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Scheidender Bundespräsident : Joachim Gauck geht jetzt segeln

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nicht mehr Reden und Reisen, sondern Erholung – Gauck bleibt auch nach seiner Amtszeit in Berlin.

Berlin | Noch-Bundespräsident Joachim Gauck hat etwas geschafft, was nur wenigen gelingt. Er geht, als sein Ansehen größer nicht mehr werden kann und alle guten Reden gehalten sind. Einen „Glücksfall“ nennt die graue Eminenz der Bundesregierung, Finanzminister Wolfgang Schäuble, den früheren Pastor. Mehr Lob ist nicht möglich. Am Sonntag wird aller Wahrscheinlichkeit nach Frank-Walter Steinmeier zu Gaucks Nachfolger gewählt. Was hat der Alt-Präsident vor, der im letzten Sommer wochenlang zauderte und sich dann aus Altersgründen gegen eine zweite Amtszeit entschied? „Ich freu mich wirklich auf Erholung und eine lange Zeit, in der ich nicht zu allen Dingen meine Meinung sagen muss“, sagt der 77-Jährige in einem Abschieds-Interview. Gleichzeitig sei er „noch voller Leidenschaft“.

Was genau von diesem rastlosen Demokratielehrer zu erwarten ist, bleibt offen. Als Pastor kann der frühere Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde und einstige DDR-Widerständler nicht tätig werden. Er ist seit 1990 laisiert. Eines aber steht fest: Gauck, der schon vor Amtsantritt vor fünf Jahren in Schöneberg eine Wohnung hatte, will in Berlin bleiben. Am 18. März bezieht er in der Hauptstadt auch ein repräsentatives Büro mit insgesamt neun Räumen und Personal in einer Bundestagsetage. Das steht ihm und den anderen Alt-Präsidenten Horst Köhler (73) und Christian Wulff (57) zu – wie auch Dienstwagen, Fahrer und lebenslanger Ehrensold von derzeit 214.000 Euro pro Jahr.

Gaucks Erbe ist von unschätzbarem Wert: Er hat das seit den vorzeitigen Abgängen von Köhler (2010) und Wulff (2012) lädierte Präsidentenamt repariert – mit Leidenschaft, Liebe zu den Menschen und sicherem Gespür für den richtigen Ton. Der Pfarrer legte glücklicherweise schnell seine Kanzel-Rhetorik ab und wurde nach anfänglichem Zaudern zum politischen Präsidenten, der seine Möglichkeiten ausreizt.

Er war es, der auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms als Erster dem „Wir schaffen das“ der Kanzlerin Bedenken entgegensetzte. „Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Diese Mahnung Gaucks im September 2015 traf den Nerv – und leitete eine Wende in der Flüchtlingspolitik ein. Der Präsident hatte gelernt aus Gesprächen mit vielen Bundesbürgern, die sich von der Flüchtlingswelle überfordert sahen. Noch im Juni 2014 hatte Gauck der Politik die Leviten gelesen. Auch wenn Deutschland für Flüchtlinge bereits viel getan habe, sagte Gauck damals, es sei nicht so viel, „wie es uns selbst manchmal scheint“. Am umstrittensten war seine Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2014, bei der er mehr deutsches Engagement in der Außenpolitik – notfalls auch militärisches – verlangte. Diese Forderung hat derzeit hohe Aktualität angesichts der Kritik aus den USA an den „Profiteuren“ in Europa.

Im Taxi hatte der damals 72-jährige Gauck am späten Abend des 19. Februar 2012 erfahren, dass auch die anfangs zögerliche Kanzlerin Angela Merkel ihn als Präsidenten wollte. 2010 hatte Merkel den Vorstoß von Rot-Grün für den Ostdeutschen noch verhindert. Die beiden haben jetzt offenbar ihren Frieden gemacht. Jetzt soll die Zeit der Reisen und Reden vorbei sein.

Er wolle mehr segeln gehen und er freue sich, künftig nicht mehr von Sicherheitsbeamten beobachtet zu sein, verrät der Mecklenburger Gauck. In Wustrow an der Ostsee hat er ein kleines Haus. Begleiten wird ihn auch in Zukunft die Journalistin Daniela Schadt, die als „First Lady“ eine gute Figur machte. Dass sie mit Gauck nicht verheiratet war, empfanden manche Konservative als Affront. Auch das ist Vergangenheit.


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