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Personalmangel in SH : Klinikpersonal wird knapp: Erste Stationen geschlossen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Krankenhäuser werben sich Schwestern und Pfleger gegenseitig ab.

Lustig findet das niemand mehr: Direkt vor den Toren des Uniklinikums (UKSH) in Lübeck wirbt die Konkurrenz Schwestern ab. „Ich will dich“, steht auf den Plakaten des Sana-Klinikkette, auf dem eine Krankenschwester fröhlich die Spritze schwingt. Ähnliche Abwerbeaktionen hatte das UKSH zuvor in den Bussen geschaltet, die zum Hamburger Uniklinikum in Eppendorf fahren.

Ein Zeichen dafür, dass der Wettbewerb um Pflegepersonal im Norden eine neue Dimension erreicht hat. Und das nicht nur bei den ganz großen der Branche. Der Fachkräftemangel ist längst auch im Friedrich Ebert Krankenhaus (FEK) in Neumünster angekommen. Hier berichtet Geschäftsführer Alfred von Dollen: „20 Stellen in der Pflege sind derzeit unbesetzt. Es wird immer schwerer Mitarbeiter zu finden“. Das gelte besonders für OP- und Intensiv-Schwestern und Pfleger.

Am UKSH in Kiel musste jüngst sogar eine Station mit 20 Betten geschlossen werden, weil Schwestern fehlten, am Standort Lübeck bleiben aus gleichem Grund zehn Betten leer. Hier sucht man zudem Personal für die Notfallmedizin, Dialyse und Kinderheilkunde. Und auch das Flensburger St. Franziskus Hospital hat „zunehmend Personalprobleme und musste schon planbare Eingriffe verschieben“, wie der kaufmännische Direktor Helmut Andresen einräumt .

Wie groß der Mangel tatsächlich ist, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Laut Verdi fehlen in Deutschland 162.000 Klinikmitarbeiter, davon allein 70.000 in der Pflege. Erst gestern teilte die deutsche Krankenhausgesellschaft mit, dass bundesweit 3150 Stellen auf Intensivstationen vakant sind.

Die Bundesregierung will jetzt verbindliche Personaluntergrenzen vorschreiben. Doch der Arbeitsmarkt gibt das nicht her. 140 Tage dauert es im Schnitt, eine vakante Stelle zu besetzen, melden die Job-Agenturen – ein Rekord.

Schleswig-Holsteins linke Bundestagsabgeordnete Cornelia Möhring fordert, keine Fachkraft dürfe mit weniger als 3000 Euro brutto nach Hause gehen . Auch Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe DBfK fordert, der Beruf müsse wieder attraktiver gestaltet werden. Die ständige Bereitschaft, der Nacht- und Wochenenddienst, müssten sich finanziell lohnen.

Das St. Franziskus-Hospital in Flensburg hat das bereits umgesetzt. „Wer kurzfristig einspringt, bekommt außertarifliche Zulagen“, berichtet Andresen. Wichtig sei, den Teufelskreis aus überbordender Belastung und – in der Folge – hoher Fluktuation zu durchbrechen. Vor allem setzt Andresen aber auf den Nachwuchs. Die Zahl der Ausbildungsplätze sei zuletzt permanent erhöht worden, jeder der das Examen bestehe, bekomme einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

„Wir werden uns auf Bundesebene dafür einsetzen, dass Pflegeleistungen in den Fallpauschalen besser abgebildet werden als bisher“, kündigte gestern Sozialminister Heiner Garg (FDP) an. Dies haben die Partner der Landesregierung im Koalitionsvertrag vereinbart. Der Schritt solle auch zu einer höheren Attraktivität der Pflegeberufe beitragen. 

Leitartikel: Eine Gefahr für die Gesundheit von Margret Kiosz
 

Eigentlich gehören sie auf die rote Liste. Schließlich sind Schwestern und Pfleger nicht nur in Schleswig-Holstein Mangelware und eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Wie in der Natur bei gefährdeten Vögeln, hat die Gesellschaft auch bei den medizinischen Fachkräften Raubbau betrieben, so dass wir heute von einer Katastrophe mit Ansage reden können.

Zu wenig Anerkennung, zu wenig Verdienst zu viele Überstunden – die Versagensliste ist lang und seit langem bekannt. Nur getan wurde  wenig. Jahrelang konnten Ärztefunktionäre mit Erfolg mehr Stellen und Geld für ihr Klientel  durchsetzen. Das ging bei  knappen Etas nur auf Kosten des Pflegepersonals, bei dem gestrichen und gespart wurde. Doch was nützt der perfekte Operateur, wenn ihm niemand das Messer reicht und den Schweiß abwischt?

Die Quittung bekommen wir jetzt. Natürlich wissenalle, dass vollflexible Dienstpläne das Privatleben stark beeinträchtigen. Dass es ein Teufelskreis  ist, wenn Planstellen nicht besetzt werden, die vorhandenen Kräfte noch mehr leisten müssen und dass sie irgendwann erschöpft und frustriert den Beruf an den Nagel hängen. Ein Mindestlohn von elf Euro ist eine Zumutung und wird diesen Exodus nicht aufhalten.

Erstaunlich, dass die Betriebswirte, die längst das Ruder in den Kliniken übernommen haben, ihr Marketing-Lexikon nicht gelernt haben: Kundenbindung ist günstiger als die Kundengewinnung. Durch die Arbeitgeber-Brille gesehen bedeutet das, die Pflegekräfte endlich so zu behandeln, dass fragwürdige Plakataktionen wie in Lübeck überflüssig werden und gut und teuer ausgebildete Fachkräfte nicht umsatteln. Betriebskitas  und effizientere Arbeitsabläufe  sind ein Anfang, reichen auf Dauer aber nicht. Personalmangel gefährdet unsere Gesundheit. Dass sollten wir als potenzielle Patientenverinnerlichen.

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erstellt am 26.Jul.2017 | 19:14 Uhr

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