Interview mit Bildungsministerin : Karin Prien: „Wichtig ist, dass die Leistung stimmt“

Karin Prien (52, CDU) stellt die Frage in den Raum, „ob die ‚Kuschelpädagogik‘ der vergangenen Jahrzehnte immer richtig war“.
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Karin Prien (52, CDU) stellt die Frage in den Raum, „ob die ‚Kuschelpädagogik‘ der vergangenen Jahrzehnte immer richtig war“.

Bildungsministerin Karin Prien will ein höheres Niveau an den Schulen und macht deutlich, dass das neue G9 nicht etwa ein leichtes G9 wird.

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04. Januar 2018, 12:55 Uhr

Frau Prien, was ist besser: Regieren in Kiel oder Opponieren in Hamburg?
Natürlich meine Arbeit hier in Kiel. Opposition ist notwendig, aber weniger erfüllend. Und in Schleswig-Holstein ist man angenehm entspannt, vieles wirkt gelassener und unprätentiös. Ich fühle mich hier wohl.

…also zieht es Sie nicht auf den Bürgermeisterstuhl an der Elbe?
Ich liebe meine Arbeit in Kiel und es zieht mich nirgendwo anders hin.

Die große Reform der Legislaturperiode – die Rückkehr zu G 9 – haben Sie gleich in den ersten Monaten Ihrer Amtszeit umgesetzt. Kehrt jetzt in Schleswig-Holstein der ersehnte Schulfrieden ein?
Die Debatte über G9 war in den vergangenen Wochen und Monaten von hoher Fachlichkeit und Ernsthaftigkeit geprägt. Eigentlich drehten sich die Diskussionen nur um das Wie, nicht um das Ob. Das freut mich, weil ich es so nicht erwartet hatte. Weitere große Schulgesetzänderungen sind nicht geplant, damit dürften wir uns dem Schulfrieden in der Tat nähern. Wir werden behutsame Kurskorrekturen vornehmen.

Das Sterben der Grundschulen hat also ein Ende? Und auch die Debatte über zu kleine Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen? Das sorgt doch immer für Unfrieden.
Uns spielt der demografische Wandel ein Stück weit in die Hände: Wir haben – wenn auch regional sehr unterschiedlich – wieder mehr Schülerinnen und Schüler. Zudem gibt es keinen Grund zur Sorge: Mindestgrößen für Grundschulen und Oberstufen sind zwar gesetzlich festgeschrieben, aber jede Entwicklung wird lange – manchmal über Jahre – beobachtet, bevor über Standort- oder gar Schulschließungen gesprochen werden muss. Wir haben im Haushalt Geld eingestellt, um Grundschulen zwei oder drei Jahre länger die Chance zur Entwicklung zu geben und die Vorgaben zu erfüllen.

Die Gymnasien rechnen mit einem Boom bei den Anmeldungen, weil Eltern, die bislang wegen des Turboabiturs ihr Kind lieber zur Gemeinschaftsschule schickten, wieder das Gymnasium vorziehen könnten.
Die Spekulationen kenne ich – ich teile diese These nicht, das wird gerne dramatisiert. Die schriftliche Schulartempfehlung wird eine größere Lenkungswirkung haben als die Dauer des Bildungsganges. Eltern wissen, dass es kein guter Einstieg für eine erfolgreiche Bildungsbiografie ist, wenn ihr Kind überfordert ist und vielleicht nach der 6. Klasse das Gymnasium wieder verlassen muss. Zumal sich herumgesprochen hat, dass die Gemeinschaftsschule alles andere als eine Bildungssackgasse ist und diese Schulart viel besser ausgestattet ist als die Gymnasien. Es gibt mehr Differenzierung, mehr Unterrichtsstunden und mehr Unterstützung an den Gemeinschaftsschulen. Aber beide Schularten haben unbedingt ihre Berechtigung. Das Profil nur an acht oder neun Schuljahren festzumachen, ist zu einfach. Nur zwei Stichworte: Die Gemeinschaftsschulen haben eine hohe Expertise im Umgang mit Heterogenität, das Lernen findet betreuter und unterstützender statt; und Gymnasien haben vor allem das Ziel, auf eine akademische Ausbildung an den Hochschulen vorzubereiten.

Wenn Sie mit der Schulartempfehlung steuern wollen, warum machen Sie diese dann nicht verbindlich – so dass Kinder mit Gemeinschaftsschulempfehlung gar nicht erst aufs Gymnasium können?
Ich hielte das für falsch. Eltern lassen sich heute nichts mehr vorschreiben, aber sie lassen sich gerne gut beraten. Und ich werbe dafür, der Bildungsexpertise unserer Lehrkräfte wieder mehr zu vertrauen. Und außerdem hätte es in der Jamaika-Koalition dafür auch keine Mehrheit gegeben. Das Thema steht also nicht zur Debatte.

Mittlerweile gehen 40 Prozent eines Jahrganges aufs Gymnasium – zu viel oder zu wenig?
Wir liegen mit diesem Wert ganz gut, es muss nicht unbedingt noch mehr werden. Wichtig ist, dass die Leistung stimmt. Wenn Abiturienten in Mathematik den Stoff der Sekundarstufe I nicht beherrschen und keinen Dreisatz können, ist das mehr als bedenklich. Eltern sollten deshalb nur Kinder aufs Gymnasium schicken, die gut lernen und mit weniger Unterstützung durch die Schule kommen. Es ist übrigens ein Irrglaube, dass das neue G9 etwa ein leichtes G9 wird. Gymnasien sollen schließlich auf die universitäre Ausbildung vorbereiten. Gleichzeitig war unser Bildungssystem noch nie so durchlässig wie heute und zunehmend eröffnen sich Karrierechancen auch über Gemeinschaftsschulen, Berufliche Schulen und die duale Ausbildung.

Ist die Absenkung des Niveaus nicht längst geschehen?
Die Unis klagen in der Tat über mangelnde Studierfähigkeit. Deshalb werden wir im März erstmals in Schleswig-Holstein einen intensiven Austausch zum Thema Studierfähigkeit zwischen Schulen und Hochschulen initiieren – damit die einen wissen, was die anderen erwarten und klar ist, wer für was verantwortlich ist. Das ist heute noch nicht ausreichend der Fall. Wir wollen nicht, dass jeder vor sich hin arbeitet und wollen auch die Beruflichen Schulen dabei einbeziehen, wo inzwischen 25 Prozent aller Abiturienten herkommen. Es geht um die Frage: Was müssen die Kinder können, bevor sie an der Hochschule anfangen, und was muss die Hochschule in der Eingangsphase machen bei einer so heterogenen Studierendenschaft?

Müssen die Unis nicht ganz andere Lehrer ausbilden, wenn das Ministerium jetzt wieder auf mehr Leistung setzt?
Auch das haben wir eingeleitet. Wir sind mit der Uni Flensburg in sehr guten und konstruktiven Gesprächen.

Sie haben die Daumenschrauben ja schon angezogen. Grundschüler müssen künftig 800 Wörter beherrschen, doppelt so viel wie bisher. Wie reagiert die Lehrerschaft?
Die einen sind begeistert, ein Teil ist skeptisch. Wir wissen aber: Das Dilemma beginnt an den Grundschulen, und deshalb setzen wir dort den Hebel an. Wir müssen uns fragen, ob die „Kuschelpädagogik“ der vergangenen Jahrzehnte immer richtig war. Ich persönlich glaube das nicht, zumal die jüngsten Vergleichstests gezeigt haben, dass der Niveauverlust gerade an den Grundschulen in Deutschland dramatisch ist.

Auch in Schleswig-Holstein?

Wir stehen nicht so schlecht da, aber auch bei uns ist der Leistungsgedanke in der Vergangenheit zu sehr in den Hintergrund geraten. Zudem gelingt es uns immer noch nicht, Kinder mit Migrationshintergrund so zu unterstützen, dass sie in unserem Schulsystem hinreichend erfolgreich sind. In Italien und Russland sind Schulen da besser als wir. Das gilt auch für die Folgen sozialer Herkunft – auch da müssen wir besser werden. Zum kommenden Schuljahr wollen wir die Fachanforderungen ändern und die neuen Leistungsanforderungen festschreiben. Es ist nicht akzeptabel, wenn eine Grundschullehrerin mir sagt: Wir haben es nicht geschafft, das kleine Einmal-Eins zu vermitteln, da müsst ihr Eltern mal sehen, dass ihr das selbst hinbekommt. Das Einmal-Eins war früher Standard am Ende der zweiten Klasse, und heute können Schüler das nicht, wenn sie die Grundschule verlassen? Das geht so nicht.

Haben Sie dafür eine Erklärung?
Ich glaube, dass wir schon im Kita-Alter intervenieren müssen. Da ist bei uns noch viel Luft nach oben – selbst in den Kitas, die besondere Programme zur Sprachförderung haben. Je mehr Erfolg wir in dieser Altersklasse haben, umso besser läuft es später in der Schule. Auch in der Grundschule ist vieles oft gut gemeint aber nicht gut. Fördern und fordern ist auch in Kita und Grundschule der richtige Ansatz. Wir müssen mehr und früher als bisher verbindliche Leistungsstandards definieren und deren Einhaltung gewährleisten.

Glauben Sie denn, dass die Lehrerschaft Ihren Kurswechsel ohne weiteres schlucken wird – die meisten haben ihre Ausbildung in reformpädagogisch dominierten Zeiten gemacht und sind entsprechend geprägt.
Das wird wohl eine ganze Weile dauern und es wird auch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sein. Aber mein Eindruck ist: Es ist insgesamt ein Umdenkungsprozess in der Bildungsforschung und den Erziehungswissenschaften in Gang gekommen. Ich komme als Ministerin in eine Phase, in der das Nachdenken darüber ohnehin stattfindet.

Da, wo sich soziale Probleme und besondere Integrationsherausforderungen ballen, wollen Sie mit dem Bildungsbonus für zusätzliches Personal sorgen. Reicht das?
Nur mehr Personal genügt nicht. Wir brauchen auch wirksame und zielgerichtete Konzepte. Wenn es an bestimmten Standorten besondere Herausforderungen gibt und in absehbarer Zeit viele Kinder aus den DaZ-Klassen in den Aufbaubereich des Regelunterrichts wechseln, schauen wir schon genau hin. Als Steuerungsmaßnahme kommt dann zum Beispiel die Zuweisung an andere Schulen in Frage. In den drei großen Städten Kiel, Lübeck und Flensburg haben wir größere Möglichkeiten als vielleicht in Neumünster mit der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete. Wir können an einem solchen Standort nicht nur die Schulen im unmittelbaren Umfeld die Herausforderungen tragen lassen. Und wir dürfen auch die Förderung der Leistungsstärkeren an diesen Standorten nicht vergessen.

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