Schreckensherrschaft in Nordkorea : Kim Jong Un lässt Minister per Flugabwehrwaffe hinrichten

Der nordkoreanische Diktator ist für grausame Morde bekannt. Nun traf es wieder ein Regierungsmitglied.

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13. Mai 2015, 16:36 Uhr

Seoul | Die Menschen im Umfeld von Diktator Kim Jong Un leben gefährlich. Nicht nur ranghohe Funktionäre, selbst Mitglieder der Familie des nordkoreanischen Machthabers können sich ihres Lebens nicht sicher sein. Als Kim vor etwa anderthalb Jahren seinen Onkel Jang Song Thaek wegen angeblichen Hochverrats hinrichten ließ, warf ihm die Regierung im benachbarten Südkorea eine „Schreckensherrschaft“ vor. Daran hat sich aus der Sicht Seouls nichts geändert.

In den jetzigen Berichten über die Hinrichtung des nordkoreanischen Verteidigungsministers Hyon Yong Chol wegen angeblichen Ungehorsams sieht man einen weiteren Beleg für die Absicht Kims, eine Atmosphäre der Angst zu schaffen. Für Kommentatoren in Südkorea war die mutmaßliche Exekution des 66-jährigen Hyons eine Überraschung. Am 29. April wurde Hyon noch in den Staatsmedien erwähnt. In derselben Woche soll er sich im Volkspalast der Kultur in Pjöngjang ein Konzert angeschaut haben. Um den 30. April soll er dann vor Hunderten von Zuschauern hingerichtet worden sein, teilte Südkoreas Geheimdienst NIS jetzt vor Abgeordneten in Seoul mit - auf Befehl vom Machthaber und ohne vorheriges Verfahren. Ein Exekutionskommando in Pjöngjang habe dabei eine Flugabwehrwaffe benutzt. „Die Informationen klingen glaubwürdig“, sagt der Forscher des Korea-Instituts für Nationale Vereinigung in Seoul, Park Hyeong Jung.

Der NIS würde sich nur lächerlich machen, wenn die Angaben nicht stimmen sollten. Auf welche Quellen sich die Geheimdienstler stützen, blieb unklar. Auch eine Bestätigung von Nordkorea gab es nicht. Vieles, was über Kim berichtet wird, erwies sich im Nachhinein als Spekulation.

Auch dass Hyon mit einer Flugabwehrwaffe getötet worden sei, wird als Beleg für die zunehmende Brutalität des Regimes gesehen. Nach Angaben des in den USA angesiedelten Komitees für Menschenrechte in Nordkorea (HRNK) sei auf Satellitenbildern zu erkennen, dass eine Exekution im vergangenen Oktober in Nordkorea auf die gleiche Weise ausgeführt wurde. Dabei soll ein Flugabwehrmaschinengewehr mit eine Reichweite von 8000 Metern auf die Zielperson oder Zielpersonen in nur 30 Meter Entfernung gerichtet worden sein.

Mehrfach wurden in unbestätigten Berichten besonders grausame Hinrichtungsmethoden genannt:

Mit Flammenwerfer verbrannt: Seit Anfang 2015 ließ Kim 15 hochrangige Regierungsvertreter wegen angeblicher Regimekritik hinrichten. Dabei soll der Vize-Minister für öffentliche Sicherheit zur Abschreckung bei lebendigem Leib mit einem Flammenwerfer verbrannt worden sein.
Von Hunden zerfleischt: Zeitungsberichten zufolge ließ Diktator Kim Jong Un im Dezember 2013 wegen Hochverrats seinen Onkel Jang Song Thaek und einige seiner engsten Mitarbeiter von 120 ausgehungerten Hunden zerfleischen.
Vergiftet: Kim soll nach dem Onkel auch seine Tante getötet haben. Er ließ sie angeblich vergiften, weil sie den Tod ihres Mannes beklagt hatte.
Hammerschläge ins Genick: Ende 2013 wird berichtet, Gefangene in nordkoreanischen Straflagern mussten ihre eigenen Gräber ausheben, bevor sie mit Hammerschlägen ins Genick getötet wurden.
Auf Grenzbrücke erschossen: Weil sie angeblich ins Ausland flüchten wollten, wurden nach Angaben einer Hilfsorganisation 15 Menschen in Osong an der Grenze zu China auf einer Brücke erschossen - als Warnung vor illegalem Grenzübertritt.

Als herkömmliche Hinrichtungsarten in Nordkorea galten bislang Tötung durch ein Erschießungskommando und Tod durch den Strang. Ein Anstieg der Exekutionen unter Kim Jong Un wird in Seoul als Teil der Pläne des Machthabers interpretiert, seine wacklige Autorität zu stärken. Nach Angaben des NIS wurden seit Beginn seiner Herrschaft vor mehr als drei Jahren etwa 70 ranghohe Funktionäre hingerichtet.

Doch noch sehen Experten wie Park den Diktator, der Anfang 30 sein soll, einigermaßen fest im Sattel. „Doch seine Beziehungen zu seinen Helfern ist nicht gut.“ Belege seien dafür etwa die häufigen Beförderungen und Degradierungen von hochrangingen Helfern. Keiner wage, ihm zu widersprechen. Doch genau das soll der Verteidigungsminister laut NIS jetzt versucht haben. Seine angebliche Respektlosigkeit soll ihn das Leben gekostet haben. 

Säuberungen sind für das stalinistische Regime nicht unüblich. Der Experte Park macht dabei eine interessante Beobachtung: Als Kim Jong Uns Ende 2011 gestorbener Vater Kim Jong Il Mitte der 90er Jahre in Schwierigkeiten war, schoss die Zahl der öffentlichen Hinrichtungen in die Höhe. Doch in der Regel seien die Opfer normale Bürger gewesen. „Kim Jong Uns Ziel sind jedoch hohe Funktionäre.“ Niemand in seiner Nähe dürfe sich sicher fühlen. Die politischen Säuberungswellen würden sich fortsetzen, glaubt Park.

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