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Atommacht Nordkorea : Kim Jong Un und die Wasserstoffbombe: Was die Welt jetzt beschäftigt

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Aus der Onlineredaktion

Nordkorea will die Welt mit dem H-Bomben-Test etwas wissen lassen – nur was? Fragen und Antworten zu Kim Jong Uns Unterfangen.

shz.de von
erstellt am 06.Jan.2016 | 12:21 Uhr

Pjönjang | Sollten die Angaben Nordkoreas stimmen, hätte Kim Jong Uns Atomwaffenentwicklung mit dem Test einer Wasserstoffbombe eine neue Dimension erreicht. Für den Rest der Welt wäre dies eine sehr unangenehme Tatsache, denn das Regime in Pjönjang droht dem Westen regelmäßig mit der Vernichtung. Nordkoreas Machthaber hatte zwar schon im vergangenen Monat angedeutet, sein Land besitze eine Wasserstoffbombe, doch dass dies tatsächlich jetzt schon der Fall sein könnte, hatten Experten für unwahrscheinlich gehalten. Das müssen Sie jetzt wissen.

Die Wasserstoffbombe gilt neben der ZAR-Bombe als das schwerste Grauen des kalten Krieges. Warum?

Forscher entwickelten in den 1940er und 1950er Jahren Massenvernichtungswaffen mit bis dahin unbekannter Sprengkraft: Atombombe, Neutronenbombe und Wasserstoffbombe.

Die Wasserstoffbombe, auch H-Bombe genannt, wurde unter Leitung von Edward Teller in den USA entwickelt und erstmals 1952 auf einem Atoll im Pazifik gezündet. Dort, wo die Insel Elugelab war, klafft seit der Detonation ein kilometertiefer Krater. Die Sprengkraft der Bombe mit dem Namen „Mike“ war 700 Mal stärker als die der Atombombe von Hiroshima: eine völlig neue Dimension der Zerstörungskraft.

Die erste Wasserstoffbombe explodierte 1952.

Die erste Wasserstoffbombe explodierte 1952.

Foto:dpa

Frankreich,Russland und Großbritannien bedienten sich ebenfalls der Technologie, die – gepaart mit einer Interkontinentalrakete – abschreckende Funktion hatte.

H-Bomben setzen Energie aus einer Kernverschmelzung frei. Bei dieser Fusion verschmelzen unter anderem die Wasserstoff-Isotope Deuterium und Tritium zu Helium. Zur Zündung des Gemischs sind mehr als 100 Millionen Grad erforderlich. Deshalb enthält eine H-Bombe als Zünder eine Atombombe. Die freigegebene Radioaktivität ist allerdings deutlich geringer als bei einer normalen Atombombe.

Wie weit Nordkorea in der Entwicklung ist, ist umstritten. Untersuchungen legen aber nahe, dass Pjönjang in Zukunft in der Lage sein könnte, eine Bombe mit der 1900-fachen Sprengkraft der Hiroshima-Waffe zu bauen. In der Raketenforschung hatte das Land zwar einige Rückschläge einzustecken, doch beim erfolgreichen Start einer Langstreckenrakete 2012 hatte man die Welt überrascht und Kopfzerbrechen verursacht.

 

Wie ist die politische Lage in Nordkorea?

Das politisch weitgehend isolierte Nordkorea ist nach Jahrzehnten kommunistischer Diktatur ein verarmter Staat, in dem es Hungersnöte gibt. An der Spitze der „Demokratischen Volksrepublik Korea“ steht seit 2011 Kim Jong Un, um den ein intensiver Personenkult betrieben wird. Bereits sein Vater und sein Großvater, der Staatsgründer, herrschten tyrannisch über das Land. Alle Medien sind gleichgeschaltet. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes setzt die Führung auf „ideologische Erziehung“ der Menschen und Abschottung gegen Ideen aus dem Ausland. Ein UN-Bericht wirft Nordkorea schwere Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. So würden als unzuverlässig betrachtete Menschen gefoltert und als Arbeitssklaven in Straflagern missbraucht.

Die Rüstungsbemühungen des kommunistischen Landes sind jedoch enorm. Das Atomprogramm läuft auf Hochtouren. Das Land droht dem Westen regelmäßig mit der Vernichtung.

Was will Kim Jong Un mit dem Test erreichen?

Viel Aufmerksamkeit von außen ist Kim Jong Un angesichts der grausamen IS-Feldzüge zuletzt nicht widerfahren. Nur poliert er sein Bad-Boy-Image und provoziert Südkorea und den Rest der Welt auf neuem Level. Sogar seinen letzten Verbündeten, die Weltmacht China, verprellt er in dem neuen Kapitel seiner Propaganda-Schlacht. Das Schärfen äußerer Feinbilder sichert ihm den Machterhalt. Denn Kim zeigt mit „Streichen“ dieser Art, dass das „überlegene“ Nordkorea trotz aller Sanktionen nicht unter Kontrolle zu bringen ist.

Die Weltpolitik kann der mutmaßlichen Atommacht militärisch nichts anhaben. An die Isolation vom Rest der Welt hat sich das Land längst gewöhnt. Die internationale Anerkennung als Quasi-Atommacht ist dem Land seit Langem sicher. Der neue Vorstoß ist allerdings weniger ein Versuch, an die Verhandlungstische zurückkehren, als zu zeigen, dass man handlungsfähig ist.

Denn im Mai wird die nordkoreanische Arbeiterpartei erstmals seit über 30 Jahren wieder einen Parteitag abhalten. Dafür hat Kim gesorgt – und er will etwas vorweisen. Damit der Kongress zu einem selbstbeweihräuchernden Großevent kommunistischer Klasse wird, will Kim zeigen, dass sein kleines Land die Welt an der Nase herumführen kann. Dafür lohnt es sich, zu hungern.

Testete Nordkorea wirklich erfolgreich eine H-Bombe?

Es gibt durchaus Zweifel an den Angaben aus Pjönjang – ein Beweis existiert nicht und erste Messungen deuten nicht auf eine H-Bombe hin. Es sei möglich, dass das künstlich erzeugte Erdbeben nicht von einer Wasserstoffbombe ausgelöst worden sei, zitierte die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap einen Abgeordneten der Regierungspartei Saenuri. Dieser beruft sich auf den Geheimdienst. Ob es tatsächlich ein Wasserstoffbombentest war, könne erst später bei Untersuchungen festgestellt werden, teilte Südkoreas Wetteramt mit.

Die Magnitude erwies sich als nicht stärker als beim Atombombentest 2013. Möglicherweise war es also eine herkömmliche Atombombe, die am 6. Januar 2016 getestet wurde. Damit könnte trotzdem eine neue Entwicklungsstufe in der Herstellungsphase einer H-Bombe erreicht worden sein.

Welche Sanktionen gegen Nordkorea gibt es bereits?

Mit den Resolutionen 825 (1993), 1540 (2004) und 1718 (2006) hat der UN-Sicherheitsrates als Reaktion auf vergangene Atomwaffentestversuche die Sanktionen immer weiter verschärft. Meist geht es darin um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. 2009 stellte der Weltsicherheitsrat fest, dass der unterirdische Atomwaffentest vom 25. Mai 2009 eine Verletzung der Resolution 1718 (2006) bedeute und gegen den Atomwaffensperrvertrag verstoße. Daraufhin wurden die Sanktionen weiter verschärft, 2013 gab es erneut eine Verschärfung (UN-Res. 1985). Neben Embargos auf Waffen gibt es ein Ausfuhrverbot für Luxuswaren nach Nordkorea. Durch die Resolution 1874 wird unter anderem Fracht nach Nordkorea stärker auf verbotene Waffenlieferungen kontrolliert. Die Resolution ist völkerrechtlich verbindlich. Das heißt, dass die Sanktionen notfalls mit Gewalt durchgesetzt werden können und dass alle Länder sich an die Kontrollen und Regeln halten müssen. China hatte ebenfalls an dem Text mitgearbeitet.

Wie spürt man Atombombenexplosionen auf?

Detonationen von Atombomben gehören zu den stärksten Mechanismen, die Menschen in Gang setzen können. Selbst eine Explosion auf der anderen Seite der Erdkugel kann mit einer Kombination von Sensoren entdeckt werden.

ERSCHÜTTERUNG: Die Explosion einer Atombombe löst eine seismische Welle aus, ähnlich wie ein Erdbeben. Die Welle wird mit Seismographen registriert wie jede andere Erderschütterung, und zwar überall auf der Welt. Geophysiker können jedoch aufgrund ihrer Beschaffenheit eindeutig zwischen einer Erdbeben-Welle und einer künstlich von Explosionen hervorgerufenen unterscheiden.

INFRASCHALL: Große Explosionen erzeugen Infraschall, also Töne, die für das menschliche Ohr zu tief und deshalb unhörbar sind. Sie können in der Luft noch in großer Entfernung aufgespürt werden.

SCHALL: Weil sich Schall im Wasser sehr schnell und weit ausbreitet, lässt sich auch über weltweit verteilte, sogenannte hydroakustische Sensoren prüfen, ob ein Unterwasser-Atomtest stattgefunden hat.

RADIONUKLIDE UND EDELGASE: Außerdem lässt sich an radioaktiven Partikeln in der Atmosphäre ablesen, ob eine Atombombe explodiert ist. Auch das Edelgas Xenon wird bei solchen Ereignissen freigesetzt. Selbst kleine Veränderungen in der Atmosphäre können ermittelt und zu ihrem Ursprung zurückverfolgt werden.

Was wissen wir über das nordkoreanische Atomprogramm?

Über das Waffenprogramm Nordkoreas ist relativ wenig bekannt. Die nukleare Aufrüstung rechtfertigt die Diktatur mit einer angeblichen Bedrohung durch die USA. Als gesichert gilt, dass Nordkorea in kurzer Zeit einsatzbereite Atombomben herstellen kann. Diese potenzielle Fähigkeit haben auch mehrere Nicht-Atommächte. Ob Nordkorea auch seine ballistischen Raketen bereits mit entsprechend konfigurierten Atomsprengköpfen bestücken kann, ist unklar.

Allerdings ist das Land schon lange dabei, sein Atom- und Raketenprogramme zu synchronisieren. Ein Raketentest in naher Zukunft wird daher jetzt nicht ausgeschlossen.

Foto:dpa
Welche Atommächte gibt es auf der Welt?

Offiziell gibt es nur fünf Atommächte: die UN-Vetomächte USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China. Doch es gilt als sicher, dass auch Nordkorea, Indien, Pakistan und Israel Kernwaffen besitzen.

Die mit Abstand größten Atomwaffenarsenale haben nach Angaben der Federation of American Scientists (FAS) Russland mit 7500 und die USA mit 7200 Sprengköpfen. Tatsächlich einsatzbereit haben die Russen davon demnach 1780 und die USA 2080 Atomsprengköpfe. Mit weitem Abstand folgt Frankreich mit 300 vor China (260) und Großbritannien (215).

Pakistan hat laut FAS insgesamt 120 bis 130 Sprengköpfe in seinen Arsenalen. Indien kommt auf 110 bis 120 und Israel auf etwa 80. Nordkorea folgt mit weniger als 10 an letzter Stelle.

Die Reaktionen aus den Nachbarländern und Europa

Südkorea

Die Hoffnungen Südkoreas, die „teuflische Spirale“ von Provokationen, Drohungen und anschließenden Wiederannäherungen beenden zu können, erhalten durch den Test einen Dämpfer.Präsidentin Park Geun Hye hat dem verfeindeten Nachbarn mit neuen Sanktionen gedroht. Ihre Regierung werde sicherstellen, dass Nordkorea einen entsprechenden Preis für seinen Atomtest zahlen werde, sagte Park am Mittwoch bei einem Krisentreffen des Nationalen Sicherheitsrats.

Dazu werde Südkorea eng mit der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten, wurde Park von der nationalen Nachrichtenagentur Yonhap zitiert. Es sei wichtig, dass Nordkorea starke Sanktionen zu spüren bekomme.

China

China hat als letzter Verbündeter den neuen Atomtest deutlich kritisiert. Die Sprecherin des Außenministeriums, Hua Chunying, forderte Nordkorea am Mittwoch in Peking auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und seine Atomwaffen aufzugeben. Anders als bei vorherigen Atomtests hatte Kim keine Vorwarnung nach Peking übermittelt.

Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua nannte den Atomversuch in einem Kommentar „höchst bedauerlich“ und einen „Verstoß gegen UN-Resolutionen“. Er sei ein „Schlag“ gegen den Prozess hin zu einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel.

Der Atomtest rücke eine Lösung für das Dilemma in der Region weiter in die Ferne. „Nordostasien in ein Pulverfass zu verwandeln, dient niemandem in der Nachbarschaft - auch nicht Nordkorea selbst.“

Die Staatsagentur zeigte aber auch Verständnis für das „tiefe Gefühl der Unsicherheit nach Jahren der Feindschaft durch die USA, deren Politik eines Schwenks nach Asien wie ein Muskelspiel erscheint“.

Die seit 2009 eingefrorenen Sechs-Parteien-Gespräche mit Nordkorea, Südkorea, den USA, China, Japan, Russland seien „der einzig aussichtsreiche Weg aus dem regionalen Morast“, schrieb Xinhua.

Nach einer längeren Eiszeit hatte die chinesische Führung erst im Oktober ein Politbüromitglied als Ehrengast zur Militärparade zum 70. Gründungstag der nordkoreanischen Arbeiterpartei nach Pjöngjang geschickt und damit ein Tauwetter in den Beziehungen eingeleitet. Die Expertin Yu Yingli vom Institut für Internationale Studien in Shanghai prognostiziert, das sich die Beziehungen zwischen China und Nordkorea jetzt wieder verschlechtern.  Auch Experte Park befürchtet, dass sich ähnlich wie nach dem Test im Februar 2013 die Spannungen wieder verschärfen, bevor sich die Lage wieder beruhigen könnte. „Nordkorea hat keine Angst vor Sanktionen“, sagt er.
Russland

Moskau reagiert anders als die der anderen Anrainerstaaten gelassen. „Eine direkte Bedrohung Russlands durch die Aktion Nordkoreas sehe ich nicht, wenn man unsere Beziehungen mit dem Land in Betracht zieht“, sagte Generaloberst Viktor Jessin am Mittwoch in Moskau. „Für die ganze Welt hingegen ist die Bedrohung real.“ Es gebe aber keine Beweise, dass es sich bei der von Nordkorea getesteten Waffe wie behauptet tatsächlich um eine Wasserstoffbombe handle, erklärte der Ex-Generalstabschef der strategischen Raketentruppen. Der Dialog mit Nordkorea über sein Atomprogramm müsse fortgesetzt werden, sagte der Vorsitzende im Verteidigungsausschuss des Föderationsrates, Viktor Oserow. Das größte Land der Erde hat mit dem totalitären Staat eine 19 Kilometer lange Grenze.

Japan

„Das ist eine ernste Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes“, sagte Ministerpräsident Shinzo Abe. Der Atomtest sei absolut nicht hinnehmbar. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo zitierte einen Regierungsbeamten, wonach Japan weitere Sanktionen gegen das Nachbarregime verhängen könnte.  Der Élyséepalast in Paris verurteilte den Test als „inakzeptable Verletzung“ von Beschlüssen des UN-Sicherheitsrates. Gleichzeitig forderte Frankreich eine deutliche Reaktion der internationalen Gemeinschaft, ohne dies näher zu beschreiben. Die britische Regierung nannte den mutmaßlichen Atomversuch ebenfalls eine Provokation.

Frankreich und Großbritannien

Die Atommächte Frankreich und Großbritannien haben mit scharfer Kritik reagiert. Der Atomversuch sei „eine inakzeptable Verletzung von Beschlüssen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen“, hieß es in einer am Mittwoch vom Élyséepalast in Paris verbreiteten Mitteilung. Gleichzeitig forderte Frankreich eine deutliche Reaktion der internationalen Gemeinschaft, ohne dies näher zu beschreiben.

Die britische Regierung nannte den mutmaßlichen Atomversuch eine Provokation. „Wenn die Berichte über den nordkoreanischen H-Bomben-Test wahr sind, ist das ein schwerer Bruch der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats und eine Provokation, die ich ohne Einschränkung verurteile“, twitterte Außenminister Philip Hammond am Mittwoch von China aus.

Deutschland

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat den Test „auf das allerschärfste“ verurteilt. „Nordkorea stellt sich gegen die Grundsätze der Völkergemeinschaft und gefährdet die regionale und internationale Sicherheit“, sagte Steinmeier nach Angaben seines Ministeriums am Mittwoch in Berlin. Zugleich ließ er den nordkoreanischen Botschafter in Berlin ins Auswärtige Amt einbestellen.

 

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