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Serie über Europas Minderheiten : Kosovo – unabhängig, aber ohne Perspektive

vom
Aus der Onlineredaktion

Jan Diedrichsen blickt im neuen Teil seiner Serie auf den Kosovo, der von vielen Staaten Europas weiterhin nicht als unabhängig anerkannt wird.

shz.de von
erstellt am 13.Sep.2015 | 11:08 Uhr

Jan Diedrichsen hat sich in einer 20-teiligen Serie für den „Nordschleswiger“ in kritischer Perspektive der Situation der Minderheiten in den Staaten Europas gewidmet. Minderheitenpolitik ist ein ur-schleswig-holsteinisches Thema. Daher freuen wir uns, die Texte aus der Zeitung der deutschen Minderheit in Dänemark auch auf shz.de veröffentlichen zu dürfen.


Derzeit überschlagen sich die serbischen Medien: Griechenland wird über kurz oder lang den Kosovo anerkennen. Dies sei eine Forderung von Angela Merkel und François Hollande. Erst wenn man den Kosovo anerkennt, wird die nächste Kreditzahlung überwiesen, so die serbische Presse. Dass dieser deutsch-französische Erpressungsversuch ins Reich der Verschwörungstheorien gehört, aber dennoch für enorme Aufregung sorgt, zeigt, wie sensibel der Status des Kosovo in der Balkan-Region weiterhin ist.

Griechenland gehört neben Russland, Spanien, Bosnien und Herzegowina, Slowakei, Rumänien, Zypern, Ukraine, Georgien, Aserbaidschan und Moldawien in Europa zu den Ländern, die die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennen. Dass sich just jene Länder gegen eine Anerkennung des jüngsten Balkanstaates stemmen, hat einen einfachen Grund: Sie alle haben selbst große Minderheiten und fürchten, dass diese nach Unabhängigkeit streben und sich dabei auf den Kosovo berufen könnten.

Die serbische Regierung betrachtet Kosovo formal als eine abtrünnige Provinz, räumt jedoch mittlerweile ein – auch mit Blick auf die angestrebte EU-Mitgliedschaft – dass eine „serbische Souveränität praktisch nicht vorhanden ist“ und die „wahren Grenzen“ Serbiens in der Zukunft noch zu bestimmen seien.

Doch der Reihe nach: Als der ehemalige Präsident Finnlands, Martti Ahtisaari, 2007 seinen Plan für die Zukunft des Kosovo vorstellte, kündigte sich ein Tabu-Bruch an. Erstmalig seit Ende des Zweiten  Weltkrieges sollte ein neuer Staat entstehen; gegen den Willen des Landes, von dem es bislang ein Teil gewesen war – Serbien. Martti Ahtisaari hatte über Monate versucht, zwischen den Kosovo-Albanern und den Serben zu vermitteln.

Anlass für den Paradigmenwechsel war der Kosovokrieg von 1999. Mit der Begründung, einen drohenden Genozid und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, bombardierte die Nato Ziele in Jugoslawien. Der Kosovo wurde von internationalen Truppen besetzt, und ein UN-Protektorat entstand.  2008 proklamierte das Parlament in Kosovo die Unabhängigkeit.

Der Kosovo hat rund 1,7 Millionen Einwohner, von denen 90 Prozent Albaner und 5 bis 6 Prozent Serben sind. In der geteilten Stadt Mitrovica sowie im Norden des Landes ist die Bevölkerungsverteilung eine andere. Hier gibt es vier fast ausschließlich von Serben bewohnte Gemeinden. Viele der Albaner sind aus dem Norden in den Süden geflüchtet. Die Regierung in Pristina hat hier nur eine sehr begrenzte Kontrolle. 1999 und 2004 kam es im Kosovo zu schweren Ausschreitungen, und auch viele Angehörige der serbischen Minderheit haben das Land verlassen. Neben den Serben leben auch Türken, Bosniaken, Kroaten (Janjevci), die slawischsprechenden muslimischen Torbeschen und Goranen, die Roma und die den Romagruppen zugerechneten Aschkali und Ägypter in dem multiethnischen Land.

Dieser ethnischen Vielfalt zollt der Ahtisaari-Plan durchaus Rechnung und sieht weitreichende Minderheitenrechte vor: Doch heute kann von einem friedlichen Zusammenleben zwischen Serben und Kosovo-Albanern keine Rede sein und auch die Diskriminierung der Roma-Minderheit ist im Kosovo Alltag.

Neben dem trennenden Hass der Volksgruppen gibt es auch ein verbindendes Element: die Hoffnungslosigkeit. Die Lebenswirklichkeit des überwiegenden Teils der Bevölkerung – ob Minderheit oder Mehrheit – ist katastrophal. Die meisten Jugendlichen, die eine Chance sehen, verlassen die Region, um im Westen eine Zukunft zu finden. Viele suchen in Dänemark und Deutschland Asyl.

Der Autor wurde in Sonderburg geboren und war bis 2014 Leiter des Sekretariats der Deutschen Volksgruppe in Kopenhagen und Direktor der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen. Er ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Minderheiten.

Lesen Sie alle bisherigen Teile der Serie. Sie finden die Artikel in den aufgeführten Links in der Sortierung neu nach alt.

Türken als nationale Minderheit? Die neuen Minoritäten in Europa

Transnistrien und Bergkarabach: Verdrängte Konflikte in Europa

Mit den Sprachen stirbt die Vielfalt in Europa

Ungarn am Pranger: „Da kommt der Diktator“

Die Finnlandschweden: Mehr als Mumintrolle

Dänemark – ein Minderheitenparadies?

Kurdenkonflikt im multiethnischen Staat: Gehört die Türkei zu Europa?

Südtirol zur Schweiz? Zwischen Autonomie und Separatismus

Russische Minderheiten im Baltikum: Europa oder Moskau?

Roma: Inseln der Dritten Welt mitten in Europa

Klaus Johannis: Ein Rumäniendeutscher als Präsident zwischen Minderheiten

Warum Pep Guardiola nie spanischer Nationaltrainer wird

Hintergrund und Definition: Was ist eigentlich eine Minderheit – wer gehört dazu?

Minderheitenrechte in Frankreich: Der „Bad Boy“ bewegt sich

Stellung der Minderheiten in Österreich: Zweisprachige Ortsschilder und die Kärntner Urangst

Die Wiege der Demokratie – Griechenland ganz undemokratisch

Einleitung: Europas Minderheiten in 500 Wörtern

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