Nach Massengrab-Fund : Konferenz um Rohingya-Flüchtlinge in Bangkok ergebnislos beendet

In Myanmar werden sie diskriminiert – nun sollen andere Länder in Südostasien den Tausenden muslimischen Flüchtlingen helfen.

shz.de von
29. Mai 2015, 10:38 Uhr

Bangkok | Ohne konkrete Pläne zur Bewältigung des Flüchtlingsdramas in Südostasien ist eine internationale Konferenz in Bangkok zu Ende gegangen. Mehr als 20.000 muslimische Rohingya sind nach Schätzungen in diesem Jahr schon vor Armut und Diskriminierung aus Myanmar geflohen. Das Land habe aber in eine Resolution eingewilligt, in der die Teilnehmer sich dafür einsetzen, den Respekt für die Menschenrechte zu fördern, sagte ein thailändischer Diplomat am Freitag. Das gelte auch für die Rakhine-Region, wo die Rohingya leben. Das Wort Rohingya wurde auf Druck Myanmars dabei nicht erwähnt.

Die Teilnehmer einigten sich in einer Abschlusserklärung jedoch darauf, mit mehr Jobs, Bildung und einer besseren medizinischen Versorgung erneuten Flüchtlingsdramen vorzubeugen. Das habe auch Myanmar mitgetragen, betonte ein thailändischer Diplomat. Zusätzlich wollen die Länder einerseits mit Informationskampagnen vor Menschenhändlern warnen, andererseits aber auch mehr Wege für legale Migration finden.

Die Rohingya werden nach eigenen Angaben in Myanmar diskriminiert, weil das Land sie nicht als ethnische Gruppe anerkennt und sie als illegale bengalische Einwanderer betrachtet. Myanmar hat sich bislang aus der regionalen Debatte herausgehalten. Die Regierung sagt, man wolle die Angelegenheit nicht zum internationalen Problem machen, leugnet aber, dass die eigene Innenpolitik zu der Lage beigetragen haben könnte. 3000 Flüchtlinge, darunter auch Bangladescher, sind seit Anfang Mai nach teils wochenlanger Überfahrt auf überfüllten Booten in Indonesien und Myanmar an Land gekommen.


Bei der Konferenz zu Migration und Menschenhandel in Bangkok stellten die Vereinten Nationen Myanmar als Herkunftsland vieler Verzweifelter an den Pranger, die unter prekären Bedingungen über das Meer fliehen und oft in die Hände von Menschenhändlern geraten. Die einstige Militärdiktatur wies jede Verantwortung brüsk zurück. Die Debatte wurde noch einmal angeheizt, nachdem vergangene Woche ein Massengrab mit Rohingya in Malaysia entdeckt wurde.

Zur selben Stunde entdeckte die Marine Myanmars nach eigenen Angaben vor der Küste ein Flüchtlingsschiff mit mehr als 700 Menschen, darunter 45 Kinder. Das Informationsministerium lud Fotos auf seiner Webseite hoch, auf denen die Menschen dicht gedrängt an Bord zu sehen waren. Die Marine habe das Schiff zu einem Marinestützpunkt geleitet. Die Nationalität der Menschen werde geprüft.

Für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR nahm der österreichische Jurist Volker Türk bei der Konferenz mit Teilnehmern aus 17 Ländern kein Blatt vor den Mund: „Es gibt keine Lösung, ohne die Ursachen anzugehen“, sagte der Beigeordnete des Flüchtlingshochkommissars. „Myanmar muss die volle Verantwortung für alle Menschen in seinem Land tragen. Die Verleihung der vollen Bürgerrechte ist das Ziel.“ Der Delegationsleiter Myanmars, Htin Lynn, wies ihn zurecht: „Mit dem Finger auf andere zu zeigen, bringt gar nichts.“ UNHCR sei wohl schlecht informiert. Ursache der Krise sei nicht Myanmars Politik, sondern die Menschen seien Opfer von Schleppern, sagte er, ohne darauf einzugehen, dass das eine das andere nicht ausschließt.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) sieht das jüngste Flüchtlingsdrama in Südostasien als Teil einer beispiellosen Migrationswelle, die auch Europa und die USA spürten. Krieg und Konflikte hätten so viele Menschen zwangsweise aus ihrer Heimat vertrieben wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, sagte IOM-Chef William Lacy Swing. „Migration ist kein Problem, das gelöst werden kann. Es ist eine Realität, die gemanagt werden muss.“ Vor allem müsse sich die Einstellung zu Migranten ändern. Migranten leisteten einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag.

Die Rohingya sind eine muslimische Minderheit im buddhistischen Myanmar. Die Behörden verweigern ihnen die Staatsbürgerschaft, obwohl ihre Familien teils seit mehr als 150 Jahren dort leben. Die britischen Kolonialherren brachten sie einst aus dem heutigen Bangladesch an den Golf von Bengalen. Ihre Zahl wird auf rund eine Million geschätzt.

Seit dem Ende der Militärdiktatur in Myanmar 2011 schüren buddhistische Mönche den Hass auf die Muslime. Bei schweren Unruhen 2012 kamen mehr als 70 Menschen um; 140.000 Rohingya wurden aus ihren Häusern vertrieben und von den Behörden in Lager gepfercht. Viele leben dort bis heute hinter Stacheldraht.

Zehntausende haben schon versucht, mit Hilfe von Schleppern über die Andamanensee ins muslimische Malaysia zu gelangen. Viele wurden aber wie Sklaven zur Arbeit auf thailändischen Fischerbooten gezwungen. Andere wurden im Dschungel gefangen gehalten und erpresst. In Malaysia werden viele als rechtlose illegale Migranten ausgenutzt.

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