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Nach Übergriffen in der Silvesternacht : Köln: Polizei und Oberbürgermeisterin in der Kritik

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„So kann die Polizei nicht arbeiten“, sagt Innenminister Thomas de Maizière. Über die Täter weiß man noch nicht viel. Derweil melden sich immer mehr Opfer.

shz.de von
erstellt am 06.Jan.2016 | 10:40 Uhr

Köln | Die Kölner Polizei und die Stadtspitze geraten nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht immer mehr in die Kritik. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bemängelte in den ARD-„Tagesthemen“ den Einsatz der Kölner Beamten: „Da wird der Platz geräumt - und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten.“ Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) zog mit ihren Verhaltensempfehlung an Frauen Spott im Internet auf sich.

„Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft“, hatte Reker bei einer Pressekonferenz auf die Frage geantwortet, wie man sich als Frau besser schützen könne. Unter dem Hashtag #einearmlaenge häuften sich daraufhin spöttische Kommentare.

Derweil melden sich immer mehr Opfer bei der Kölner Polizei. Mittlerweile seien mehr als 100 Anzeigen eingegangen, sagte eine Polizeisprecherin am Mittwoch. Davon hätten drei Viertel einen sexuellen Hintergrund.

Nach den Vernehmungen der Opfer habe sich ein klareres Bild der Taten ergeben. „Viele Frauen geben in den Gesprächen an, dass sie auch angefasst wurden“, sagte die Sprecherin. Täter habe die Polizei noch keine ermittelt. Die Beweisführung gestalte sich als „sehr schwierig“, was vor allem an der „Gemengelage“ in der Silvesternacht liege.

Über die Täter weiß die Polizei noch nicht viel - nach Angaben von Augenzeugen und Opfern seien sie dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) warnte vor Pauschalurteilen über Flüchtlinge. „Wenn Asylbewerber unter den Tätern waren, ist das noch lange kein Grund, alle Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Die Kölner Polizeispitze gestand ein, am Neujahrsmorgen falsch über die Ereignisse der Nacht berichtet zu haben. In einer Erklärung hatte sie die Lage zunächst als recht entspannt beschrieben und sich selbst gelobt. Kritik am Einsatz wies sie allerdings zurück. „Wir waren nicht überfordert“, sagte Polizeipräsident Wolfgang Albers. Das ganze Ausmaß der Vorfälle sei erst später klar geworden. Am Dienstagabend protestierten etwa 250 bis 300 Menschen in Köln gegen die Übergriffe.

Auch in Hamburg kam es an Silvester zu sexuellen Übergriffen. Auf der Reeperbahn wurden Frauen nach Polizeiangaben jeweils von mehreren Männern umringt und an der Brust oder im Intimbereich begrapscht. Die Art des Vorgehens sei für Hamburg neu, sagte Polizeisprecher Holger Vehren.

Aus Sicht des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) handelt es sich bei den Übergriffen auf Frauen in Köln um eine längst bekannte Masche. „Wer von einer neuen Dimension organisierter Kriminalität spricht, der irrt - oder es fehlen ihm kriminalistische und kriminologische Erkenntnisse“, sagte der Bundesvorsitzende des Berufsverbands, André Schulz, dem „Handelsblatt“.

Kritik an de Maizière gibt es auch von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG): „Ich glaube nicht, dass es ein guter Stil ist, wenn der Bundesinnenminister in aller Öffentlichkeit die Landespolizei und die Einsatzleitung dort kritisiert“, sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Rainer Wendt am Mittwoch dem Radiosender HR-Info. „In dieser Weise pauschal über die Polizei in Köln herzufallen, das ist unanständig. Das gehört sich einfach nicht.“

Zugleich machte Wendt den Minister indirekt mitverantwortlich: „De Maizière muss die Frage beantworten, wo eigentlich die vielen Bundespolizisten waren, die am Kölner Hauptbahnhof eigentlich auf dem Dienstplan stehen.“ Diese würden schon seit Monaten „zweckentfremdet“ in Bayern für die Grenzsicherung eingesetzt. „An vielen Bahnhöfen ist die Bundespolizei massiv unterrepräsentiert. Einige Dienststellen können überhaupt nicht mehr und andere nicht mehr rund um die Uhr besetzt werden. Darum muss sich der Bundesinnenminister kümmern.“ Wendt forderte als Konsequenz aus den Kölner Vorfällen mehr Personal bei der Polizei und mehr Videoüberwachung.

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