SPD-Sonderparteitag : Juso Kevin Kühnert ist der Darling der Sozialdemokraten

<p>Im Gegensatz zu Martin Schulz erntet Kevin Kühnert bereits nach wenigen Sekunden Applaus. </p>

Im Gegensatz zu Martin Schulz erntet Kevin Kühnert bereits nach wenigen Sekunden Applaus.

Lauer Beifall für Parteichef Schulz und die große Frage: Besser Zwerg in der Opposition als Riese in der Groko?

shz.de von
21. Januar 2018, 18:24 Uhr

Bonn | Er hat sein Ziel erreicht. Aber trotzdem lief es nicht gut auf dem Bonner SPD-Parteitag für den Spitzenmann Martin Schulz. Dessen Werben um ein Ja zur Großen Koalition erreichte zwar die Köpfe, aber nicht die Herzen der 600 Delegierten. Lauer Beifall, gerademal eine Minute lang, für den einst als „Gottkanzler“ verehrten Schulz. Anderen gelang es sehr wohl, Funken zu zünden und den Zauderern die Aufnahme von Gesprächen mit der Union letztlich abzutrotzen. Ganz groß raus kam allerdings ein anderer: der oberste Groko-Gegner Kevin Kühnert.

Martin Schulz sitzt nach seiner Rede wie erstarrt in der ersten Reihe, weil seine leidenschaftlichen Appelle verglühen. „Wenn wir uns heute die Ergebnisse der Sondierungen anschauen, dann können wir sagen: Wir haben eine Menge erreicht und könnten damit vieles einlösen, was wir im Wahlkampf versprochen haben", hat der 62-jährige SPD-Vorsitzende den Delegierten zuvor zugerufen. Parteien seien dafür da, das Leben der Menschen zu verbessern. Dafür sei die SPD gegründet worden. Und dafür gebe es jetzt eine reale Chance. Mit Blick auf das Sondierungspapier betont Schulz: „Jamaika hätte Deutschland schlechter regiert." 

Für eine Koalition des „Weiter so" stehe die SPD nicht zur Verfügung, versichert der Parteichef, der erschöpft aussieht bei der wohl wichtigsten Rede seiner Laufbahn und sich erst langsam frei redet. Zwar habe die SPD in den Sondierungen nicht alles erreicht, aber sie werde für weitere Verbesserungen kämpfen, sollte es auf diesem Parteitag ein Ja zu Koalitionsverhandlungen geben. „Lasst uns Meister im Gestalten sein", ruft Schulz. Neuwahlen seien für die SPD nicht der richtige Weg. Dennoch: Nur müder Applaus plätschert durch den Saal.

Sein Widersacher, der Jungsozialist Kevin Kühnert, schafft es dagegen in Sekunden, den Kongress zu Beifall hinzureißen. Der 28-jährige Student ist der Darling des Parteitags. Kühnert ruft die Delegierten erneut dazu auf, trotz der weitreichenden Konsequenzen nicht vor einem Votum gegen eine Große Koalition zurückzuschrecken. „Heute einmal ein Zwerg sein, um künftig wieder Riesen sein zu können“, ist seine Losung für die Erneuerung der SPD in der Opposition. Damit spielte er auf eine Aussage des CSU-Landesgruppenchefs Alexander Dobrindt an, der den Jusos einen „Zwergenaufstand“ vorgeworfen hatte. Wenig witzig: Die Jusos laufen als Antwort mit Zwergenmützen durch die Säle.

Kühnert, das Gesicht des Widerstands gegen die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD, sieht die Sozialdemokraten in einer „Vertrauenskrise“. Die Kehrtwenden der SPD, die zunächst zweimal eine Neuauflage der Groko ausgeschlossen hatte, hätten Vertrauen gekostet –  nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der Partei, klagt der Juso-Chef. Zudem sei die SPD oft wie ein Pressesprecher der Koalition aufgetreten, nicht wie ein selbstbewusster Koalitionspartner. „Lasst uns am heutigen Tag nicht nur das Risiko sehen, sondern lasst uns auch die Chancen sehen“, wirbt Kühnert für den Rückzug der SPD. Nach acht Jahren großer Koalition in den vergangenen zwölf Jahren seien „wesentliche Gemeinsamkeiten aufgebraucht“.

Kühnert trifft das Herz der Delegierten, sie jubeln ihm zu, ein paar stehen auf. Profis wie Olaf Scholz und Karl Lauterbach gratulieren ihm ausdrücklich zu einer „großartigen Rede“, deren Inhalte aber weisen sie wie auch Manuela Schwesig zurück. Die Familienpolitikerin ruft den Delegierten zu, in einer neuen Groko seien jetzt endlich Finanzhilfen für Kinder möglich, die CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble  in den letzten vier Jahren verweigert habe.

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil springt sofort in die Bresche, als er Kühnerts Feuerwerk sieht. So laut und so kämpferisch hat man Weil, der sich selbst ein „Kaltblut“ nennt, noch nie erlebt. „Wer nicht auf dem Platz steht, kann keine Tore schießen“, feuert er den Delegierten entgegen. Er kämpfe „aus tiefer persönlicher Überzeugung“ für den Eintritt in Verhandlungen mit der Union. Denn: Er sehe seine Partei in der Verantwortung, die großen sozialen Fortschritte, die mit der Union ausgehandelt worden seien, nun auch umzusetzen. Kurzer Beifall, aber Weil hat eindeutig  mehr Sympathien als Schulz.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius wirbt ebenfalls für die Groko. Er verstehe die Sorge der Genossen, dass die SPD ihren Markenkern verliere. „Das ehrt uns“, meint der Osnabrücker. Aber bei realistischer Betrachtung zeige sich, dass die Sondierer im Ringen mit der Union „ unendlich viel  erreicht haben“. Er lasse sich „sehenswerte Erfolge von niemandem kaputt reden“, stellt Pistorius klar.

Leidenschaft zeigt auch SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles. „Was ist denn das Große, was die Groko-Gegner wollen?“, greift sie Kühnert an. „Wir geben doch die SPD nicht auf, wenn wir in Verhandlungen gehen mit der Union.“ Nahles gibt Fehler der SPD zu, es sei schlecht gelaufen bei der Kommunikation in letzter Zeit. „Aber was hat das mit Merkel, Dobrindt und den anderen zu tun? Das müssen wir selbst lösen“, ruft sie. „Das einzige, was ich Euch versprechen kann: Wir werden verhandeln, bis es quietscht“, kündigt sie Nacharbeiten mit der Union bei der Abschaffung von sachgrundloser Befristung, bei der Bürgerversicherung und beim Flüchtlingsnachzug an. Jubel rauscht auf, auch sie sticht Schulz aus. Daniela De Ridder, SPD-Abgeordnete aus der Grafschaft und Groko-Befürworterin , schwärmt: „Ein grandioser Beitrag.“

„Die Stimmung war schon mal besser hier“, beschreibt wenig später SPD-Vize Ralf Stegner die Lage. „Aber wollen wir den Dobrindts und Spahns das Land überlassen?“, redet er seinen Leuten ins Gewissen.

Auf den Fluren des Bonner Kongresszentrums betretene Mienen. Die Kalkulationen, dass zwei Drittel der 600 Delegierten Schulz am Ende folgen werden, geraten ins Rutschen. Am Ende sind es gerade einmal 56 Prozent. Der Schulz- Hype ist endgültig verpufft. Er war – wie viele jetzt sagen – wohl auch ein Akt der Befreiung, als der ungeliebte Parteichef Sigmar Gabriel abtrat und sich plötzlich eine echte Alternative zur Union auftat. Auf dem Parteitag in Bonn zeigt sich: Andere sind die Motoren der Partei – Andrea Nahles, Stephan Weil und – ja – auch Kevin Kühnert.

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