Kim Jong Un in Peking : Kim im Sonderzug zu Xi: Nordkorea sucht Schützenhilfe und China macht mit

Kim Jong Un ist bereit für einen Gipfel mit Südkorea und den USA. Chinas Präsident Xi Jinping sieht „positive Veränderungen“.

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28. März 2018, 16:53 Uhr

Peking | Es war eine historische Bahnfahrt, die das Kräftegleichgewicht im diplomatischen Ringen um Nordkoreas Atomwaffen- und Rasketenprogramm verschoben hat. In dem Sonderzug aus Pjöngjang saßen Kim Jong Un und seine Frau Ri Sol Ju in geheimer Mission. Er fuhr gerade mal 60 Stundenkilometer, hatte aber Vorfahrt. Strecken wurden gesperrt, Reisende mussten warten. Ein Zug wie sonst kein anderer – gepanzert, mit Schlafzimmern, luxuriösen Salons und Satellitentelefon, wie es heißt. Dunkelgrün mit einem markanten gelbem Streifen.

Mit der Serie von Atom- und Raketentests hatte Kim Jong Un den großen Nachbarn zunehmend verärgert. Als größter Handelspartner hatte China die im Weltsicherheitsrat beschlossenen Sanktionen der Vereinten Nationen verstärkt umgesetzt, was vermehrt zu Engpässen in dem isolierten und armen Nordkorea führt. So war das Verhältnis auf den tiefsten Stand in seiner Geschichte gefallen.

Schon sein Vater Kim Jong Il reiste in so einem Zug nach China und Russland, aß unterwegs frischen Hummer und trank gute Rotweine, Beaujolais und Bordeaux, wird berichtet. Aber erst als diese nordkoreanische Version des „Orient Express“ am Mittwoch wieder über die Grenze zurückgekehrt war, lüftete Chinas Führung das Geheimnis des mysteriösen Zuges und der hohen Gäste in Peking. Plötzlich gab es Bilder vom Besuch, wie Kim Jong Un und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping händeschüttelnd in die Kameras lächeln. Als wenn nichts gewesen wäre. Dabei war Chinas Präsident tief verärgert über den jungen, respektlosen Mann, der das große Reich der Mitte mit seinen Atom- und Raketentests an der Nase herumgeführt hatte. Davon ist keine Rede mehr. Zumindest öffentlich.

Foto aus 2010: Mit einem solchen Sicherheitszug reiste Kim nach China.
imago/Kyodo News

Foto aus 2010: Mit einem solchen Sicherheitszug reiste Kim nach China.

Es war ein „inoffizieller“ Besuch, aber Xi Jinping rollte dem Führer aus Pjöngjang mit Blaskapelle und Nationalhymne den roten Teppich aus, wie nachträglich im Staatsfernsehen zu sehen war. In der Großen Halle des Volkes gab Xi Jinping der Delegation einen großen Staatsempfang mit so vielen Teilnehmern, das verwunderlich war, wie die Visite geheimgehalten werden konnte. Chinas Staatsmedien mussten aber wie üblich dicht halten. Nur im Internet kursierten Fotos und Videos vom Autokonvoi mit der Motorradstaffel. Die Zensur lief auf Hochtouren, blockte Hinweise auf Kim Jong Un - selbst seinen chinesischen Spitznamen „Kim der dritte Fette“ (Jin San Pang).

Seine erste Auslandsreise war ein kluger Schachzug: Vor seinen heiklen Gipfeln mit Südkoreas Präsident Moon Jae In und US-Präsident Donald Trump holte sich Kim Jong Un Schützenhilfe beim traditionellen Verbündeten China. Sollte der Gipfel mit Trump platzen und wieder alles gefährlich auf einen militärischen Konflikt zulaufen, braucht der Machthaber die Chinesen, um mäßigend zu wirken.

„Die Wiederherstellung der nordkoreanisch-chinesischen Beziehungen wird Kim Jong Un voraussichtlich größere Verhandlungsstärke bei den Treffen mit Südkorea im April und mit den USA im Mai geben“, schrieb Südkoreas Zeitung „Hankyoreh“. Er werde wohl im Gegenzug für eine „Denuklearisierung“ eine Sicherheitsgarantie für sein Land und eine Normalisierung der Beziehungen mit den USA fordern.  Nach dem ersten Ausbruch aus seiner jahrelangen Abschottung wurde Kim Jong Un in den Medien zuhause als Staatsmann mit diplomatischem Geschick präsentiert. Es war viel von traditioneller Freundschaft mit China und strategischer Zusammenarbeit die Rede - über die Uneinigkeit im Streit um das Atomprogramm kein einziges Wort.

Im Gegenteil: Xi Jinping wurde mit den Worten zitiert, die jüngste positive Entwicklung auf der koreanischen Halbinsel könne einer „strategischen Entscheidung“ Kim Jong Uns zugeschrieben werden.  Für China wiederum war seine Visite ein unerhofftes Geschenk. Nach der Annäherung des nordkoreanischen Führers seit Jahresanfang an Südkorea spielte China bei den Plänen für die Gipfel nur die Rolle eines Außenseiters. Indem sich Kim Jong Un wieder der alten Freundschaft beider Ländern besinnt, schiebt er Xi Jinping erneut ins Zentrum des diplomatischen Tauziehens.„China will in die Zeit der Sechs-Parteien-Gespräche zurückkehren, als es die dominante Position in der Diplomatie für eine Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel einnahm“, sagte der kritische chinesische Historiker Zhang Lifan. So hoffe China auch, dass der Gipfel zwischen Trump und Kim Jong Un in Peking stattfinden könne. Bis 2009 verhandelten Nordkorea, die USA, Südkorea, Japan und Russland unter Chinas Vermittlung - eher qualvoll, ohne Ergebnis.

In dem Konflikt hat China drei Prioritäten: Erstens, Krieg verhindern. Zweitens, den Status Quo wahren. Und drittens, eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel schaffen. Verhandlungen sichern zumindest die ersten beiden Punkte. Atomare Abrüstung ist da nur ein sehr langfristiges Ziel. Doch die Reihenfolge der Prioritäten der USA ist genau umgekehrt. Ganz oben: Atomwaffen abschaffen. Wenn nicht, droht Krieg. Der Status Quo interessiert Trump nicht.

So läuft alles auf einen „Showdown“ zwischen Kim Jong Un und Trump hinaus. Nicht nur in den USA herrschen große Zweifel, dass Nordkorea die Forderung nach einer kompletten, überprüfbaren und unumkehrbaren atomaren Abrüstung tatsächlich erfüllen wird, nachdem der Machthaber jahrelang solch einen Schritt kategorisch ausgeschlossen hat. „Ohne Atomwaffen ist er nichts“, sagte der Historiker Zhang Lifan.

Kim Jong Un deutete seine Bedingungen für eine Lösung des Atomkonflikts an: „Die Frage der Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel kann gelöst werden, wenn Südkorea und die USA auf unsere Bemühungen mit Wohlwollen reagieren, eine Atmosphäre des Friedens und der Stabilität schaffen, während gleichzeitig progressive und synchrone Schritte in Richtung des Friedens ergriffen werden“, zitierte ihn die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua.

China unterrichtete die USA und Südkorea umgehend über den Besuch. Die Regierung in Peking habe dabei auch eine persönliche Nachricht von Xi Jinping an Trump übermittelt, berichtete die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders, in Washington. Die jüngsten Entwicklungen seien ein weiterer Beweis dafür, dass Trumps Kampagne des maximalen Drucks eine „angemessene Atmosphäre“ für einen Dialog mit Nordkorea schaffe. Die USA stünden in engem Kontakt mit Südkorea und Japan, sagte Sanders.

Chinas Führung schickt auch den hohen Außenpolitiker Yang Jiechi, nach Seoul, um Südkoreas Regierung zu unterrichten. Kim Jong Un will sich Ende April mit Südkoreas Präsident Moon Jae In im Grenzort Panmunjom treffen. Bei einem Treffen am Donnerstag soll der Gipfel vorbereitet werden. Das Treffen zwischen Kim Jong Un und Trump soll nach südkoreanischen Angaben bis spätestens Ende Mai stattfinden.

Vorher sah es Nordkoreas Machthaber offenbar als notwendig an, die wegen des Atomstreits abgekühlten Beziehungen zum traditionellen Verbündeten China zu verbessern. Chinas Präsident beschrieb die Gespräche als „freimütig und freundschaftlich“, was in der diplomatischen Sprache als Hinweis auf Differenzen gewertet werden kann. Die Entwicklung der traditionellen Freundschaft sei „die einzig richtige Entscheidung“ beider Länder, sagte Xi Jinping.

Nordkoreas Führer, der die Kontakte zu Peking seit seinem Amtsantritt 2011 nicht mehr gepflegt hatte und abweisend schien, nannte die Beziehungen zu China in dem Treffen sogar „unerschütterlich“. Es sei die „strategische Wahl“ seines Landes, die Freundschaft mit China „unter den neuen Umständen“ zu entwickeln, was sich auf keinen Fall ändern werde. Er sicherte zu, künftig engen Kontakt zu Peking halten zu wollen und den Austausch auf eine neue Ebene zu heben.

Xi Jinping lobte die „positiven Veränderungen“ auf der koreanischen Halbinsel und begrüßte die Bemühungen Kim Jong Uns. China halte am Ziel einer Beseitigung der Atomwaffen, der Sicherung von Frieden und Stabilität und einer „Lösung der Probleme durch Dialog und Konsultationen“ fest. Sein Land werde weiter eine „konstruktive Rolle“ spielen. Xi Jinping forderte „alle Seiten“ auf, die Verbesserung der innerkoreanischen Beziehungen zu unterstützen und konkrete Schritte zu ergreifen, um Friedensgespräche zu ermöglichen.

Kim Jong Un sagte laut Xinhua, die Lage auf der koreanischen Halbinsel beginne sich zu bessern. Nordkorea habe die Initiative ergriffen, um die Spannungen zu verringern, und Vorschläge für Friedensgespräche gemacht. „Es ist unsere beständige Haltung, dass wir der Entnuklearisierung der Halbinsel verpflichtet sind.“ Kim Jong Un hatte seit Jahresbeginn überraschend eine Annäherung gegenüber Südkorea verfolgt. Sein Land nahm an den Olympischen Winterspielen teil. Auch plant er im April den Gipfel mit Präsident Moon Jae In.

Dass er als Ziel seiner erste Auslandsreise als nordkoreanischer Führer China gewählt habe, zeige seinen Willen, die traditionelle Freundschaft voranzubringen, sagte Kim Jong Un. Er nannte seine Gespräche mit Xi Jinping „erfolgreich“. Bei seinem Besuch hatten Chinas Präsident und seine Frau Peng Liyuan einen Empfang für den Machthaber und dessen Frau Ri Sol Ju gegeben. Auch Premier Li Keqiang und Vizepräsident Wang Qishan sowie Mitglieder des Zentralkomitees hatten Gespräche mit ihm geführt. Er war am Montagnachmittag in Peking eingetroffen und am Dienstagnachmittag wieder zurückgereist.

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