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Bundesverfassungsgericht-Beschluss : Kopftuch im Klassenzimmer: Was Sie wissen müssen

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Was sagen eigentlich Schüler zur Entscheidung der Richter? Fragen und Antworten zum Thema.

Berlin | Ist es in Ordnung, wenn eine Lehrerin mit Kopftuch unterrichtet? Dazu kommt nun eine neue Ansage vom Bundesverfassungsgericht. Ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen in öffentlichen Schulen ist nicht mit der Verfassung vereinbar, entschieden die obersten deutschen Richter am Freitag.

Das Gericht korrigiert seine eigene Rechtsprechung aus dem Jahr 2003. Im Fall der Stuttgarter Lehrerin Fereshta Ludin hatte Karlsruhe damals entschieden, dass auch vorsorgliche Kopftuchverbote möglich sind - wenn es hierfür eine gesetzliche Grundlage gibt. Viele Bundesländer schufen daraufhin entsprechende Kopftuchverbote in ihren Schulgesetzen. Nur wenn die Frage zu erheblichem Zwist an einer Schule führt - also den Schulfrieden akut gefährdet - sollen Ausnahmen möglich sein.

Was folgt daraus? Wie viele Menschen betrifft das? Und was meinen eigentlich die Schüler selbst zu der großen Streitfrage?  Es ist eine überraschende Wende im jahrelangen Streit um das Kopftuch im Klassenzimmer. Fragen und Antworten:

Wie viele muslimische Frauen in Deutschland tragen Kopftuch?

In der Bundesrepublik leben etwa vier Millionen Muslime. Die meisten stammen aus der Türkei. Laut einer Studie im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz tragen nur etwa 30 Prozent der muslimischen Frauen Kopftuch - ein Teil davon auch nur manchmal. 70 Prozent der Musliminnen tragen nie ein Kopftuch. In der jüngeren Generation ist das Kopftuch etwas weniger verbreitet als in der älteren. Zahlen, wie viele muslimische Lehrerinnen - dort, wo es bislang erlaubt war - ihre Haare bedecken, gibt es nicht. Es dürfte sich nur um wenige Fälle handeln.

Haben Schüler etwas gegen Lehrerinnen mit Kopftuch?

Einer aktuellen Untersuchung zufolge hat zumindest die Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nichts dagegen. Unter den 16- bis 25-Jährigen sprechen sich gut 70 Prozent dafür aus, muslimischen Lehrerinnen das Recht zum Kopftuchtragen zu geben. Unter denjenigen dieser Altersklasse, die selbst noch zur Schule gehen, sind 75 Prozent dafür. Eine der Studienautorinnen, die Berliner Forscherin Naika Foroutan, räumt jedoch ein, die Zahl der verbleibenden Kopftuchgegner sei nicht gerade gering. „Die reichen, um den Schulfrieden zu stören“, sagt Foroutan.

Wo gelten Kopftuchverbote und was ändert sich nun?

Kopftuchverbote für Lehrerinnen gelten in acht der 16 Länder, nämlich in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Hessen sowie Bremen, Berlin und dem Saarland. Zum Teil werden auch andere Beamte zu religiöser und weltanschaulicher Neutralität verpflichtet - etwa Polizisten und Justizbeamte. Ausdrücklich ausgenommen vom Verbot wird vielfach die Darstellung christlich-abendländischer Kulturwerte.

Die meisten Gesetze müssen nun wahrscheinlich überarbeitet werden, weil Pauschalverbote nach dem Urteil aus Karlsruhe die grundgesetzlich verbriefte Glaubensfreiheit der Lehrerinnen verletzt.

Wie stehen die Arbeitsmarktchancen für Frauen mit Kopftuch?

Kritiker beklagen, ein Kopftuchverbot sei faktisch ein Berufsverbot für muslimische Lehrerinnen. Vertreter muslimischer Verbände erklären, viele Frauen entschieden sich gegen ein Lehramtsstudium, weil sie später im Schuldienst kein Kopftuch tragen dürften.

Auf die Privatwirtschaft haben die gesetzlichen Regelungen keinen direkten Einfluss. Experten meinen jedoch, ein Kopftuchverbot im Schuldienst wirke legitimierend für eine Benachteiligung anderswo auf dem Arbeitsmarkt. Das beklagt auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. „Viele private Arbeitgeber wissen nicht, dass ihre Beschäftigten ein Kopftuch tragen dürfen - und meinen, dies verbieten zu können“, sagt deren Chefin, Christine Lüders. Studien zeigen, dass Frauen mit Kopftuch es schwerer haben auf dem Arbeitsmarkt.

Wie ist die Rechtslage in der Türkei?

Die islamisch-konservative Regierung in der Türkei hat das einst geltende strenge Kopftuchverbot in öffentlichen Einrichtungen immer weiter außer Kraft gesetzt. Seit 2010 können Studentinnen an Universitäten Kopftücher tragen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Vor rund eineinhalb Jahren kippte die Regierung dann das Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst weitestgehend, im vergangenen Jahr lockerte sie auch das Verbot an Schulen weiter. Seitdem ist es Schulmädchen ab der fünften Klasse erlaubt, ein Kopftuch zu tragen.

 
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erstellt am 13.Mär.2015 | 17:06 Uhr

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