Auswirkungen des Klimawandels : Kieler Forscher zur Zukunft der Meere: „Wir müssen jetzt handeln“

Ulf Riebesell beim Forschungseinsatz im schwedischen Gullmarsfjord.
Ulf Riebesell beim Forschungseinsatz im schwedischen Gullmarsfjord.

Der Klimawandel zwingt Ozeane in die Knie – Kieler Forscher haben untersucht, wie es um die Zukunft der Meere bestellt ist.

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05. November 2017, 16:40 Uhr

Kein Dienstleister dieser Welt kann den Service toppen, den uns die Meere tagtäglich erweisen. Sie regulieren unser Klima, liefern uns Nahrung, sind Ort der Erholung. Doch all diese Leistungen sind in Gefahr. In diesen Tagen endet ein großes Forschungsprojekt zur Auswirkung des Klimawandels auf die Meere. Acht Jahre lang haben mehr als 250 Wissenschaftler weltweit zum Thema Ozeanversauerung geforscht – unter der Leitung des Kieler Meeresbiologen Ulf Riebesell vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Bevor er die Ergebnisse in der kommenden Woche auf der UN-Klimakonferenz in Bonn vorstellt, haben wir ihn zum Interview getroffen.

Zuerst die gute Nachricht: Sie haben herausgefunden, dass sich viele Meeresbewohner an die Ozeanversauerung anpassen und negative Einflüsse teilweise kompensieren können. Aber warum klappt das nicht immer?

Leben bedeutet Anpassung. Die Natur passt sich immer an. Das Problem ist jetzt, dass die Ozeanversauerung sehr schnell abläuft, in einem erdgeschichtlich einmaligen Tempo. Das macht eine evolutionäre Anpassung für Organismen mit langen Generationszeiten schwierig. Evolution braucht immer viele Generationen. Je mehr Generationen und je mehr Organismen daran teilnehmen, desto höher das Potential. Bei den Mikroorganismen wird das ganz gut klappen, weil sie sich täglich fortpflanzen und gleichzeitig zu Hunderttausenden pro Liter vorkommen. Die schaffen es, mit der raschen Veränderung standzuhalten. Aber viele höhere Lebewesen pflanzen sich nur einmal im Jahr fort – bis 2050 sind das nur noch gut 30 Generationen. Das wird nicht ausreichen, um sich anzupassen. Die werden noch in den alten Kleidern rumlaufen, wenn die Umgebungsbedingungen längst völlig andere sind.

Problematisch wird es immer dann, wenn zusätzlicher Stress hinzukommt. Wodurch werden die Lebewesen denn noch gestresst?

Zum Beispiel durch Erwärmung, Verschmutzung, Überdüngung und Überfischung. Zusätzlicher Stress vermindert die Fähigkeit, negative Effekte der Ozeanversauerung zu kompensieren. Deshalb unsere Forderung, Verschmutzung und Überdüngung möglichst zu minimieren.

Wie viel Stress haben denn unsere heimischen Meeresbewohner in Nord- und Ostsee zusätzlich zur Versauerung?

In Nord- und Ostsee kommen die globalen und lokalen Stressfaktoren oft in Kombination zum Tragen. Unsere Studien zeigen, dass sie sich gegenseitig verstärken können. In der Ostsee kommt noch die Verminderung des Salzgehaltes hinzu. Weil wir mehr Niederschläge bekommen, wird sie weiter aussüßen. Das ist für die meisten Meeresorganismen ein Riesen-Stressfaktor. Darum finden wir in der Ostsee auch relativ wenige Arten, die Vielfalt nimmt von der Nordsee Richtung Ostsee immer weiter ab. Die Grenze, ab der bestimmte Meeresbewohner noch existieren können, wird sich in Zukunft weiter nach Westen verschieben.

Nicht unwesentlich für Schleswig-Holstein: Zu den Organismen, die vom Ozeanwandel profitieren, gehören auch die als Blaualgen bekannten Cyanobakterien, die im Sommer für Badeverbote sorgen.

Blaualgen bekommen zukünftig einen Doppelbonus: Sie profitieren von der Erwärmung und dem erhöhten CO2-Gehalt im Wasser, der sie schneller wachsen lässt. In den Sommermonaten passiert in der Ostsee etwas, was nur den Blaualgen eine Nische eröffnet: ein Überschuss an Phosphor und ein Mangel an Stickstoff. Kombiniert mit Wärme und einer stabilen Wasserschichtung bietet es ihnen ideale Bedingungen. Sie können sich massenhaft vermehren. Das Fatale ist, dass einige dieser Blaualgen giftig sind. Dann müssen ganze Strände gesperrt werden. Da unsere Meere immer wärmer werden, wird auch diese Nischen-Bedingung für die Blaualge öfter und länger zustande kommen.

Wenn die Meere immer saurer werden, bekommen vor allem Kalk-Organismen ein Problem. Können unsere Urenkel Korallenriffe und Muscheln nur noch im Naturkundemusem betrachten?

Es wird auch in Zukunft noch Korallen und Muscheln in den Meeren geben. Aber möglicherweise nicht in der gleichen Verbreitung und Vielfalt. Für Kalk bildende Organismen bedeutet Ozeanversauerung, dass sie mehr Energie aufwenden müssen, um ihre Schalen und Skelette zu bilden. Das können sie nur, wenn sie anderswo Energie einsparen, zum Beispiel beim Wachstum oder in der Fortpflanzung. In einem hart umkämpften Lebensraum sind sie dann oft nicht mehr konkurrenzfähig. Modellrechnungen zeigen, dass wir etwa 50 Prozent der heute vorhandenen Korallenriffe verlieren werden, allein dadurch, dass die globale Temperatur um mehr als 1,2 Grad steigen wird. Ozeanversauerung kommt für die Korallen noch als weiterer Stressfaktor hinzu und ist in den meisten Prognosen noch gar nicht eingerechnet.

Wie wirkt sich die Ozeanversauerung auf die Fischbestände aus?

Bei allen Fischen sind besonders die Jungstadien empfindlich für die Versauerung, weil ihre Kiemen noch nicht voll ausgebildet sind. Wir haben hier speziell den Dorsch untersucht. Unsere Studien haben gezeigt, dass junge Dorsche schon bei durchaus moderaten Versauerungs-Szenarien eine um 50 Prozent verringerte Überlebensrate haben. Wenn man das hochrechnet auf die Entwicklung des Dorschbestands, bedeutet das eine Verringerung auf weniger als ein Viertel der heutigen Bestände. Die Ergebnisse haben viel Aufmerksamkeit bei der EU erregt. Aber natürlich ist es immer noch ein Zukunftsszenario, das durch weitere Studien überprüft werden muss. Unser Plädoyer: Um eine nachhaltige Nutzung der Bestände zu sichern, muss man das schon heute bei den Fangquoten berücksichtigen.

Es gibt eine riesige Auto-Lobby. Eine Industrie-Lobby. Wie findet der Ozean Gehör?

Bis auf einige NGOs, die sich für dieses Thema einsetzen, gibt es keine Ozean-Lobby. Das Problem ist, dass der Ozean zum einen den meisten Menschen recht fern ist, zum anderen all diese Veränderungen, über die wir sprechen, in die Zukunft gedacht sind. Die schlimmsten Auswirkungen sind noch außerhalb dieser Legislaturperiode. Deshalb sind unsere demokratischen Systeme nicht besonders geeignet, auf langfristige Veränderungen zu reagieren. Wir stellen kurzfristige Interessen über das Vorsorge-Prinzip. Doch je länger wir warten, um so schwieriger und teurer wird es, die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Mit welchen Erwartungen fahren Sie zur Weltklimakonferenz nach Bonn?

Wir sind hoch motiviert und möchten unsere Erkenntnisse in die Öffentlichkeit und zu den Entscheidungsträgern tragen. Die klare Botschaft ist: „Wir müssen jetzt handeln, sonst sind die Folgen unüberschaubar.“ Bei den Verhandlungen in Bonn geht es ja darum, wie man die Gesellschaften zügig zu
CO2-neutralem Wirtschaften wandeln kann. Da kommen viele nationale Interessen zum Tragen – allen voran Ängste, was die eigene Wirtschaft betrifft. Die Riesenherausforderung ist, zu verstehen, dass wir als Erdgemeinschaft gemeinsam handeln und gemeinsam die Konsequenzen tragen müssen. Dies erfordert das Überwinden von nationalen Interessen – hier sitzen wir alle im selben Boot. Die Bewältigung des Klimaproblems ist in meinen Augen die größte Herausforderung für die Menschheit in diesem Jahrhundert.

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