isländer wird in geheimer und direkter Wahl gewählt. Er hat relativ viel Macht im Staat, er kann Parlamentsmitglieder ernennen und entlassen und hat ein beschränktes Vetorecht. Traditionell haben sich aber viele isländische Präsidenten auf repräsentative Aufgaben beschränkt. Ólafur Ragnar war der erste Präsident der aktiv Einfluss genommen hat. Das wird auch von seinem Nachfolger erwartet.

Spannend sind auch die neun Kandidaten, die zukünftig Islands Präsident sein wollen. Ihre Biografien und Berufe sind deutlich interessanter, als die ihrer deutschen Äquivalente, es kandidieren Schriftsteller, Dichter, eine Krankenschwester und ein Lastwagenfahrer. Auch deutsche Staatsoberhäupter haben vor ihrer Amtszeit „normale“ Berufe ausgeübt, Joachim Gauck war zum Beispiel Pastor. Er war jedoch auch Kirchenfunktionär und hat, wie die seine Vorgänger, eine lange politische Karriere. Viele deutsche Bundespräsidenten waren Politik- oder Rechtswissenschaftler oder hatten Karrieren in der Wirtschaft, künstlerische, handwerkliche oder „bürgerliche" Berufe sucht man aber vergeblich.

Das sind die Kandidaten für die isländische Präsidentschaftswahl:

Andri Snær Magnason ist erfolgreicher Schriftsteller und untersucht Schallaufnahmen isländischer Volkspoesie. Er setzt sich für Umweltschutz ein und kritisiert die Kriegs- und Militärindustrie.

Ástþór Magnússon ist Unternehmer und Friedensaktivist, er brachte das erste Kreditkarteninstitut nach Island.

Davíð Oddsson ist der einzige klassische Politiker in der Liste der Kandidaten, er ist ehemaliger Ministerpräsident Islands und Chef der isländischen Zentralbank. Er ist EU-kritisch und hat die Einsätze der USA in Afghanistan und im Irak unterstützt.

Elísabet Kristín Jökulsdóttir ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie ist bekannt für ihre Gedichte, schreibt aber auch Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke.

Guðni Th. Jóhannesson ist Historiker, er forscht und unterrichtet im Bereich der modernen Geschichte Islands und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Er ist Experte für die isländische Finanzkrise und die Geschichte der isländischen Präsidentschaft. Außerdem hat er mehrere von Stephen Kings Romanen ins Isländische übersetzt. Er hat gute Chancen auf die Präsidentschaft, er führt in den aktuellen Umfragen und ist konsensorientiert und auf Volksbeteiligung bedacht.

<p>Historiker und Schriftsteller Guðni Th. Johannesson könnte am 25. Juni zum nächsten isländischen Präsidenten gewählt werden.</p>

Historiker und Schriftsteller Guðni Th. Johannesson könnte am 25. Juni zum nächsten isländischen Präsidenten gewählt werden.

Foto: Axel Sigurdsson/dpa
 

Fast alle Isländer kennen Guðni aus dem Fernsehen, wo er nach den Panama-Enthüllungen die politische Lage kommentierte. Er vermittelt den Eindruck, zu wissen, wovon er spricht und trotzdem ein bodenständiger Durchschnittsisländer zu sein.

Guðrún Margrét Pálsdóttir ist Krankenpflegerin und Gründerin einer Hilfsorganisation, die sich um Kinder in Asien und Afrika kümmert.

Halla Tómasdóttir ist eine international erfolgreiche Unternehmerin und Investorin. Sie hat unter anderem für Mars und PepsiCo gearbeitet und war Generaldirektorin der isländischen Handelskammer. Sie setzt sich für „weibliche Werte“ in der Finanzwelt und für nachhaltige Produkte ein.

Hildur Þórðardóttir ist Ethnologin, „Heilerin“ und Verfasserin von Lebenshilfe-Literatur.

Sturla Jónsson ist Lastwagenfahrer und Vorsitzender der Partei „Sturla Jónsson“, deren politische Ausrichtung recht unklar zu sein scheint.

Da es in Deutschland noch an Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten mangelt, könnte man ja auch mal über etwas frischen Wind auf Schloss Bellevue nachdenken. Vielleicht würden eine Krankenschwester, eine Historikerin oder ein Schriftsteller ja auch der deutschen Politik gut tun.

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erstellt am 25.Jun.2016 | 11:28 Uhr

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