zur Navigation springen

Ostpreußen : Kaliningrad: Russischer WM-Spielort mit deutschen Wurzeln

vom

In Kaliningrad hat die deutsche Vergangenheit eine große Bedeutung. Wie geht man damit in der russischen Exklave um?

shz.de von
erstellt am 16.Nov.2017 | 14:00 Uhr

Kaliningrad | Vor der Krim-Angliederung (bzw. Annektierung) war Kaliningrad (ehemaliges Königsberg) die jüngste Region Russlands. Knapp über 70 Jahre sind vergangen, seit es russisch geworden ist. Bis in die 90er Jahre war es ein militärisches Sperrgebiet und für ausländische Besucher nicht zugänglich. Nun ist Kaliningrad einer der Veranstaltungsorte der kommenden Fifa-Weltmeisterschaft. Das große internationale Event soll mehr Touristen in das schöne Ostseeküsten-Gebiet locken. Vor allem ausländische. Die deutsche Vergangenheit spielt dabei eine Kernrolle. Allerdings für jeden eine unterschiedliche. Für Kaliningrader ist sie ein Teil ihrer Identität, für staatsnahe Medien eine Bedrohung und für die Regierung eine Chance, Geld in den städtischen Haushalt einzubringen.

Hintergrund zu Kaliningrad

Kaliningrad ist die Hauptstadt der westlichsten Region Russlands. Es ist eine Exklave an der Ostseeküste, die zwischen Polen und Litauen liegt. Bis 1946 hieß die Stadt Königsberg und war die Hauptstadt von Ostpreußen, Teil des Freistaates Preußen im Deutschen Kaiserreich.

Im Laufe des Zweiten Weltkrieges wurde Königsberg von der Roten Armee besetzt und später als Folge des Potsdamer Abkommens unter sowjetische Verwaltung gestellt. 1946 wanderten sowjetische Bürger ins Gebiet ein. 1947 wurden durch Stalins Befehl zirka 25.000 der verbliebenen deutschen Bevölkerung deportiert.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeitserklärung der baltischen Staaten im Jahr 1992 ist das Kaliningrader Gebiet zur Exklave geworden.

 

„Mehr zerstört als zuvor“

Während des Zweiten Weltkrieges wurde der größte Teil Königsbergs durch britische und sowjetische Luftangriffe zerstört. Nachdem das Gebiet russisch geworden ist, musste es schnell wiederaufgebaut werden. Allerdings hat man dabei nicht an das Königsberger Kulturerbe gedacht. Die Kaliningrader Historikerin und Kunstwissenschaftlerin Irina Kozhevnikova meint, dass es nicht in Frage kam, die Stadt historisch wiederaufzubauen. So wie in Dresden funktionierte der Aufbau nicht. Dafür müsste man das Königsberger Erbe als wertvoll wahrnehmen und finanzielle Kapazitäten haben. Beides fehlte. Teilweise aus ideologischen Gründen. In der UdSSR hat man die „neue Welt“ gebaut, wo zum Beispiel Religion keinen Ort in der Gesellschaft fand. So hat man in den 70er Jahren die Königsberger Kirchen abgerissen und an deren Ort Wohnhäuser gebaut“, erzählt Kozhevnikova.

Die folgenden Fotos zeigen, wie sich Kaliningrad verändert hat:

Kneiphofinsel, heute heißt sie Kant-Insel.

Fotos: Postkarte von Vorkriegszeit, Michail Li

Allerdings, wurden die verbliebenen Gebäude im guten Zustand aus praktischen Gründen renoviert und benutzt. So ist es mit vielen Wohnhäusern, Schulen, Krankenhäusern, Fabriken und administrativen Gebäuden passiert. In den 80er Jahren wurden auch viele Objekte renoviert und ihnen ein neues Leben gegeben. So wurde die Luisenkirche in ein Puppentheater verwandelt, die Kirche zur Heiligen Familie wurde zur Konzerthalle. Im Dohnaturm ist heute das Bernsteinmuseum, und die ehemalige Stadthalle beherbergt das Museum für Geschichte und Kunst.

In den 90er Jahren ergab sich die Möglichkeit, eine Liste von Objekten der Kulturerbe zusammenzustellen und zumindest formal eine große Zahl von Architektur-Denkmälern unter Schutz zu stellen. Allerdings lag vieles in Ruinen und verfiel weiter, weil niemand sich darum kümmerte. In den letzten 15 Jahren wurde mehr zerstört als zuvor. Die Beispiele sind zahlreich. Aber es ist wichtig zu verstehen: das Kaliningrader Gebiet ist Teil Russlands und alles, was hier mit dem Kulturerbe passiert, ist ein Teil von einem überregionalen Prozess. Das gleiche passiert mit dem russischen Kulturerbe in jeder anderen Stadt Russlands, sagt Kozhevnikova.

Europäischer als andere

Nichtsdestotrotz ist Königsbergs Geschichte für Kaliningrader von großer Bedeutung. Es wird hier über die verbliebenen historischen Gebäude diskutiert. Es wird an gebürtige Königsberger wie Immanuel Kant, Käthe Kollwitz und Hannah Arendt erinnert. In der regionalen Bibliothek steht die letzte statt im Philosophie-Regal im Regal Heimatkunde, obwohl sie kaum über Königsberg geschrieben hat.

Das Gebäude der Albertus-Universität Königsberg. Heute ist es die Baltische Föderale Immanuel-Kant-Universität.

Fotos: Postkarte von 1907, Michail Li

Die Kaliningrader Soziologin und Dozentin an der Immanuel-Kant-Universität Anna Alimpieva erforscht die Identität der Kaliningrader Bevölkerung seit mehreren Jahren. In ihren Forschungsarbeiten behauptet sie, die geopolitische Lage spiele eine bedeutende Rolle in der Entstehung des lokalen Selbstbilds. Kaliningrader seien europäischer als Anwohner der restlichen russischen Regionen.

Bereits in der Sowjetzeit hatten Kaliningrader die Möglichkeit, mit der westlichen Kultur in Kontakt zu treten, obwohl sie in einem geschlossenen Militärgebiet wohnten. In postsowjetischer Zeit wurden die Kontakte mit europäischen Ländern noch intensiver und Reisen ins benachbarte Polen und Litauen sind häufiger geworden als in andere Gebiete Russlands. Darum ist es nicht verwunderlich, dass Identität, Ansichten und Lebenstil von Kaliningradern einen westlichen, vor allem europäischen Einfluss, haben, meint die Wissenschaftlerin.

„Germanisierung“ und „Russophobie“

Der aktuelle Name wurde der Stadt fast zufälligerweise gegeben. 1946 kurz nach ihrer Übernahme von der Sowjetunion starb der Bolshevik und formelles Staatsoberhaupt Michail Kalinin. Königsberg wurde ihm zu Ehre in Kaliningrad umbennant. Heute wird der Name Kalinin vor allem mit Stalins Massenrepressionen in Verbindung gebracht. Aus diesem Grund tauchen immer wieder Diskussionen über die Rückkehr zum uhrsprunglichen Namen. Staatnahes Fernsehen nennt die Befürworter der Umbenennung "russophob". Gleichzeitig, laut Umfragen, will die Mehrheit der Kaliningrader sowie die Regierung der Name behalten.

Kaiserbrücke, heute nennt man sie Jübiläums-Brücke.

Fotos: Postkarte von 1917, Michail Li

Wegen der westlichen Lage Kaliningrads und einer der niedrigsten Unterstützung der Führungspartei in Russland, ist Propaganda hier besonders aktiv. 2016 hat der staatsnahe lokale Fernsehsender den Begriff Germanisierung in öffentliche Debatten eingeführt. Zum ersten Mal tauchte er im Bezug zu einem deutschen Straßenschild auf, das an einem historischen Gebäude hängt. Im offenen Brief von Veteranen und patriotischen Aktivisten an den Kaliningrader Gouverneur wurde es als aggressives Eindringen von deutscher Kultur in gesellschaftliches Leben von Kaliningrader Gebiet bezeichnet.

Chruschtschowkas im Hansastil

Gleichzeitig ist die ostpreußische Vergangenheit ein Kern der lokalen Tourismusindustrie. Besonders aktuell ist der Umgang mit historischen Denkmälern im Licht der kommenden Fifa-Weltmeisterschaft geworden.

So will man zum Beispiel die Ruinen des Königsberger Schlosses in ein Freilichtmuseum verwandeln. Im Zweiten Weltkrieg wurde es heftig von englischen Bombardierungen und Angriffen der Roten Armee getroffen. Seine Ruinen, die noch bis 1968 stehen blieben, wurden gesprengt und dem Erdboden gleichgemacht. Erst heute wird auch das Haus von Immanuel Kant wiederaufgebaut, das bisher im ruinösen Zustand war.

Domplatz, heute ist dort der Kalinin-Zentralpark für Kultur und Erholung.

Fotos: Postkarte von Vorkriegszeit, Michail Li

In manchen Fällen wird die Vergangenheit sogar nachgespielt. So hat man die Chruschtschowkas-Fassaden auf dem Leninsky Prospekt - der Hauptstraße von Kaliningrad - pseudohistorisch renoviert. Um welchen Architekturstil es sich dabei handelt, ist schwer zu sagen. Politiker behaupten, es sei Hansastil. Mit dem Königsberger Erbe habe es allerdings wenig zu tun, meint Irina Kozhevnikova.

Kaliningrader Touristen sind überwiegend Gäste aus anderen Regionen Russlands. Deren Anzahl ist dabei nicht so hoch, wie man es sich wünscht. Im letzten Jahr kamen 1,3 Millionen Besucher nach Kaliningrad, die Kapazitäten der Region sind allerdings doppelt so hoch.

Haus der Technik, ein Ausstellungsgebäude der Deutschen Ostmesse 1925, Heute steht dort ein Einkaufszentrum.

Fotos: Postkarte von 1938, Michail Li

Eine große Auswirkung auf den lokalen Tourismus hatte ein Militärstatus des Gebietes. Bis in die 90er Jahre durfte kein Ausländer Kaliningrad betreten. Mittlerweile ist es möglich, aber viele schreckt die Visavergabe ab. Für Europäer, die fast überall in der Welt frei reisen dürfen, ist es offensichtlich eine große Hürde. Dadurch ist Kaliningrad innerhalb Europa relativ isoliert.

Das soll sich in Zukunft ändern. Laut russischer Regierung soll es ab 1. Juli 2019 möglich sein, elektronische Visa für Russland zu bekommen. Bedingung ist, dass man über Kaliningrad anreist. Für die Besucher der Weltmeisterschaft ist die Einreise bereits erleichtert. Das Ticket wird automatisch als Visum gelten.

Unsere Autorin Viktoria Mokretsova hat Journalistik und Europawissenschaften in St. Petersburg studiert. Sie stammt aus dem russischen Kaliningrad und hospitiert derzeit als Stipendiatin der Marion-Dönhoff-Programm in unserer Redaktion.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen