zur Navigation springen

Hintergrund und Analyse : Julia Klöckner: Die lächelnde Reservekanzlerin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie ist die Hoffnungsträgerin in der Union – die Spitzenkandidatin zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz der Gegenentwurf zu Merkel

shz.de von
erstellt am 27.Jan.2016 | 07:13 Uhr

Kanzlerinnendämmerung, Lust am Untergang in der Union – die Szenarien für einen Wechsel im Kanzleramt überschlagen sich, weil Regierungschefin Angela Merkel (CDU) nicht so schnell wie gefordert die Lösung der Flüchtlingskrise anbietet. In Gedanken ist ein Kanzler schnell abgelöst, aber wer soll dann kommen? Meist wird Finanzminister Wolfgang Schäuble (73) als möglicher Nachfolger genannt. Auf Zeit, bis 2017. Und dann?

Eine 44-Jährige bringt sich ins Spiel: Julia Klöckner, stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende. Zu früh, winken die Spekulanten ab. Erst einmal müsse Klöckner am 13. März die Wahl in Rheinland-Pfalz gewinnen. Abwegig, sagen die anderen. Denn: Die Kanzlerin sei keinesfalls amtsmüde. Merkel sei gelassen und kampfbereit – ihren schnellen Abgang schließen Kenner aus. Im Gegenteil: Das Motto Luthers „Hier stehe ich – ich kann nicht anders“ gebe der Pastorentochter Merkel Energie.

Julia Klöckner tut derweil alles, ihr Image als „Hoffnungsträgerin“ und „Ausnahmeerscheinung“ zu festigen. „Im Kern kommt es in der Politik darauf an, Probleme zu lösen“, sagt sie im Interview mit dem Herder-Verlag, der ihr ein 184-seitiges Buch widmet. Der Satz offenbart ihr zupackendes Naturell. Und er beschreibt ihr Ziel: Klöckner ist eine Machtpolitikerin durch und durch. Die zerstrittene rheinland-pfälzische CDU hat sie geeint und fest im Griff. Die Mainzer SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer wurde mit ihrer Partei von Klöckners CDU in den Umfragen bereits überflügelt – sie kämpft mit einem Lächeln und allen Tricks.

Auch im CDU-Bundesvorstand, im Beisein Merkels, nimmt sich Klöckner klare Ansagen heraus: „Einfach mal die Klappe halten“ – so kanzelte sie jene ab, die mit Dauerstreit um die Flüchtlingspolitik ihren Wahlsieg in Mainz vermasseln könnten. Die Forderung des Finanzministers, der grauen Eminenz der CDU, nach einer Benzinsteuer räumte Klöckner mit wenigen Sätzen ab. Es sagt viel über den Zustand der Konservativen, wenn die 44-Jährige ohne Regierungserfahrung schon als Reservekanzlerin gehandelt wird.

Klöckner hat die Unterstützung jenes Teils der Union, der mit Sorge die Überalterung der CDU sieht – 59 Jahre alt sind die Mitglieder im Durchschnitt. Und Klöckner hat das katholische Netzwerk als Rückhalt. Die studierte Theologin gehört dem Zentralkomitee der Katholiken an. Ohnehin beherrscht die frühere Chefredakteurin eines Wein-Magazins „Networking“ perfekt – sie merkt sich blitzschnell Namen, kommt auf die Menschen zu. Eine erfrischende Erfahrung in der Welt der Politik, die manchmal in Selbstgefälligkeit erstarrt.

Sie galt als „Muttis Liebling“, als eine von Merkel geschätzte Nachwuchskraft. Ist das noch so? Darüber wird gerätselt. Die Partei liebt Klöckner als typologischen Gegenentwurf zur Vorsitzenden. Merkel wird respektiert als überlegene Analytikerin und geschätzt, solange sie Wahlerfolge der Partei garantiert. Klöckner dagegen wärmt auch die Herzen der CDU, kommentiert der „Deutschlandfunk“ .

Natürlich unterstütze sie Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik voll, sagt Klöckner. Doch sie sagt dauernd Sätze, die Merkel nie sagen würde. Und sie ging mit dem Vorstoß, durch Tageskontingente die Flüchtlingszahl zu drosseln, durchaus auf Gegenkurs. Klöckners Plan A2 hat das Ziel, vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz bei den Wählern zu punkten, die bei Merkel einen Plan zur Flüchtlingspolitik vermissen. Der Nebeneffekt für die Kanzlerin könnte sein, sollte es ganz eng für sie werden beim EU-Flüchtlingsgipfel Mitte Februar in Brüssel: Klöckner hat ein Ausstiegsszenario für Angela Merkel vorbereitet. Plan A2 kann zum Plan B für die Kanzlerin werden. Nicht wenige halten dies für eine abgesprochene Sache.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen