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Konfliktlösung mit künstlicher Intelligenz : Kann ein Supercomputer die Welt retten?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Angesichts der Gewaltspirale stellt sich die Frage, ob ein Rechner ohne menschliche Empathie womöglich klügere Lösungsschritte entwickeln könnte.

shz.de von
erstellt am 17.Jun.2017 | 17:21 Uhr

Als im vergangenen Jahr der US-Vorwahlkampf in vollem Gang war, wurden Stimmen laut, die eine Präsidentschafts-Kandidatur des Superrechners Watson forderten. Der Computer des amerikanischen Unternehmens IBM, gegen den kein Schachweltmeister mehr eine Chance hat, sei – so die Befürworter – unbestechlich und könne im Zweifel zu besseren politischen Lösungen führen als wenn ein Mensch das Präsidentenamt innehabe. Natürlich war dies kein Vorschlag mit Aussicht auf Erfolg. Trotzdem fühlte sich die Softwarefirma, die den selbstlernenden Rechner mit Algorithmen „füttert“, zu einer Erklärung verpflichtet. Watson stehe nicht für eine Kandidatur zur Verfügung, ließ IBM mitteilen.

Angesichts der vielen Konfliktherde und komplexen Herausforderungen könnte es trotzdem nicht schaden, würde sich die Politik stärker der künstlichen Intelligenz zuwenden. Zumal man den Eindruck nicht los wird, dass die Zahl der Mächtigen mit Persönlichkeitsstörungen zunimmt. Politik als Machtspiel nach archaischem Verhaltensmuster – voran die Drohung oder der Einsatz von Gewalt – hat Konjunktur. Ihr Vormarsch zu Lasten derjenigen, die um Ausgleich bemüht sind, ist unübersehbar. Ob die Konfrontation mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un, die dramatisch wachsenden Spannungen im Nahen und Mittleren Osten oder der Kampf gegen den internationalen Terrorismus: Den Mächtigen fällt derzeit als Lösung nicht viel mehr ein als die Entsendung schwerbewaffneter Flugzeugträger, der Bau neuer Cyber-Waffen und unheimlicher Drohnen und die Erhöhung der Rüstungsausgaben. Zugleich nehmen die Repressionen gegen unerwünschte Kritiker zu. Zur Umsetzung nationaler Egoismen werden internationale Verträge gekündigt und völkerverbindende Beziehungen gekappt.

Vorbei ist die Phase der politischen Entspannung. Lang ist es her, als der SPD-Kanzler Willy Brandt in den 1960er Jahren mitten im Kalten Krieg mit der Maxime „Wandel durch Annäherung“ die Überwindung der deutschen Teilung einleitete. Nach dem atomaren Wettrüsten begleitete später eine Phase von Abrüstungsverträgen das Tauwetter zwischen Ost und West. Und selbst im Nahen Osten war die Politik viel weiter als heute.

Der Rückfall ins Martialische zeugt nicht zuletzt von Hilflosigkeit. Bestes Beispiel sind der internationale Terror und die Herausforderung durch asymmetrische Kriege wie in Syrien, in denen es keine klaren Fronten mehr gibt. Bomben werden mit noch mehr Bomben vergolten. Oder man nehme den Nahen und Mittleren Osten. US-Präsident Donald Trump versuchte es bei seinem Besuch in der Krisenregion erst gar nicht mit Verhandlungen. Stattdessen schürte er unter den Konfliktparteien Hass und schloss einen Rüstungsdeal mit Saudi-Arabien.

Die Frage ist, ob der Superrechner Watson oder andere, mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Computer ähnliche Wege zur Überwindung der Spannungen vorschlagen würden wie derzeit viele politische Führer – oder ob solche Gewaltspiralen nur menschlichen Gehirnen entspringen. Könnte Watson auch ohne menschliche Empathie, ohne die Fähigkeit, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen, womöglich klügere Lösungsschritte entwickeln – allein schon deshalb, weil er weitsichtig die negativen Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen für Mensch und Natur abzuschätzen weiß?

Längst ist der Einsatz von Hochleistungsrechnern in Wissenschaft und Technik selbstverständlich; viele neue Erkenntnisse gerade in den Naturwissenschaften wären ohne Computereinsatz nicht denkbar. Und bald werden Menschen ihr Leben selbstfahrenden Autos oder Flugzeugen, die allein vom Rechner gesteuert werden, anvertrauen. Nur in der Politik – siehe zuletzt der G7-Gipfel in Sizilien oder das Nato-Jubiläum in Brüssel – geht es teilweise noch so zu wie einst bei Treffen von Stammesfürsten und zu Zeiten der Feudalherrschaft.

Ob die künstliche Intelligenz dem Menschen eines Tages überlegen sein wird, darüber darf gerätselt werden. Unstrittig ist aber, dass Hochleistungsrechner komplexe Zusammenhänge und große Datenmengen unendlich viel schneller sichten und vergleichen können als der Mensch. Jüngstes Beispiel lieferte besagter Computer Watson in der Medizin: In Japan war eine Frau an Blutkrebs erkrankt, der den behandelnden Ärzten Rätsel aufgab. Keine Behandlung schlug an. Schließlich wurde Watson mit allen Diagnosedaten der Patientin gefüttert. Diese glich der Computer innerhalb von Minuten mit Millionen klinischer Krebsstudien ab und kam schließlich zu dem Ergebnis, dass es sich um eine bestimmte, sehr seltene Blutkrebsart handeln müsse. Anhand dieser Diagnose – die Mediziner hätten vermutlich Wochen oder Monate gebraucht, um vergleichbare Arbeit zu leisten – konnten die Ärzte die Therapie ausrichten.

Man stelle sich vor, Großrechner wie Watson würden auf ähnliche Art nach Auswertung aller historischen, ökonomischen, demographischen, kulturellen, sozialen und die verschiedenen Religionen betreffenden Daten diplomatische Lösungswege für den Nahost-Konflikt aufzeigen. Eine Umsetzung würde kaum daran scheitern, dass der Mensch genügend stichhaltige Argumente gegen den Vorschlag der künstlichen Intelligenz vorzubringen hätte. Viel wahrscheinlicher wäre, dass die Eitelkeiten der Regierenden, das Machtstreben und Wirtschaftsinteressen sowie die ideologische Verblendung und der religiöse Fanatismus einzelner Gruppen den Friedensplan platzen ließen. Oder kann sich jemand vorstellen, dass sich US-Präsident von Computer Watson überzeugen ließe, würde dieser Millionen von Daten und Studien zur Klimaveränderung auswerten, den Anstieg des Meeresspiegels und das Schmelzen der Polar-Eiskappen mit früheren Aufzeichnungen vergleichen und schließlich ganz unparteiisch einen Vorschlag unterbreiten, wie die gesamte Menschheit – nicht nur die Bevölkerung in den reichen Industrieregionen – am klügsten auf den Wandel reagieren sollte?

Im Gegensatz zu Watson & Co. kann sich der Mensch frei entscheiden – einschließlich der Möglichkeit, aus tradierten Verhaltensmustern und Denkschablonen auszubrechen. Der Ruf nach mehr und neuen Waffen gehört mit Sicherheit nicht zu den intelligentesten Lösungen. Für diese Erkenntnis bedarf es nicht der Hilfe eines Computers. Ein Blick in die Geschichte reicht. Schlauer ist der Mensch trotzdem nicht geworden.

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