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Investitionsstau : Kliniken in SH fehlen Millionen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Alte Gebäude, zu wenig Personal: Kliniken in Schleswig-Holstein fehlt das Geld für Investitionen – darunter leidet die Behandlung.

Kiel | Die Kliniken im Lande gehen am Stock. „Es fehlt an allen Enden. Allein der Investitionsstau im Norden beträgt nach einer aktuellen Erhebung rund 500 Millionen Euro“, schlägt der Chef der Krankenhausgesellschaft, Bernd Krämer, Alarm. Die Bausubstanz verfalle, Gebäude aus den 70er Jahren seien für heutige Behandlungsabläufe völlig veraltet. Mit den jährlich von Kommunen und Land zur Verfügung gestellten 80 Millionen Euro könne der Stau niemals aufgelöst werden.

„Auch beim Personal ist die Situation kaum noch zu beherrschen“, warnt Krämer. Weil Geld für zusätzliche Stellen in Schleswig-Holstein fehlt und die Arbeitsverdichtung immer mehr zunehme, sei es fast unmöglich qualifiziertes Personal zu halten oder in den Norden zu holen. „In den Kliniken herrscht Wut, Empörung und Verzweiflung“, beschreibt er die Situation . Schon jetzt schreibt jedes zweite Krankenhaus im Norden rote Zahlen. Und Krämer prophezeit: „Die Lage wird sich weiter zuspitzen. Selbst die Strukturinitiative von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe wird den Karren bei uns nicht aus dem Dreck ziehen“.

Gröhe will angesichts knapper Mittel und Kritik an der Behandlungsqualität die Kliniklandschaft in Deutschland neu ordnen. Patienten sollen bei planbaren Operationen verstärkt in Häuser mit nachgewiesen guten Erfolgen behandelt werden. Auch zur Streichung ganzer Abteilungen könnte es kommen. Gröhe versprach sich gestern vor Beginn der Bund-Länderverhandlungen, Hinweise, „wo es ein Gebot der Qualitätssicherung ist, auch Kompetenzen zu bündeln“

Nach Ansicht der hiesigen Krankenhausgesellschaft gibt es im Norden allerdings nichts mehr zum bündeln. „Da in Schleswig-Holstein die Kliniken längst fusioniert haben, kooperieren und sich spezialisieren, hilft uns dieser Vorstoß nicht“, so Krämer. Das Konzept sei gut für Ballungsräume mit vielen kleinen Kliniken, nicht aber für ein Flächenland wie Schleswig-Holstein, das sich seit den 80er Jahren um Qualitätssicherung kümmere. Krämers Urteil steht fest: „Die in Berlin leben auf dem Mond.“ Statt über Kompetenzzentren nachzudenken, solle der Bund für mehr Personal sorgen. „Das ist der Schlüssel für gute Qualität.“ Nötig sei zudem ein Investitionsfonds um den Substanzverfall zu stoppen. Der Norden sei zu arm um das allein zu schaffen.
 

Die Kieler Uniklinik sorgte in den letzten Tagen für Schlagzeilen, weil sie die Kindernotfallambulanz geschlossen hat.

 

Begründung: Die Kassen zahlen knapp 47 Euro pro Fall, das deckt die Kosten bei Weitem nicht. „Das ist kein Einzelfall“, erklärt Bernd Krämer von der Krankenhausgesellschaft in Kiel„Auch andere Notfallambulanzen sind längst in den roten Zahlen und müssen vom Klinikbetrieb quersubventioniert werden.“ Hier sei der Gesetzgeber dringend gefordert, zumal immer mehr Bürger aus Bequemlichkeit direkt die Ambulanzen ansteuern. „Freiwillig wird die Kassenärztliche Vereinigung nicht mehr Geld für die Ambulanzen rausrücken, denn das ginge dann ja zu Lasten der Honorare der Niedergelassenen“, ist sich Krämer sicher. Der Fall der Ambulanzen sei exemplarisch für den Schraubstock, in den die Kliniken geraten sind: Fehlende Investitionsmittel, zu wenig Personal und „Krankenkassen, die ein Kesseltreiben veranstalten und stakkatohaft Qualitätssicherung fordern, die wir doch längst machen“.

 

Bundesweit macht die Hälfte der gut 2000 Kliniken ein Minus – rund 400 Häuser rutschten innerhalb eines Jahres in die roten Zahlen. Für Gebäude und Geräte sind die Länder zuständig, für den laufenden Betrieb, die Behandlungen vor allem, die Krankenkassen. Die Kliniken werfen den Ländern vor, mehr als drei Milliarden Euro pro Jahr zu wenig zu zahlen. Nötig sei eine gesetzlich festgelegte Investitionsquote von sechs Milliarden. Die Mittel sollten gemeinsam von Bund und Ländern bereitgestellt werden.

 

Gesundheitsminister Hermann Gröhe hatte auf Forderungen nach einer stärkeren Beteiligung des Bundes bereits skeptisch reagiert. Der Vize-Chef des Krankenkassenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, forderte gestern eine Strukturbereinigung der Kliniklandschaft. Die Kassenausgaben für die Kliniken steigen laut Kassenprognose 2014 um 2,6 auf 66,8 Milliarden Euro. „Neues Geld sollte es nur für neue Strukturen geben“, sagte Stackelberg. „Für rund zwei Drittel der Zunahme an Operationen in den letzten Jahren gibt es keine vernünftige Erklärung“, heißt es beim Kassenverband. Ins Gerede gekommen ist vor allem der Anstieg von Rücken-, Herz- und Gelenk-OPs. Das geht auch darauf zurück, dass die Kliniken seit zehn Jahren mit Pauschalen je Behandlung bezahlt werden. Viele Fälle steigern den Erlös. kim

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erstellt am 26.Mai.2014 | 19:04 Uhr

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