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Offensive in Afghanistan : Kampf gegen Taliban: Bundeswehr in Kundus

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Mit schweren Gefechten überrannten die Taliban Kundus. Der Taliban-Chef spricht von einer „Botschaft des Friedens.“

Kundus/Kabul | Einen Tag nach dem Fall von Kundus hat die afghanische Regierung eine Gegenoffensive zur Vertreibung der Taliban aus der Provinzhauptstadt begonnen. Die US-Armee griff in die Gefechte in der nordafghanischen Stadt Kundus ein. „US-Streitkräfte haben einen Luftangriff in Kundus geflogen“, sagte ein US-Militärsprecher am Dienstag in Kabul. Ziel sei es gewesen, eine Bedrohung der Sicherheitskräfte zu „beseitigen“. Ein kleines Team der Bundeswehr flog nach Kundus.

Die deutschen Soldaten hätten sich am Dienstag vorübergehend „zu Abstimmungsgesprächen“ am Flughafen von Kundus aufgehalten, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. Dabei sei es darum gegangen, „zu verstehen, wie die afghanische Armee gedenkt, die Hoheit über die Stadt zurückzugewinnen“, fügte er hinzu. Die Angehörigen der Ausbildungsmission der Bundeswehr in Afghanistan seien eine Flugstunde von Kundus entfernt stationiert, betonte der Sprecher. Deutsche Soldaten hätten sich nicht an Evakuierungsmaßnahmen in Kundus beteiligt. Ein Sprecher des Entwicklungsministeriums teilte mit, aktuell hielten sich keine deutschen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen mehr in der umkämpften Stadt auf.

Der Nato-Kampfeinsatz endete im Dezember 2014 nach 13 Jahren. Die Bundeswehr zog sich vor zwei Jahren aus der Unruheprovinz Kundus zurück, ist aber noch im 150 Kilometer entfernten Masar-i-Scharif stationiert - allerdings nur zur Ausbildung und Beratung der afghanischen Armee. Die Gewalt in Afghanistan hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Es ist laut Spiegel Online das zweite mal in diesem Jahr, dass die Taliban Kundus angreifen. Die Stadt spielt für die Taliban eine große Rolle: Kundus ist die erste Provinzhauptstadt, die seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 von den Aufständischen erobert wurde.

Afghanische Regierungstruppen seien am Dienstagmorgen in die Stadt im Norden des Landes eingedrungen, sagte Polizeisprecher Sajed Sarwar Hussaini. „Wir haben das Polizei-Hauptquartier und das Provinz-Gefängnis zurückerobert.“ Zwei Jahre nach dem Bundeswehr-Abzug aus Kundus hatten die radikalislamischen Taliban die Stadt am Montag überrannt. Unklar ist, wieviele Menschen bei den schweren Gefechten getötet wurden.

Die Extremisten hatten am Montagmorgen aus mehreren Richtungen mit dem Sturm auf die Stadt begonnen und sie bis zum Abend eingenommen. Aus dem Provinz-Gefängnis befreiten sie nach Regierungsangaben mehr als 600 Häftlinge, darunter 144 Taliban-Kämpfer. Nur noch die Gegend um den Flughafen war unter Kontrolle der Sicherheitskräfte.

Taliban-Chef Mullah Achtar Mohammad Mansur versicherte, die Aufständischen würden „Leben, Besitz und Ehre der respektierten Bürger der Stadt Kundus schützen.“ In einer Mitteilung Mansurs zur „Befreiung“ der Stadt hieß es, die Menschen dort könnten ihr Leben „in absoluter Sicherheit“ weiterführen. „Die Mudschaheddin denken nicht an Rache, sondern sind mit einer Botschaft des Friedens gekommen“, teilte Mansur mit. Er rief Mitarbeiter der „Invasoren und ihres Handlanger-Regimes“ dazu auf, überzulaufen, um ihr Leben und ihren Besitz zu schützen.

Was sind die entscheidenden Daten des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan?

10. Februar 2003:
Deutschland übernimmt gemeinsam mit den Niederlanden die Führung der Internationalen Schutztruppe Isaf. Ein halbes Jahr später übernimmt ein deutscher General die Isaf-Führung für die Nato.

25. Oktober 2003:
Mit dem Eintreffen eines Vorauskommandos beginnt die Bundeswehr ihren Einsatz im nordafghanischen Kundus. Es ist das erste Mal, dass die Isaf ihr Einsatzgebiet über die Hauptstadt Kabul hinaus ausweitet.

19. Mai 2007:
Bei einem Taliban-Selbstmordanschlag auf dem Markt in Kundus-Stadt werden drei deutsche Soldaten getötet. Der Anschlag gilt als Wendepunkt in der bis dahin relativ sicheren Provinz.

4. September 2009:
Bei einem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff auf zwei gekaperte Tanklastzüge in Kundus sterben Dutzende Menschen, darunter viele Zivilisten. Im Zuge der Aufarbeitung eines der verheerendsten Luftschläge des Afghanistan-Kriegs verlieren ein Minister, ein Staatssekretär und der Generalinspekteur der Bundeswehr ihre Ämter.

4. April 2010:
Bei den bis dahin schwersten Gefechten in der Geschichte der Bundeswehr werden drei deutsche Soldaten in einem Hinterhalt der Taliban in der Provinz Kundus getötet.

26. Januar 2012: Der Bundestag beschließt den Beginn des Bundeswehr-Abzugs. Die Zahl der Soldaten wird reduziert.

6. Oktober 2013:
Die Bundeswehr übergibt das Feldlager Kundus an die Afghanen. Damit endet nach zehn Jahren der deutsche Einsatz in der gefährlichen Provinz, die bis heute nicht befriedet ist.

Warum hat die Bundeswehr Kundus vor zwei Jahren verlassen?

Die Nato hat den Abzug aus Afghanistan bereits 2010 bei einem Gipfel in Lissabon beschlossen. Ab Anfang 2012 wurde die Bundeswehrtruppe in Afghanistan von mehr als 5000 Soldaten Schritt für Schritt verkleinert. Die Bundesregierung traute den afghanischen Streitkräften nach dem Abzug aus Kundus zu, selbst für die Sicherheit in der Provinz sorgen zu können. Als einziges Bundeswehr-Feldlager in Nordafghanistan ist Masar-i-Scharif übrig geblieben. Daneben sind noch mehr als 100 Soldaten in der Hauptstadt Kabul.

Was hat der deutsche Einsatz in Kundus gebracht?

Unumstritten ist, dass das militärische und zivile Engagement Deutschlands der Provinz viel Entwicklung gebracht hat. Straßen wurden gebaut, Krankenhäuser errichtet, Stromtrassen verlegt. Die Rechnung allerdings, dass mehr Entwicklung auch mehr Sicherheit bringt, ging nicht auf. Kundus ist heute unsicherer als jemals seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor knapp 14 Jahren.

Was können die deutschen Soldaten jetzt tun?

Nicht viel. Sie können allenfalls die afghanischen Streitkräfte beraten. Eine Unterstützung mit Kampftruppen ist ausgeschlossen. Dafür gibt es kein Mandat des Bundestags. Der Kampfeinsatz der Nato wurde Ende 2014 offiziell beendet.

Warum ist die Bundeswehr dann überhaupt noch in Afghanistan?

Vor allem zur Ausbildung der afghanischen Streitkräfte. Daneben hat die Präsenz der Nato-Truppen für die Afghanen vor allem einen psychologischen Wert. Die US-Streitkräfte bekämpfen die Taliban zudem weiter auf eigene Faust mit gezielten Luftangriffen.

Wird die Bundeswehr nun länger bleiben als geplant?

Das ist gut möglich. Ursprünglich war geplant, dass sich die Nato-Truppen schon ab Anfang 2016 aus der Fläche nach Kabul zurückziehen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat aber bereits vor einem überstürzten Abzug gewarnt. Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold meint, dass eine Verlängerung des Ausbildungseinsatzes notwendig ist. „Angesichts der Situation in Afghanistan wäre es falsch, die Afghanen völlig alleine zu lassen.“

Ist es möglich, dass die Bundeswehr wieder ins Gefecht zieht?

Das ist extrem unwahrscheinlich. Eine politische Mehrheit für einen solchen Schritt ist auch bei einer weiteren Verschlechterung der Lage kaum denkbar.

Wie konnte es überhaupt zum Fall von Kundus kommen?

Ein afghanischer Regierungsmitarbeiter, der anonym bleiben will, sagt, die im früheren deutschen Feldlager in der Nähe des Flughafens stationierte Armee habe zunächst nicht in die Kämpfe eingegriffen. „Die Polizei musste sich stundenlang alleine durchschlagen, bis Hilfe kam. Aber dann war es zu spät.“ Generell mangele es innerhalb der afghanischen Sicherheitskräfte an Kooperation.

Was bedeutet der Fall von Kundus für Afghanistan?

Die Eroberung ist eine gewaltige Machtdemonstration der Taliban. Sie ist zugleich eine Demütigung für den afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani, der am Dienstag sein erstes Amtsjubiläum beging. Nicht zuletzt ist der Sturm auf Kundus eine Niederlage der internationalen Gemeinschaft, der es in den 14 Jahren seit dem Sturz des Taliban-Regimes nicht gelungen ist, Afghanistan zu stabilisieren. Das führt unter anderem dazu, dass eine erneute Massenflucht aus dem Land eingesetzt hat. Afghanen stellen inzwischen nach Syrern die größte Gruppe von Flüchtlingen, die in der EU Asyl beantragen.

Können Regierungstruppen Kundus zurückerobern?

Die Regierungstruppen sind in der Übermacht und begannen am Dienstag eine Gegenoffensive. Ihnen drohen aber lange und blutige Häuserkämpfe in der dicht besiedelten Stadt mit ihren 300.000 Einwohnern. Die Taliban sind kaum von Zivilisten zu unterscheiden. Besonders unter dem paschtunischen Teil der Bevölkerung in Kundus haben die Taliban außerdem Unterstützer. Präsident Ghani kündigte ein behutsames Vorgehen an, um Zivilisten nicht zu gefährden.

Die Eroberung von Kundus durch die Taliban löste eine Debatte um den geplanten Abzug der Bundeswehr aus Nordafghanistan aus. Der SPD-Politiker Rainer Arnold forderte eine Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in dem Bürgerkriegsland. Die rund 700 deutschen Soldaten im Norden Afghanistans sollten ein weiteres Jahr bis Ende 2016 in voller Stärke dort bleiben, sagte der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. „Angesichts der Situation in Afghanistan wäre es falsch, die Afghanen völlig alleine zu lassen.“

Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte am Wochenende vor einem zu frühen Truppenabzug aus Afghanistan gewarnt. Bisher ist geplant, im Laufe des Jahres 2016 alle Nato-Truppen aus der Fläche nach Kabul zurückzuziehen. Arnold meint, dass das zu früh ist. „Eines kann es nicht geben: Dass wir zuschauen, wie die Taliban das Land überrennen“, sagte er.

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erstellt am 29.Sep.2015 | 16:15 Uhr

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